Perspektiven für Blog-Debatten: Aktuelle Entwicklungen im Netz

Zwei Blogbeiträge geben Anlass zu diesem Blogbeitrag. Warum es wichtig ist, dass ich hier auf Einträge in anderen Blogs reagiere, wird gleich deutlich werden.

Via Twitter stieß ich auf einen Beitrag Matthias Schwenke im „bwl zwei null”-Blog mit dem Titel

Blogs in der Defensive? Über den Kommunikationswandel in sozialen Medien

und von diesem ausgehend dann auf einen Beitrag, der bereits im Mai 2011 von Robert Basic veröffentlicht wurde, in dem er fragt:

Wo ist die Blog-Debatte hin?

In diesem Zusammenhang stieß ich dann bei Robert Basic auf den

Blog-Blurb,

der im Juli 2011 veröffentlicht wurde.

„Blog-Blurb“ meint die kleinen Knöpfchen und nicht immer so kleinen Bildchen unter Blogeinträgen, die der Einspeisung des in Blogs erstellten Inhalts (Contents) in die soziale Netzwerke dienen, in denen sich die Leute heute eigentlich tummeln. Und die Quintessenz der Frage, ob Blogs in der Defensive seien (Matthias Schwenk) und wo die Blog-Debatte hin sei (Robert Basic) hat viel mit dem „Blog-Blurb“ zu tun.

Ja, Diskussionen wandern aus den Blogs aus, so der Eindruck. Sie emigrieren mehr und mehr in soziale Netzwerke jenseits der großen Blogbetreiber, die eigentlich Netzwerke anbieten, selbst soziale Netze sein wollen. Das ist zumindest dann so, wenn ein Blog bei Blogger, blogspot, WordPress.com oder wie die Dienste alle heißen betrieben wird.

Und dann gibt es noch Domain-Inhaber, die eigene Blogs betreiben, die sich selbst um die Infrastruktur kümmern und damit belohnt werden, dass sie die Hoheit über die Inhalte und, das wird in der Debatte oft vergessen, die anfallenden Besucherdaten haben, so keine externen Statistikinstrumente wie Google-Analytics verwendet werden.

Doch dieser Lohn ist ein magerer, angesichts der Frage, wer diese Blogs denn eigentlich liest und – das ist noch viel wichtiger – im Blog oder über Bloggrenzen hinweg eine konstruktive Debatte anstößt.

Ja, Robert Basics und Matthias Schwenke Beobachtung kann ich nachvollziehen. Es ist schwer geworden, mittels Blogs in Debatten einzusteigen. Und deshalb ist die Eingangsbemerkung wichtig, dass dieser Blogbeitrag genau diesen Ball aufgreift und in die Debatte eingreift.

Seit es Google+ gibt, also noch nicht lange seit ein paar Tagen (!), stoße ich immer häufiger auf Beiträge, die früher in Blogs gestanden hätten, die nun plötzlich mit einem Link zu Google+ versehen sind. Nicht, dass ich schon bei Google+ selbst dabei wäre, doch wenn mich mein Eindruck nicht täuscht, dann versucht Google sich weiter an der großen Integrationsleistung Monopolisierung, die darin besteht, das gesamte Wissen der Wissen nicht nur auffindbar und zugänglich zu machen, sondern immer mehr Teile dieses Wissen auch zum Teil des Google-Imperiums werden zu lassen, also in gewissem Maße die Hoheit über die Daten zu erlange, Wissen zu monopolisieren.

Und das scheint zu funktionieren.

Bei Facebook funktioniert es auch. Nur hat Google jetzt wohl verstanden, dass Texte nicht viel Speicher verbrauchen und dass es kein Problem darstellt, Texte in unbegrenzter Länge zuzulassen. – Wenn die Leute dann in den Netzen erste einmal gefangen drinnen sind, dann werden sie auch diese Debatten innerhalb dieser Netze führen. Das passiert auch heute schon, selbst wenn die Zeichenzahl dafür begrenzt ist.

Ich beobachte an mir selbst, wie ich manchmal in Diskussionen auf 140-Zeichen-Basis (Twitter) gerate, die dann teilweise recht lang werden. So lang, dass man sich manchmal fragt, was man damit den eignen Followern antut.

Die Erfahrung lehrt mich, dass Follower auf Inhalte und auf inhaltlich geführte Debatten nicht sonderlich genervt reagieren. Das tun sie eher dann, wenn Tweets nur noch Verweise auf andere Inhalte sind, statt selbst Inhalte zu haben. Anders als in Blogs finden auf Twitter dann Debatten statt, die nur stattfinden können, wenn sich die Teilnehmenden kurz fassen, auf den Punkt kommen können, Argumentationen verkürzen.

Einen großen Nachteil aber haben diese Debatten: Sie bleiben vielleicht in der Erinnerung der Beteiligten oder besonders aktiv mitlesender Follower erhalten, sind aber nicht dokumentiert, letztlich kaum nachvollziehbar. Solche Debatten „versenden“ sich.

Debatten auf Blogs sind langwieriger, aufwendiger zu verfolgen, vielleicht sogar nachhaltiger. Deshalb ordnet Matthias Schwenk seinen Beitrag auch der Kategorie „Beschleunigung“ zu.

Google macht nun ein Angebot, das einerseits umfassende inhaltliche Beiträge ermöglicht, diesen aber zusätzlich potentiell eine große Öffentlichkeit verschafft.

Daran leider kranken meines Erachtens übrigens „Blog-Debatten“ von Anfang an, genau genommen seit ein paar Blogger das Netz erobert haben und im Prinzip die Meinung vertraten, dass Bloggen letztlich nichts anderes bedeute, als sich bloggend mit dem Netz (also im wesentlichen mit sich selbst) zu beschäftigen und „das Netz“ ins Zentrum zu stellen. Wer sich mit anderen Inhalten befasste, wurde und wird weitgehend von „echtenBloggern“ nur dann beachtet, wenn man die gleichen Themen hat, sich also die gleichen Begrenzungen auferlegt. Tut man dies nicht, dann ist man jemand, der eine Blogsoftware als Content-Managementsystem (CMS) nutzt und nicht etwa ein Blogger, nein, Blogger bloggen über das Bloggen und das Netz und reagiert wird auf Blogger, die über das Bloggen und das Netz bloggen.

Die Chance wurde bis heute weitgehend verpasst, mit Blog-Debatten die Debatten-Landschaft wirklich zu erweitern. Es gibt einzelne Kampagnen, die sich via Netz durchsetzen können. Interessanterweise haben einige über Blogs groß gewordene Blogger, die sich um kleine Blogs in der Regel nicht geschert haben, sondern eben genau so unter sich geblieben sind, wie es die Kommentatoren meines Blogs sind, wie es sich allzu oft auch in meinen Reaktionen auf Beiträge Dritter widerspiegelt, genau in dieser Zeit beschlossen, dass sie sich jetzt um Kampagnenarbeit kümmern wollen, die digitale Bürgerrechte in den Blick nimmt.

Nicht, dass das falsch verstanden wird, dieses Mal erwähne ich dieses Phänomen nur beschreibend und nicht wertend, wie ich das im Rahmen einer sprachkritischen Auseinandersetzung mit dem von diesen Bloggern et al. gegründeten Verein auch schon getan habe.

Im Prinzip gab es  die Blogsphere nie so, wie es sie hätte geben können, wenn Blogger und Bloggerinnen nicht einfach das reproduziert hätten und nach wie vor reproduzieren würden, was in Communities schon immer getan wurde, nämlich sich auf sich selbst und untereinander zu beziehen, statt neugierig, die Fühler auszustrecken und zumindest in einem gewissen Rahmen und gezielt Beiträge zu leisten, die nicht mit der eigenen „Community“ zu tun haben.

Das ist angesichts der zahlreichen Blogs nur begrenzt leistbar. Und oft kranken solche Äußerungen auch daran, dass man einander belehren will. Das wird Lehrern oft vorgeworfen, dabei wird aber meist übersehen, wie häufig Dritte Lehrer belehren wollen, wobei die Kompetenztiefe dieser Ambitionen außerordentlich weit gefächert ist.

Die Selbstreferentialität hat sicher auch damit zu tun, dass gute Blogger in der Regel wissen, in welchen Bereichen sie kompetent sind und zu welchen Bereichen sie lieber schweigen sollten. Spannend wird es aber allemal, wenn jemand mit anderen Denkstrukturen als man selbst, diese anderen Sichtweisen reflektiert in Debatten einbringt.

Was ich in den Blogdebatten vermisse und immer vermisst habe, ist der respektvolle „fremde“ Blick auf unterschiedliche Materien, ein Blick, der sich nicht anmaßt, die Weisheit mit Löffeln gefuttert zu haben, ein Blick, der nicht zeigen will, wie toll man selbst ist und dass der andere, obwohl mehr vom Fach als man selbst, eigentlich doch eh keine Ahnung hat, ein Blick der sich einfach als „fremder Blick“ ins Spiel bringt und den Horizont der Mitspieler erweitert.

Twitter hat mir diese Erweiterung des Blicks zum Teil gebracht. Twitter bringt mich auf Blogs, die ich nicht auf dem Schirm habe. Twitter lockt mich dank einer Followerstruktur, die einerseits meine Interessen widerspiegelt, die aber andererseits dennoch ziemlich bunt ist, immer wieder auf Entdeckungsreisen.

Aber trauen andere Blogger, die über das Netz und Blogs bloggen, einem Lehrer zu, selbst einen kompetenten Beitrag zu diesen Fragen leisten zu können? Traue ich als Blogger Leuten kompetente Äußerungen zu meinen Themen zu, deren Schwerpunkte andere Themen sind?

Als Lehrer und Akademiker weiß ich schon lange, dass die Zeit der Universalisten angesichts der Fülle des heute verfügbaren Wissens zu Ende gegangen ist.

Wir leben in einer „Expertenwelt“. Diese Experten kümmern sich um sich selbst. Und diese Selbstreferenzialität spiegelte sich so lange in den Blog-Debatten wider, bis eigentlich alles gesagt gewesen schien.

Da es vielen neben den Inhalten beim Bloggen dann doch auch um die Frage der Größe der mit eigenen Beiträgen erreichten Öffentlichkeit geht, ist die Karawane dorthin gezogen, wo heute größtmögliche Öffentlichkeitswirksamkeit erreicht werden kann: Google+ ist die logische Konsequenz, wenn man 1. möglichst viele Inhalte an einem „Ort“ haben will und 2. dies dadurch motivieren kann, dass man Öffentlichkeit verspricht.

Blogs wie dieses hier, das von Matthias Schwenk, das von Robert Basic, die nicht einmal auf einer der großen, als „Social Communities“ designten Blog-Plattformen angesiedelt sind, sondern mit eigener Domain, eigenem Webspace und der damit verbundenen Datenhoheit arbeiten, sind in solchen Aufmerksamkeitsstrukturen eher exzentrisch.

Dennoch sind Blogs nicht veraltet, wenn nach dem Hype der Blogs, der vorbei scheint, die Qualitäten von Blogs von den Bloggern genutzt werden.

Eine dieser Qualitäten ist, dass man sich aufeinander beziehen kann und dennoch ein eigenen Profil erkennen lässt, da man sich nicht im Einheitsdesign von Facebook oder Google+ bewegt, sondern wirklich weite Teile des eigenen Auftritts gestalten kann.

Es ist eine Qualität, dass Diskussionen auf Blogs meiner Wahrnehmung nach relativ lange nachvollziehbar sind, so es sich um einigermaßen langlebige Blogs handelt, deren Betreiber die Inhalte nicht einfach mal so löschen.

Es ist aber auch die relative Langsamkeit von Blogs gegenüber den doch auf schnelle Reaktionen hin angelegten sozialen Plattformen wie Facebook und Twitter. Man muss sich Zeit nehmen, Beiträge in Blogs zu lesen. Reagiert man knapper darauf, kann man einen Kommentar schreiben, fällt die Reaktion umfangreicher aus, so lohnt es sich einen Blogbeitrag zu schreiben.

Und doch kann die Blogkultur auch gefördert werden. Ich habe in einem offenen Kurs zur Zukunft des Lernens gerade erst erlebt, wie Blogs sich aufeinander beziehen, wie Teilnehmende sich die Infrastruktur geschaffen haben, die sie zu brauchen meinten, wie ein dezentraler Austausch möglich ist, auch wenn sich (natürlich) eine Gruppe auf Facebook bildete und Twitter als Austauschkanal nicht unbedeutend war.

Wie wird es weiter gehen? Christian Hennig Fehr, auf den ich mittels eines Links von Matthias Schwenk gestoßen bin, fordert zurecht einen angemessen Mix von Social-Media-Aktivitäten. Ich gehe da noch weiter: Es wird eine Reduktion (sic!) der Social-Media-Aktivitäten gehen, denn den von Robert Basic konstatierten „Blog-Blurb“ werden auf Dauer viele User gar nicht leisten können, geschweige denn wollen.

Es wird, so meine Prognose, die Blogger geben, die ihr eigenes Ding machen und über Twitter miteinander verbunden sind, vielleicht auch über Facebook, und es wird die Social-Media-Nutzer geben, die ihre Inhalte beispielsweise auf Google+ posten. Google wird irgendwann Google+-Beiträge im Ranking bevorzugen und somit den Druck auf bestehende Blogs erhöhen, endlich die Inhalte auf Google-Servern abzulegen. Das wird Facebook nicht auf sich beruhen lassen.  Und jede kleine Datenspur, die im Rahmen dieser Social-Media-Aktivitäten hinterlassen wird, wird kapitalisiert.

Die Inhalte, davon gehe ich aus, werden weiter in Blogs und kollaborativ in Wikis entstehen und diskutiert werden, wenn wir uns nur immer vor Augen halten, welchen Eigenwert eigene, sozusagen „inhabergeführte“ Blogs haben. Dann werden sich auch die Blog-Debatten konsolidieren und hoffentlich nicht nur in Worten hängen bleiben, sondern an der einen oder anderen Stelle auch wirklich relevant und wirksam werden.

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