Kategorie: 21. Jahrhundert

Was ist der Mensch, wenn die Welt endet? Cormac McCarthys Roman »Die Straße«

Die Welt eines Romans ist immer eine erfundene Welt. Das meinen wir, wenn wir von fiktionaler Literatur sprechen. Das Universalwörterbuch der deutschen Sprache aus dem Duden-Verlag hat für das Wort »Fiktion« zwei Definitionen. Das deutsche Wort ist ein Lehnwort aus dem Lateinischen. Dort heißt es sinngemäß: »bilden«, »formen«, »erdichten«. Es geht in fiktionalen Texten also um etwas, das nur in einer Vorstellung existiert; es handelt sich um eine Vorstellung, die man sich von etwas erdichtet. In der Philosophie, so das Wörterbuch, handele es sich um eine »bewusst gesetzte widerspruchsvolle oder falsche Annahme als methodisches Hilfsmittel bei der Lösung eines Problems«.

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Vom Untergang der Welt oder: Ilija Trojanows Roman »EisTau«

Der Ich-Erzähler in Ilija Trojanows 2011 erschienenem Roman EisTau ist der Gletscherforscher Zeno Hintermeier. Der Verlust der Liebe seines Lebens, die ein Alpengletscher war, der den Folgen des menschengemachten Klimawandels zum Opfer gefallen ist, nimmt ihm den Sinn seines Lebens. Er verlässt mit Anfang 60 die Universität und wird Lektor auf einem Kreuzfahrtschiff, mit dem die Fahrgäste die Antarktis erkunden können. Für die circa 300 Passagiere der erzählten Reise muss Zeno aber auch die Rolle des Exkursionsleiters übernehmen, nachdem dieser krankheitsbedingt nicht an Bord ist. Zeno und die ganze Führungselite des Schiffes stammen aus Westeuropa; die in der Regel reichen

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Vom Untergang der Welt oder: Roman Ehrlichs Roman »Malé«

Auf Seite 116 wird ohne Hinweis auf Josef von Eichendorff zitiert: »Es war, als hätt der Himmel die Erde, still.« Okay, das Zitat ist nicht korrekt wiedergegeben, aber in Roman Ehrlichs Roman »Malé« sicher kein Zufall. Später dann: »Es ging die blaue Blume auf. […] Und blühte Einsamkeit.« (S. 116) Zudem dürfte der Name »Der blaue Heinrich« für den zentralen sozialen Treffpunkt in Ehrlichs Roman kaum zufällig gewählt sein. Er verweist zunächst auf den kulturgeschichtlich aufgeladenen »Blauen Heinrich«, einen Spucknapf der Tuberkulosekranken, evoziert zugleich aber – im Kontext der zahlreichen romantischen Anspielungen des Romans – unweigerlich Gottfried Kellers Bildungsroman »Der

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Vom Untergang der Welt oder: Jessie Greengrass’ Roman »Und dann verschwand die Zeit«

Im Januar 1362, den Überlieferungen nach vom 15. bis zum 17. Januar, kam es an der Nordseeküste, unter anderem vor Schleswig, Friesland und Dänemark, zu einer verheerenden Sturmflut. Dabei könnten 25.000 Menschen ums Leben gekommen sein. Im Plattdeutschen spricht man bis heute von der »Grote Mandränke«, was übersetzt sinngemäß »Großes Ertrinken« heißt. Siedlungsgebiete, die man erst im 12. Jahrhundert urbar gemacht hatte, darunter das sagenhafte Rungholt, wurden dauerhaft überschwemmt; die heutige Küstenlinie formte sich. Heute weiß man wohl, dass die Entwässerung des Moores und der Torfabbau – also die rücksichtslose Ausbeutung natürlicher Ressourcen – dazu führten, dass sich das Bodenniveau

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Digitalisierung ohne Tiefe: Was die Laptop-Generation lehrt

(© Torsten Larbig) Sasha Rogelberg veröffentlichte am 21. Februar 2026 im angesehenen Wirtschaftsmagazin Fortune einen Beitrag über eine ernüchternde Bilanz der digitalen Schuloffensive in den USA; Milliardeninvestitionen in Laptops und Tablets — ohne erkennbaren Lerngewinn: »The U.S. spent $30 billion to ditch textbooks for laptops and tablets: The result is the first generation less cognitively capable than their parents« (Abruf: 22.02.2026). Im Kern geht es um die Frage, was man mit Daten macht, die darauf hinweisen, dass bestimmte kognitive Leistungen erstmals seit Langem nicht mehr steigen, sondern teilweise zurückgehen. Die FAZ hat ebenfalls darüber berichtet und nachgedacht1 (Paywall möglich; Abruf:

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Die glatte Oberfläche des Ungefähren: Warum Plausibilität in der Oberstufe nicht reicht

Wenn ich mir anschaue, was KI zu leisten in der Lage ist, beeindruckt mich (in den unterschiedlichen Modellen mit deutlichen Abstufungen, die hier aber nicht näher analysiert werden sollen) die rhetorische Eleganz, mit der diese generativen, rein auf Statistik beruhenden Sprachmodelle Leerstellen füllen. Wir sprechen bei der KI bei einer solchen Füllung von Leerstellen von »Halluzinationen«. Dabei erfindet eine KI Fakten, die statistisch wahrscheinlich, aber inhaltlich falsch sind. – Das ist im schulischen Kontext nicht neu. Als Deutsch- und Religionslehrer, als Philologe und Theologe, begegnet mir diese Form der Spekulation vor allem im schulischen Kontext regelmäßig. Und dennoch ist das,

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Lernender bleiben – Eine Selbstvergewisserung

Vor 32 Jahren schrieb ich meine ersten E-Mails und begann digitale Kommunikation in sogenannten »Internet-Relay-Chats« (IRC). Vor 26 Jahren lernte ich Grundlagen der HTML (Hypertext-Markup-Language), woraufhin ich mit viel Mühe meine erste Website programmierte. Vor 18 Jahren begann ich dann mit Content-Management-Systemen (CMS) zu experimentieren. Zwischenzeitlich versuchte ich mit verschiedenen Systemen Internetinhalte zu verwalten und zu publizieren. Aber dann entschied ich mich im Laufe des Jahres 2008 für WordPress und begann mit meinem Blog. Das gibt es bis heute. Und die Links zu den einzelnen Beiträgen haben sich seitdem nicht verändert. Das heißt: Wer 2008 einen Beitrag von mir in

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Theater als Herausforderung: Mit Benjamin Brittens »Peter Grimes« an der Oper Frankfurt in die neue Saison. Oder: Warum Oper heute relevant ist: über Außenseiter, Gerüchte und Gemeinschaft

Wenn der Herbst vor der Tür steht – und jetzt riecht es schon deutlich nach ihm, die Nächte werden länger und frischer, die Kastanien fallen – beginnt die neue Saison der darstellenden Künste: des Schauspiels, der Oper, des Balletts. Meine Saisoneröffnung fand dieses Jahr in der Oper Frankfurt mit Benjamin Brittens »Peter Grimes« statt. Damit habe ich es mir selbst schwer gemacht, denn die Oper ist für mich nach wie vor die fremdeste Form der darstellenden Künste. Ich habe die Oper erst spät entdeckt, obwohl das erste Konzert mit unserem Schulchor, an das ich mich erinnern kann, eine in Teilen

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Zwischen Impuls und Illusion – KI als Kreativitätsbooster für Leher:innen?

Künstliche Intelligenz, von der so viel gesprochen wird, macht mich neugierig – und skeptisch. Ich beobachte: Während die einen KI bereits für Unterrichtsentwürfe, Musterlösungen für Klassenarbeiten oder Arbeitsblattideen einsetzen, fragen andere: »Wo bleibt da die Professionalität?« Oder: »Wird unsere pädagogische Arbeit jetzt automatisiert?« Auch eine wichtige Frage: »Kann ich Schüler:innen KI verbieten, sie aber selbst nutzen?« Die Vorstellung, dass KI als Kreativitätsbooster dienen kann, klingt verlockend. Doch sie verlangt danach, genauer hinzusehen. Denn zwischen Inspiration und Irritation ist es oft nur ein schmaler Grat. KI liefert Impulse – aber auch Beliebigkeiten In der Praxis zeigt sich: KIs können durchaus auf

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Gedanken zu staatlichen und / oder schulspezifischen Handyverboten an Schulen

1 Die strengen Nutzungsregeln für Smartphones an unserer Schule (Link aktualisiert 13.3.2025), die auf ein Verbot der Nutzung ohne Erlaubnis durch Lehrer:innen hinauslaufen, trage ich mit. Ich habe diesen zugestimmt, obwohl ich mich über Jahre dafür engagiert habe, dass Bildungsprozesse die Digitalisierung positiv aufgreifen und Schüler:innen all das mitgegeben bekommen, was sie benötigen, um digitale Kompetenz (Digitalkompetenz; Medienkompetenz – kurz: digital literacy) zu lernen. Wir haben dieses Ziel der digital literacy nicht erreicht. Social Media2 haben die Schüler:innen in ihren Händen, statt dass die Schüler:innen Social Media in ihren Händen hätten. Schüler:innen werden von Social Media manipuliert.3 – Das Smartphoneverbot

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Die Handschrift, das Lernen und andere Formen von Prüfungen

In der NZZ ein Artikel, der einmal mehr betont, dass die Handschrift das Gehirn in besonderer Weise stärke. Immer noch wird auf die Studie von 2014 verwiesen, die sich auf Studierende bezog. Überhaupt wird die Handschrift immer mit dem Lernen korreliert. Aber was ist denn nun mit erfahrenen Schreibern, die über Jahre per Hand geschrieben haben, das heute noch immer tun, sich aber beim Tippen einfach wohler fühlen. Dass Schreiben (und Lesen) nicht gleichzeitig mit dem Tippen gelernt werden kann, liegt für mich nahe. Beim Tippen kann ich das Prinzip, das hinter der Form der Buchstaben steht, deren Gesetzmäßigkeit ja

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ChatGPT und die Bildung. (»Gastbeitrag« von ChatGPT und dessen Reflexion, inkl. Verweise auf LdL und TZI.)

Ich habe ChatGPT gebeten, einen Gastbeitrag für meinen Blog zu schreiben, in dem es darum geht, dass die Bedeutung von ChatGPT für die Bildung überschätzt wird. Ich finde das Ergebnis interessant, auch wenn es albern wäre, hier von der Selbstreflexion eines statistisch operierenden maschinellen Werkzeugs zu sprechen. Ich habe mir erlaubt, den Beitrag zu kommentieren. Meine Kommentare sind im Text in kursiver Schrift zu finden. Alles Nicht-Kursive ist 1:1 ChatGPTs Antwort. Als ChatGPT, ein Sprachmodell, das von OpenAI entwickelt wurde, bin ich ein mächtiges Werkzeug für viele Anwendungen, einschließlich der Bildung. Allerdings bin ich der Meinung [dass ein Sprachmodell meint,

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Zweiter Schultag. Oder: Wie viele Arten Stille…?

Die Stille einer Klasse, die einen Lehrer bekommt, den kein Kind aus der Klasse kennt. – Es gibt viele Formen der Stille. In der Schule. Die Stille bei einer Klassenarbeit ist anders als die Stille, wenn eine Klasse einem Lehrer oder einer Lehrerin zum ersten Mal begegnet. Die Stille eines neuen Oberstufenkurses, in der ersten Stunde, wenn die Schüler:innen einander nur teilweise und andere vom Sehen kennen, ist wieder anders. Die Stille einer Schule in den Ferien, nach Unterrichtsschluss, während Elternabenden. Während des schriftlichen Abiturs. Wir nennen das alles Stille. Was beschreiben wir damit? Das gilt auch für die Geräusche,

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Kurze und vorläufige Bestandsaufnahme – Pandemiefolgen im Schulalltag

Auf den ersten Blick könnte der Eindruck entstehen, Corona sei an meinen Schüler*innen – Gymnasium in einem bürgerlichen und eher wohlhabenden Umfeld – einigermaßen erträglich vorbeigegangen. Und dort, wo schulische Probleme sichtbar werden, ob diese ursächlich mit der Pandemie zusammenhängen oder ob nicht, soll hier nicht diskutiert werden, gibt es Förderunterricht, sodass man meinen könnte, dass alles gut sei.

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Weltlos mäandernde Gespräche. Über Sigrid Nunez’ »Der Freund« und Sally Rooneys »Gespräche mit Freunden«

Zwei Bücher, die in der SWR Bücherbestenliste auftauchten und deshalb von mir gekauft und gelesen wurden: Sally Rooneys »Gespräche mit Freunden« und nun Sigrid Nunez‘ »Der Freund«. Diese beiden Bücher wurden von mir beim Lesen des Romans von Nunez in den vergangenen Tagen mehr und mehr miteinander verknüpft, so wenig sie auf den ersten Blick inhaltlich miteinander zu tun haben. Es war eher der Sound dieser Bücher, der diese Verbindung verursacht hat, das Gefühl, das ich am Ende der Lektüre hatte: Ja, das sind gute Romane, solide geschrieben, sie greifen Lebensgefühle von Menschen auf – bei Rooney sogar – wie

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Versuch über das Versagen von Bildungspolitik und Schule angesichts der Digitalisierung der Welt

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Was Tweets und Postings auf Facebook mit Strukturen der Bildung zu tun haben. Ein Versuch.

Vorbemerkung: Diesen Essay bitte bis zum Ende lesen, weil sich dann manche Schnappatmung vielleicht in Wohlgefallen auflöst 😉 . In diesem Beitrag berichtete ich von der Versuchung Verhaltensweisen zu be-/verurteilen, die in einen Reflexionsprozess übergeht. Wenn ich meine Facebook-Timeline durchgehe, auf Twitter schaue, dann fällt mir auf, dass es dort kaum Inhalte gibt, die über kürzeste Einwürfe hinaus gehen und mehr als Meinung oder – was freilich auch Meinung ist – Kommentar sind. Es werden Bilder veröffentlicht, Artikel Dritter verlinkt, Befindlichkeiten geteilt… Und das ist alles gut und in diesem Rahmen hat dies seinen Platz. – Wo aber finden die

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Goldene Kamera für Greta Thunberg (Kommentar)

Respekt. Greta Thunberg wurde mit dem Sonderpreis Klimaschutz der Goldenen Kamera geehrt. Sie widmete den Preis den Menschen, die sich für den Erhalt des Hambacher Forstes einsetzen und hielt eine sehr deutliche, bewegende, keinen Zweifel an der Dringlichkeit des Themas aufkommen lassende Rede. Greta Thunberg sagt ruhig und bestimmt, was ist – und ist dabei, zu einer der wichtigen Personen unserer Zeit zu werden. Greta Thunberg hält die Reden, die Politiker*innen weltweit nicht nur halten, sondern nach denen sie handeln müssten; Greta Thunberg hält die Reden, die sich zu sagen trauen, dass die globale Klimakatastrophe eine Katastrophe ist, bei der nicht

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