Kurze und vorläufige Bestandsaufnahme – Pandemiefolgen im Schulalltag

Auf den ersten Blick könnte der Eindruck entstehen, Corona sei an meinen Schüler*innen – Gymnasium in einem bürgerlichen und eher wohlhabenden Umfeld – einigermaßen erträglich vorbeigegangen. Und dort, wo schulische Probleme sichtbar werden, ob diese ursächlich mit der Pandemie zusammenhängen oder ob nicht, soll hier nicht diskutiert werden, gibt es Förderunterricht, sodass man meinen könnte, dass alles gut sei.

Dann lese ich in einer anonymen Umfrage, dass einzelne Personen angeben, in der Zeit der Schulschließungen von niemandem in der Familie Unterstützung erfahren zu haben. In einer Pause kommen immer wieder Schüler*innen auf mich zu und erzählen mir, dass sich am Nachmittag seit einiger Zeit eine große Müdigkeit breitmache. Von Eltern höre ich, dass deren Kinder begonnen haben, sich nachmittags erst einmal zum Schlafen ins Bett zu begeben.
 
In Gesprächen mit unserer Schulsozialpädagogin bekomme ich noch etwas mehr einen Eindruck davon, dass Corona auch an meinen in vielen Fällen eher privilegierten Schüler*innen nicht vorbeigegangen ist.
 
Und das gilt natürlich auch für Lehrer*innen. Lockdown, Masken, Begegnungen mit Menschen, die sich weigern, andere und sich selbst zu schützen, die allgemeine Wahrnehmung von »mütenden« Menschen, die eigene Erfahrung, dass die Stressresistenz geringer ist, als sie es in vor-pandemischen Zeiten war, machen alles anstrengender. – Das fällt im Unterricht eher weniger auf. Aber wenn ich dann am Schreibtisch sitze, geht vieles mühseliger und langsamer von der Hand, als ich das von mir selbst gewohnt bin.
 
Stundenvorbereitungen sind dabei noch das geringere Problem. Wenn eine Unterrichtseinheit erst einmal läuft, ergibt sich viel aus der Logik des Verlaufs einer Unterrichtsstunde, sodass die wesentlichen Schritte der nächsten Stunde bereits vorgezeichnet sind. Außerdem habe ich mittlerweile so viel Erfahrung, dass diese mir ein recht zuverlässiger Leitfaden geworden ist.
 
Wenn es aber um die Erarbeitung einer Klassenarbeit oder Klausur geht, dann brauche ich da spürbar mehr Zeit als vor der Pandemie. – Wenn ich dann von Schüler*innen die Rückmeldung bekomme, die Klausur sei fair gewesen, merke ich, wie mich das erleichtert. 
 
Wenn es um Korrekturen von Klausuren geht, bei denen ich schon vor der Pandemie immer eine gewisse Zeit benötigte, merke ich meine schnell sinkende Konzentrationsfähigkeit. Je nach Qualität der Handschrift brauche ich deutlich länger für eine Arbeit, als früher. 
 
Kurz: Die Pandemie ist allenthalben nach wie vor präsent. – Das gilt auch angesichts von Woche zu Woche signifikant steigender Impfquoten unter den Schüler*innen. In ersten Oberstufenkursen sind alle Schüler*innen vollständig geimpft. Und die aktiven Coronafälle halten sich, sicherlich auch aufgrund einer hohen Maskendisziplin unserer Schüler*innen, in einem sehr überschaubaren Rahmen.
 
Zudem wird mit dem Präsenzunterricht deutlich, dass die Digitalisierung im Unterricht in der Folge des Distanzunterrichts einerseits zugenommen hat. Die Zahl der Tablets und Laptops im Unterricht ist deutlich größer geworden. Und ich sehe immer wieder, gerade bei den älteren Schüler*innen, dass diese beeindruckende Kompetenzen im Umgang mit diesen Geräten haben. Andererseits aber leben wir gerade damit, dass viele Schüler*innen in der Schule doch wieder analog arbeiten. Im Grunde gibt es zwar eine hohe Akzeptanz dafür, dass Schüler*innen digital im Unterricht arbeiten, aber zugleich kann der Unterricht didaktisch nur begrenzt auf die Möglichkeiten der verfügbaren digitalen Medien aufgebaut werden, weil eben keine vollständige Eins-zu-Eins-Ausstattung vorhanden ist.
 
Seit einiger Zeit geht mir die Frage durch den Kopf, ob die Pandemie in der Schule am Ende einfach auslaufen wird und sich »Normalität« durchsetzen wird. Dabei würden wir vermutlich sehr viele Folgen der Pandemie verdrängen, nicht wahrhaben (wollen) und den Weg des geringsten Widerstandes gehen. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass dies passieren wird.
 
Ich wünsche mir, dass die Pandemie in der Schule viel aktiver aufgearbeitet werden wird, als sich das momentan abzeichnet. Es bräuchte vermutlich eine Projektwoche, in der die Folgen der Pandemie auf persönlicher Ebene nicht nur erzählt, sondern vielmehr gemeinsam reflektiert würden. Es müsste Zeit verfügbar sein, um in einer Schulgemeinde gemeinsam mit Lehrer*innen, Schüler*innen, Eltern und Sorgeberechtigten der Frage nachzugehen, was von den Erfahrungen aus der Pandemie im Schulleben dauerhaft eine Rolle spielen sollte.
 
Wie stellt sich eine Schule Schule vor, wenn die Pandemie als Krise in dem Sinne gesehen wird, dass sie gezeigt hat, was digital geht und wo die Grenzen des Digitalen sind. So sind während der Pandemie die Wege der Kommunikation andere gewesen als vorher. Digitale Schulplattformen sind entstanden. Inwieweit sollen diesen weiter eine Rolle spielen? Wie kann in den unterschiedlichen Fächern ein Nutzen aus den Erfahrungen für den zukünftigen Unterricht gezogen werden, wenn gemeinsam über den Unterricht und dessen Formen während der Pandemie reflektiert wird?
 
An meiner Schule haben sich bereits vor der Pandemie sichtbare Strukturen der Partizipation aller an der Schule beteiligte Personen an vielen Stellen als hilfreich erwiesen. Die Pandemie hat diese Partizipation eher verstärkt. Wie kann diese verstärkte Partizipation konstruktiv und nachhaltig in der Schulkultur vertieft werden?
 
Diese Bestandsaufnahme zeigt mir, dass wir momentan eher die Spitze des Eisberges sehen und konstruktiv bearbeiten, während wir all das, was nicht direkt sichtbar ist, eher etwas aus dem Blick verlieren und – vielleicht auch zum Selbstschutz – ausblenden. Zugleich ist da die Ahnung, dass wir aus der Pandemie viel lernen können, was für die Zukunft der Institution Schule hilfreich sein kann. Wie machen wir das fruchtbar?
 
Welche Erfahrungen gibt es an anderen Schulen? Über eine Bereicherung dieses Beitrags in den Kommentaren würde ich mich sehr freuen. 

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