Bloggt doch wieder! Ein Motivationsversuch in Zeiten des #TwitterTakeover

Einst, in den vergangenen Zeiten des Web 2.0, als Web-Log-Bücher (Weblogs –> Blogs) auftauchten, in denen ein interaktiver Austausch über Gedanken mehr oder minder hoher Qualität möglich war;

einst, als Gedankengänge und Meinungsäußerungen länger als 240 Zeichen waren und nicht direkt zum Zwecke der personenbezogenen Werbung ausgewertet wurden;

einst, als ein Blog das Produkt eines Bloggers und der Mitteilende nicht Produkt einer »Social-Media-Plattform« war;

einst, als Kommentare umfassend, differenziert und freundlich waren und die Kommentierenden sich mehr oder weniger regelmäßig auch im echten Leben begegneten und sich aus diesem kannten;

einst, in den Nullerjahren, als es Facebook, Twitter, Snapchat, TikTok und Co nicht gab;

einst, als nicht alles besser, hübscher, schöner war als heute …

Mag in diesem Beitrag auch alles dagegen sprechen: Ich bin kein »Früher-war-alles-besser«-Typ. Das mag mir nun geglaubt werden oder nicht. Ich weiß, dass es so ist. (Und das reicht mir.)

Aber ich erinnere bis heute Blogbeiträge, in denen Menschen kluge Gedanken formulierten, mich überraschende Bekenntnisse notierten, sich unausgegorene Gedanken fanden, die nicht gleich mit »Shit« gestürmt wurden.

An welche Tweets, die mich wirklich zum Nachdenken gebraucht habe, erinnere ich mich denn heute noch? Eigentlich erinnere ich nur solche Tweets, die auf einen klugen Beitrag verwiesen haben oder die Fremdschämreflexe auslösten. Und wie viele Tweets habe ich selbst verfasst, die, würde ich z. B. je für ein politisches Amt kandidieren, ausgegraben und gegen mich zu wenden versucht würden?

Ganz ehrlich: Was an Twitter und andern sozialen Medien finden wir eigentlich gut, außer dass sie entweder unseren Narzissmus befriedigen oder versprechen, dass es sein könnte, dass unter Umständen, vielleicht, irgendwann einmal unser Narzissmus befriedigt werden könnte, so wir nicht völlig frei von Narzissmus sind? !

Darüber hinaus: Als das mit Twitter losging, da war Twitter für mich vor allem eine Plattform, auf der ich Menschen begegnete, denen ich im echten Leben nicht begegnet wäre, denen ich dann aber oft sehr bald im echten Leben begegnete. Twitter diente mir am Anfang als mein Blog ergänzendes Medium, als Medium, das genutzt wurde, um das eigentliche Medium meines Nachdenkens so zu unterstützen, dass über Kommentare, Pingbacks und Trackbacks etc. ein vernetzter Austausch entstehen konnte, der von den Zufälligkeiten z. B. der Suchmaschinen etwas autonomer wurde.

Und ich danke Elon Musk, dass seine Übernahme von Twitter und die (nicht immer rationale) Diskussion darüber mich zum Nachdenken darüber brachte, was Twitter für mich einst war und warum mein Blog damals viel wichtiger für mich war als Twitter.

Wir haben eine Blogkultur, die wir mal hatten, vor die Hunde gehen lassen und tun heute so, als ob Twitter, TikTok etc. äquivalent zu einem eigenen Blog wären. So kreativ und spannend ich gerade auf TikTok vieles finde: Auch dort ist man als Nutzer nicht Nutzer eines Produktes, sondern das Produkt einer Plattform, die genutzt wird, diese zu vermarkten.

Mit meinem Blog habe ich (bis heute!) keinen einzigen Cent verdient. Das Hosting hat nur Kosten verursacht. Dafür aber kann ich meinen Hoster anrufen, wenn was nicht läuft, würde mir mein Hoster das Bloggen selbst dann ermöglichen, wenn ich in einer finanziellen Notlage wäre und mir eigentlich keinen Hoster leisten könnte, ohne dass mich mein Hoster je als sein Produkt vermarkten würde. Danke.

Danke Jonas! Du hast mir ja schon Webspace bzw. nahezu frei nutzbaren Platz auf einem Server gegeben, als es »Uberspace« noch gar nicht gab.

Wie wäre es, wenn wir wieder mehr bloggen würden? Wenn »Likes«, die oft gar nicht mehr mit Inhalten, sondern sehr mit Personen verknüpft sind, durch Wertschätzung in Form von Kommentaren oder eben auch Links / Pingbacks / Trackbacks erlauben auf Beiträge, zu denen man sich auf dem eigenen Blog äußert, ersetzt würden? Oh, das gegenseitige Kommentieren war in den Nullerjahren nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen, das konnte da schon hoch hergehen. Aber es waren nie diese Kuhfladen, die in sogenannten »Social Media« allzu gerne benutzt wurden, um zerstörerische Flächenbrände in Form von Shitstorms zu erzeugen.

Wie wäre es, wenn wir uns wieder die Mühe machen, eine Blog-Software, die uns Autonomie bezüglich unserer Präsenz im Internet gibt, nicht nur zu nutzen, sondern deren Nutzung gegebenenfalls auch (wieder) zu erlernen?

Wie wäre es, wenn wir den Mark Zuckerbergs und Elon Musks und wie sie alle heißen, keinen Shitstorm gäben, sondern die Arsch-Karte zeigen würden, indem wir zeigen: Wir können sozial medial miteinander vernetzt sein, ohne zu eurem Produkt, zu eurer Ware zu werden? – Hey, was wir in den Nullerjahren konnten, das ist doch eigentlich so wie das Revival von Vinyl im Musikbetrieb. Das ist kein »Früher war alles besser«, sondern eine Rückbesinnung darauf, dass wir von Social-Media-Plattformen nicht zwangsläufig abhängig sind. Erobern wir uns Autonomie zurück; reaktivieren wir unsere Blogs, lesen wir wieder einander unsere Blogs, kommentieren wir Blogbeiträge nicht länger via Facebook, Twitter etc. Motivieren wir Menschen, Blogs aufzusetzen. Machen wir das Blog wieder zum Trend. Bei Vinyl ist das ja auch gelungen.

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