Ein erster Schultag

Erster Schultag. Zweiunddreißig Menschen – mit dem Lehrer dreiunddreißig. In einem Klassenraum. Am Beamer an der Decke ein Zettel. Der Beamer gehört der Technik-AG. Diesen Beamer hat uns einst der Förderverein angeschafft. Der Zettel wurde vor den Ferien dran geheftet. Damit der Beamer nicht entsorgt werde. Neue Beamer waren angekündigt. Wieder einmal. In den Ferien. Keine neuen Beamer. Wieder nicht. Wie oft nun schon »wieder nicht«. An der großen Fläche zum Anbringen von Plakaten – Plakate des vergangenen Jahres. Meine Klasse fragte am letzten Schultag: Warum alles leer räumen? Weil Räume nie versprochen werden können. Damit die nach uns einen Raum neu gestalten können. Damit unsere Nachfolger das neue Schuljahr nicht mit aufräumen beginnen müssen. Wir begannen das neue Schuljahr mit aufräumen. Im neuen Klassenraum. Groß genug. Das geht mit zweiunddreißig. Und dann drücke ich den Knopf, mit dem das Lehrerpult zum Stehpult wird. Ich sehe. Ich höre. Da sind andere im Raum, die so einen Arbeitsplatz gern hätten. Im Stehen. Arbeiten. Lernen. Das gilt ja auch als gesund. Stühle und Tische wachsen nun einmal nicht mit. Neuer Stundenplan. Zweiunddreißig Stunden. Das merke ich erst jetzt: Zweiunddreißig Schüler:innen bekommen zweiunddreißig Stunden Unterricht. Nicht gleichmäßig: In einer Woche sind es dreiunddreißig, in der anderen einunddreißig. Auf dem Stundenplan gedruckt sehen die eingegrauten Felder wie eine Treppe aus. Von links nach rechts betrachtet führt diese Treppe nach unten; bis in den Nachmittag hinein. Zumindest in der Woche mit den dreiunddreißig Stunden. Dann geht es vier Tage immer weiter in den Nachmittag hinein. – Kuchen. Gleich am ersten Tag Kuchen. Ein Schokoladenkuchen. Ein Zitronenkuchen. Gestern Geburtstag. Hat je eine Schulklasse einigermaßen harmonisch klingend ein Geburtstagsständchen? Müsste man üben. Vielleicht im Musikunterricht. Dieses Jahr Musik. Kunstunterricht im vergangenen Jahr. Neue Fächer. Erdkunde. Physik. Chemie. Aus Nawi wurden drei Fächer. Nebenfächer nun, Nawi war Hauptfach. Ermahnungen. Schulgelände nicht verlassen. Kein Versicherungsschutz. So viele Menschen im Haus wie noch nie. G9. Allzeithoch. Mit Lehrkräften um die tausendvierhundert Menschen. Gebaut wurde die Schule für weniger. Zwischendurch erweitert um Fachräume für Naturwissenschaften. G9. Wieder da. Für kurze Zeit ein achtjähriges Gymnasium. Haben gelernt. Lernen und Bildung brauchen Zeit. Muss nicht nur schulische Bildung sein. Bei G8 noch weniger Zeit für außerschulische Bildung. Aber die muss sein. Schule kann doch nicht alles. Soll alles. Aber kann nicht alles. Manches aber kann sie. Das soll sie tun. Blick durch die Reihen. Manche der Kinder – Jugendliche! – sind in den sechs Wochen deutlich gewachsen. Sechs Wochen sind eine lange Zeit. Schnell vorüber gegangen. Corona ist noch da. Aber nicht mehr im Zentrum. Lüfter wurden keine geliefert für Räume mit offensichtlich schlechter Belüftung. Und wenn sie da sein werden – können sie mit ihrem Stromhunger betrieben werden? Wir haben Intensivklassen. Kinder auf der Flucht. Vor einem halben Jahr rausgerissen aus ihren Schulen. Jetzt bei uns. Wie oft sind deren Gedanken nicht bei uns, sondern bei ihren Vätern? Große Brüder vielleicht? – Erster Schultag. Begrüßung durch Schulleitung und SV. Obwohl nur zwei Jahrgänge: Die Aula ist voll. Alle wiedersehen. Schon schön. Zurück in die Klasse. Sitzplan, Krankheitspartnerschaften. Es ist Montag. Montags habe ich wenig Unterricht auf dem Plan. Montage sind Tage, an denen manches außerhalb des Plans stattfindet. Montags sind Frankfurter Museen zu. An einem Montag macht ein Museum für uns auf. Nicht für die Klasse. Für die Schule. Die ganze Schule. Einen Montag der Kunst. Museum und Schule sind quasi Nachbarinnen. Strahlen in manchen Gesichtern, während dieser Museumstag angekündigt wird. Draußen scheint die Sonne. Alle Fenster offen. Angenehme Temperaturen. Wieder ins Lehrer:innen-Zimmer. Eine Schale mit Süßigkeiten steht da zur Begrüßung. Verabschiedet wurden wir in die Sommerferien mit Eis am Stiel. Mittagessen in der kleinen Bäckerei um die Ecke geholt. Die Chefin kocht jeden Werktag frisch, bereitet Salat zu. Erinnerung an meine eine Großmutter. Auch sie hatte einen Laden. Kochte für Arbeiter einer Kerzenfabrik in der Nähe. Da saßen vielleicht zehn Arbeiter mittags am Tisch und bekamen frisch gekochtes Essen. Gehe ich an der Bäckerei abends vorbei, wird da meist Gemüse geschnitten. Geschnippelt. Geheimtipp. Nicht nur »wie selbst gekocht«. Schreibtisch. Listen. Übertrag von Namen. Datenschutz. Verschlüsselung. Statistiken automatisiert. Als Klassenlehrer die in der Klasse Unterrichtenden mit aktuellen Infos versorgen. Auch andere Klassenleitungen sind aktiv. Nachrichten gehen ein. Kurze Abstimmungen über Verständigungswege. Mailadressen funktionieren nicht. Der Grund ist schnell gefunden. Kein Kommentar. Tee um fünf. Neunzehn Uhr offline. Nachrichten. Salat. Raus. Bewegen. Lektüre. Peter Kurzeck: Und wo mein Haus.

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