Kategorie: Dies und Das

Vom Deutsch-Abitur zum Handwerksmeister: Eine gelungene Bildungsbiographie

Vor vielen Jahren machte er bei mir das Abitur im Fach Deutsch. Als ich ihn heute – seitdem zum ersten Mal – in der Stadt traf, erzählte er mir von dieser Prüfung, an die er sich erinnert, die er spannend fand. Er erkannte mich und sprach mich an – wir aßen zufällig am gleichen Imbiss. Dabei erfuhr ich, dass er ein Handwerk gelernt, seinen Meister gemacht und Anfang des Jahres einen Betrieb übernommen hat. Ich habe es schon oft gesagt: Ich feiere alle, die nach der Schule wirklich ihren eigenen Weg suchen und dabei zum Handwerk finden.  Auch er wollte

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Die glatte Oberfläche des Ungefähren: Warum Plausibilität in der Oberstufe nicht reicht

Wenn ich mir anschaue, was KI zu leisten in der Lage ist, beeindruckt mich (in den unterschiedlichen Modellen mit deutlichen Abstufungen, die hier aber nicht näher analysiert werden sollen) die rhetorische Eleganz, mit der diese generativen, rein auf Statistik beruhenden Sprachmodelle Leerstellen füllen. Wir sprechen bei der KI bei einer solchen Füllung von Leerstellen von »Halluzinationen«. Dabei erfindet eine KI Fakten, die statistisch wahrscheinlich, aber inhaltlich falsch sind. – Das ist im schulischen Kontext nicht neu. Als Deutsch- und Religionslehrer, als Philologe und Theologe, begegnet mir diese Form der Spekulation vor allem im schulischen Kontext regelmäßig. Und dennoch ist das,

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Das Zusammenspiel von Wissen und Kompetenz: Warum Bildung beides braucht

In der gegenwärtigen bildungspolitischen Debatte erleben wir eine polarisierende Entwicklung: Auf der einen Seite steht die Überzeugung, im Zeitalter digitaler Verfügbarkeit sei Wissen zweitrangig geworden – Kompetenzorientierung, Lernbegleitung und die Fähigkeit zum »Just-in-Time«-Informationszugang würden genügen. Auf der anderen Seite eine nostalgische Rückbesinnung auf reine Faktenvermittlung. Beide Extreme verfehlen eine fundamentale Wahrheit: Wissen und Kompetenz sind keine Gegensätze, sondern zwei Seiten derselben Medaille. Als Lehrer für Deutsch und (katholische) Religion sehe ich mich in der Verantwortung, diese falsche Dichotomie aufzulösen. Mein Zugang basiert auf der nüchternen Analyse unserer kognitiven Architektur, auf fachdidaktischer Forschung und auf dem tiefen Respekt vor den unterschiedlichen

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Lernender bleiben – Eine Selbstvergewisserung

Vor 32 Jahren schrieb ich meine ersten E-Mails und begann digitale Kommunikation in sogenannten »Internet-Relay-Chats« (IRC). Vor 26 Jahren lernte ich Grundlagen der HTML (Hypertext-Markup-Language), woraufhin ich mit viel Mühe meine erste Website programmierte. Vor 18 Jahren begann ich dann mit Content-Management-Systemen (CMS) zu experimentieren. Zwischenzeitlich versuchte ich mit verschiedenen Systemen Internetinhalte zu verwalten und zu publizieren. Aber dann entschied ich mich im Laufe des Jahres 2008 für WordPress und begann mit meinem Blog. Das gibt es bis heute. Und die Links zu den einzelnen Beiträgen haben sich seitdem nicht verändert. Das heißt: Wer 2008 einen Beitrag von mir in

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Die B-Seite meiner Bibliothek – Warum ungelesene Bücher zur richtigen Zeit wiederkehren

In meiner Bibliothek stehen auch Bücher, die ich nicht gelesen habe. Manche, die in zweiter Reihe stehen, habe ich womöglich sogar vergessen. Das ist aber kein richtiges Vergessen, sondern ein relatives Vergessen. Relativ deshalb, weil ich mich an diese Bücher erinnere, wenn sich ein Grund ergibt, der die Beziehung zu diesem Buch, also die Relation, auffrischt, erneut herstellt. Auch die ungelesenen Bücher haben nämlich einen Grund, dass sie hier stehen: Sie sind mir in Zusammenhängen begegnet, aufgrund derer ich sie angeschafft habe. Warum ich sie dann nicht gleich gelesen habe, weiß ich in den meisten Fällen nicht mehr. Aber sie

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Zwischen Impuls und Illusion – KI als Kreativitätsbooster für Leher:innen?

Künstliche Intelligenz, von der so viel gesprochen wird, macht mich neugierig – und skeptisch. Ich beobachte: Während die einen KI bereits für Unterrichtsentwürfe, Musterlösungen für Klassenarbeiten oder Arbeitsblattideen einsetzen, fragen andere: »Wo bleibt da die Professionalität?« Oder: »Wird unsere pädagogische Arbeit jetzt automatisiert?« Auch eine wichtige Frage: »Kann ich Schüler:innen KI verbieten, sie aber selbst nutzen?« Die Vorstellung, dass KI als Kreativitätsbooster dienen kann, klingt verlockend. Doch sie verlangt danach, genauer hinzusehen. Denn zwischen Inspiration und Irritation ist es oft nur ein schmaler Grat. KI liefert Impulse – aber auch Beliebigkeiten In der Praxis zeigt sich: KIs können durchaus auf

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Über die Unsichtbaren im Umfeld der Frankfurter Buchmesse

Die Frankfurter Buchmesse 2024 ist vorbei. So viele Bücher. Während ich durch die Hallen der internationalen Verlage (Hallen 5 und 6) flanierte, Schriften sah, die ich nicht lesen kann, Sprachen hörte, die ich nicht verstehe, stellte ich mir staunend vor, dass jedes dieser Bücher von mehr oder weniger Menschen erworben und gelesen wird. – Ich kann mir nicht vorstellen, dass auch nur eines der Bücher, die ich beim Gang über die Messe gesehen habe, überhaupt keinen Weg zu Lesern1 finden wird. Was für eine Vielfalt; was für eine Farbenpracht, die oft gerade Bücher für Kinder prägt. Aus meinen Augen ist

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Eingangstür zur Gaststätte »Momberger«, die im Text eine zentrale Rolle spielt.

Beim Flanieren entdeckt: Altes Apfelweinrestaurant in Frankfurt Heddernheim

Das Haus hier gibt es seit 1532. Eine Gaststätte ist es wohl schon seit Jahrhunderten. So genau weiß es die Bedienung nicht. Aber das „Momberger“ sei schon seit Jahrhunderten Gaststätte, da ist sie sich sicher. Von außen Fachwerk, innen ein Holzdielenboden, an der Decke Balken, die so aussehen, als ob sie vor hundert Jahren zuletzt gestrichen wurden, die freiliegenden Steckdosen sind vergilbt. In einer Ecke steht eine alte Standuhr, die aber keine Zeit mehr anzeigt. – Hier wird der Apfelwein nach wie vor im Haus selbst gekeltert. Und in den zwei Stunden, die ich an diesem überraschenden Ort der Gegenwart

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Zweiter Schultag. Oder: Wie viele Arten Stille…?

Die Stille einer Klasse, die einen Lehrer bekommt, den kein Kind aus der Klasse kennt. – Es gibt viele Formen der Stille. In der Schule. Die Stille bei einer Klassenarbeit ist anders als die Stille, wenn eine Klasse einem Lehrer oder einer Lehrerin zum ersten Mal begegnet. Die Stille eines neuen Oberstufenkurses, in der ersten Stunde, wenn die Schüler:innen einander nur teilweise und andere vom Sehen kennen, ist wieder anders. Die Stille einer Schule in den Ferien, nach Unterrichtsschluss, während Elternabenden. Während des schriftlichen Abiturs. Wir nennen das alles Stille. Was beschreiben wir damit? Das gilt auch für die Geräusche,

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Kurze und vorläufige Bestandsaufnahme – Pandemiefolgen im Schulalltag

Auf den ersten Blick könnte der Eindruck entstehen, Corona sei an meinen Schüler*innen – Gymnasium in einem bürgerlichen und eher wohlhabenden Umfeld – einigermaßen erträglich vorbeigegangen. Und dort, wo schulische Probleme sichtbar werden, ob diese ursächlich mit der Pandemie zusammenhängen oder ob nicht, soll hier nicht diskutiert werden, gibt es Förderunterricht, sodass man meinen könnte, dass alles gut sei.

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Kurzer Versuch über den Essay

Der Essay als „Versuch“, wie die wörtliche Übersetzung des französischen „essaier“ lauten kann, stellt vor allem vor die Herausforderung, das eigene Nachdenken und jenes, mit dem man sich z. B. durch Lektüre befasst hat, zu bündeln und in eine Textform zu bringen. Der Essayist schaut sich quasi selbst beim Erwägen und Verknüpfen[^1] zu; er oder sie webt einen Text, schafft eine Textur aus Buchstaben, in die das Werden der Erkenntnis eingewoben ist. Dabei kann der Ausgangspunkt durchaus einer sein, der mit dem unmittelbaren Gegenstand des Denkens auf den ersten Blick nichts zu tun hat. So kann ich fragen, wie wir

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Versuch über die zentrale Rolle der Kolleg*innen an Schulen, die den Stundenplan erstellen und Vertretungsunterricht organisieren

Lehrer*innen wissen, wie wichtig die Arbeit der Kolleg*innen, die den Stundenplan erstellen und Vertretungsstunden organisieren, für die Arbeitszufriedenheit in den Lehrer-Kollegien ist. Wer also überlegt, so die Wahl da ist, ob er oder sie an einer Schule anfangen sollte, sollte ruhig einmal mit den Kolleg*innen sprechen, wie zufrieden sie mit den Stundenplänen sind. – Gerade in Zeiten, in denen viele Stundenpläne mit der Unterstützung von Computern erstellt werden, ist der hohe Anteil an »Handarbeit« bei guten Stundenplänen kaum zu unterschätzen.  Der Weg zum Stundenplan Bei uns beginnt die Arbeit am Stundenplan oft schon um die Osterferien herum. Dann bekommen wir

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Klang-Raum-Wunder (Happy Birthday, Bruder Paulus!)

Heute habe ich ein Klangwunder erlebt.  Was passiert ist: Bruder Paulus Terwitte ofm cap, den ich tatsächlich mehr als die Hälfte meines Lebens und fast die Hälfte seines Lebens kenne, feierte Geburtstag und es gab ein privates Konzert mit einer privaten Lesung (Schwerpunkt war die Lyrik von Nelly Sachs, die Bruder Paulus vermutlich noch mehr ans Herz gewachsen ist, als mir [und ich bin von Nelly Sachs schon seit meinen Studienjahren fasziniert]).  Da wurden Instrumente in der Liebfrauenkirche zu Frankfurt am Main zum Klingen gebracht, die ich nicht kannte. Zunächst hörte ich eine Wasserstichorgel. Dieses Instrument gibt es überhaupt erst

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Goldene Kamera für Greta Thunberg (Kommentar)

Respekt. Greta Thunberg wurde mit dem Sonderpreis Klimaschutz der Goldenen Kamera geehrt. Sie widmete den Preis den Menschen, die sich für den Erhalt des Hambacher Forstes einsetzen und hielt eine sehr deutliche, bewegende, keinen Zweifel an der Dringlichkeit des Themas aufkommen lassende Rede. Greta Thunberg sagt ruhig und bestimmt, was ist – und ist dabei, zu einer der wichtigen Personen unserer Zeit zu werden. Greta Thunberg hält die Reden, die Politiker*innen weltweit nicht nur halten, sondern nach denen sie handeln müssten; Greta Thunberg hält die Reden, die sich zu sagen trauen, dass die globale Klimakatastrophe eine Katastrophe ist, bei der nicht

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2019 beim #EDchatDE – Jetzt bist du gefragt

Der EDchatDE findet am 15.01.2019 zum 224. Mal statt. 224 Mal wurden Themen gewählt, Fragen vorbereitet, übersetzt, der Chat moderiert, in den meisten Fällen waren André, Peter (R.) und Torsten aktiv, Christiane und Mandy unterstützen im Hintergrund. An dieser Stelle danken wir den Kolleginnen und Kollegen, die 2015/16 im Team mitgearbeitet haben und auch an der Erstellung des #EDchatDE-Buchs beteiligt waren (in alphabetischer Reihenfolge): Alicia, Elke, Ines, Monika, Peter (J.) und Urs. Knapp fünfeinhalb Jahre haben wir gezeigt, wie ein Chat funktionieren kann. Darauf sind wir stolz, aber wir beobachten schon länger, dass unsere Terminkalender nicht leerer werden. Und als

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#EDchatDE in 2019 – now it’s your turn

On 15th Jan. 2019, EDchatDE will take place for the 224th time. 224 times topics were chosen, questions prepared, translated, the chat moderated, in most cases André, Peter (R.) and Torsten were active, Christiane and Mandy were background support. We would like to take this opportunity to thank our colleagues who worked in the team in 2015/16 and were also involved in the creation of the #EDchatDE book (in alphabetical order): Alicia, Elke, Ines, Monika, Peter (J.) and Urs. For almost five and a half years we have shown how a chat can work. We are proud of this, but

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Handschrift und Digitalisierung – Individualität und Berechenbarkeit

Gleichförmigkeit zum Zwecke besserer Lesbarkeit, empfindliche Oberflächen aus Metall und Glas, die alle gleich aussehen, und eine Praxis der Fotografie, die auf das Selbstbildnis hin ausgerichtet ist, wobei die Selbstbildnisse in eigenartiger Weise einander ähneln, da mit der gleichen beschränkten Zahl an Filtern bearbeitet, sind einige Indizien für den Prozess zunehmender Indifferenz. Alles wird auf Effizienz getrimmt und muss irgendwie digital abbildbar, somit aber auch verarbeitbar sein.  Auf der anderen Seite ist die persönliche Handschrift persönlicher geworden. In einer Zeit, in der die Handschrift im beruflichen Leben und im Alltag kaum noch eine Rolle spielt, wird eine möglichst lesbare, für

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»Konsequenz« in der Kindererziehung

Abendspaziergang… Vorhin in Frankfurt Sachsenhausen, es war schon dunkel, um die 20 Uhr: Da saß ein Kleinkind am Straßenrand. Kein Elternteil zu sehen. Eine Passantin und ich erfassen gleichzeitig die Situation, gehen zu dem Jungen (vielleicht 3 Jahre alt) und kümmern uns um ihn. Was tun? Wir sprechen ruhig mit dem Kind. Ich gehe zu den nächsten Straßenecken und schaue, ob da jemand auf das Kind wartet, aber ich kann niemanden sehen. Die Passantin gibt dem Kind, das, als sie meinte, es würde sich auf den kalten Steinen erkälten, sagte, es sei schon erkältet, ein Taschentuch. Nach ca 7 Minuten,

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