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Ein ganz normaler Arbeitstag – fast

Um 7:40 in der Schule. 

7:45 bis 9:10 Deutsch Leistungskurs: Wiederholungen, um Vernetzungen zwischen den Werken und Themen herzustellen, die wir schon gelesen haben. Dann, angeregt von Fontanes Roman »Effi Briest«, den abstrakten Begriff der »Treue« in den Blick genommen. Der stammt übrigens vom Mittelhochdeutschen »triūwe« ab, was eine Substantivierung von »trūwen« ist, was »fest sein«, »sicher sein«, »vertrauen«, »hoffen«, »glauben«, »wagen« heißt. Im Englischen taucht das Wort in der Vokabel »true« auf, im Deutschen in so Worten wie »trauen« in all seinen Facetten wie »Vertrauen«, »sich was trauen«, »misstrauen«. Die Geschichte von Wörtern, der Fachbegriff dafür lautet »die Etymologie«, kann immer wieder Hinweise geben, was eigentlich mit einem Wort gemeint ist, und zeigen, wie ein Wort in den unterschiedlichen Sprachen integriert wurde, die sich aus einer gemeinsamen Grundlage heraus entwickelt haben. 

Angesichts der sich um »Treue« drehenden Diskussion von Instetten mit Wüllersdorf im 27. Kapitel von »Effi Briest« werden wir als nächstes noch einmal in den Blick nehmen, was eigentlich ein Argument ausmacht und welche Typen von Argumenten es gibt, was dann (natürlich) in Textarbeiten und im mündlichen Austausch geübt werden wird, um das Wissen von der Ebene des »Wissens« auf die Ebene des »Könnens« zu heben. Andererseits soll das Wissen aber auch dazu dienen, Argumente einordnen zu können, die andere im Diskurs nutzen. Das wird wieder ein Gegenstand, der immer wieder im Unterricht aufgegriffen werden wird, um das Wissen zu vertiefen und somit zu den Kompetenzen hinzuzufügen, die die Schüler * innen erwerben.  

Anschließend galt es, im Grundkurs Katholische Religion (9:35 bis 11:05) eine Arbeit schreiben zu lassen. Das Entwickeln der Klausur hat sich am Ende logisch aus den letzten Stunden ergeben, in denen wir einen Blick auf die Rolle von Kirche als »Kontrastgesellschaft« geworfen haben, die durchaus in der Lage ist, kritische Lebenspraxis und nicht nur argumentativ Kritik in eine Gesellschaft einzubringen. Als Beispiel für diese kritische Lebenspraxis haben wir uns mit recht verstandenem Ordensleben befasst, wobei die Kapuziner, die Benediktiner und Kartäuser als Beispiele dienten. 

In der Tutorenstunde (11:35 bis 12:20) mit den Schüler * innen eine Diskussion über »selbstbestimmtes Lernen« geführt. Dabei überraschten mich die Jugendlichen mit der Auffassung, dass sie eine Schule, die Vorgaben macht, was gelernt werden sollte, gar nicht schlecht finden. Denn wie sollten sie in relativ jungen Jahren schon wissen können, was sie vielleicht mal brauchen werden? Kritisch wurde aber angemerkt, dass die intrinsische Motivation unter den Vorgaben leiden könne. Und so kamen wir in eine Diskussion um das Lernen zwischen Selbstbestimmung und Vorgaben, die letztlich dazu dienen sollte, bei den Schüler * innen einen Reflexionsprozess bezüglich des eigenen Lernens fortzuführen, den ich versuche, wie einen roten Faden im Unterricht und in den Tutorenstunden immer wieder aufzugreifen und mit Impulsen anzuregen. 

40 Minuten Mittagspause (12:20 bis 13:00). Mittwochs ist es nach der schulweiten Klassenleiter-/Tutorenstunde in der Mensa immer extrem voll. Heute gab es Schollenfilet mit Kartoffeln und der in Frankfurt typischen »Grünen Soße« (Preis für Lehrer * innen 4,00€). 

Für uns Lehrer * innen ist diese Stunde auch Konferenzstunde, sodass wir keine Termine für Konferenzen mehr suchen müssen, sondern vier bis fünf Mal in einem Schulhalbjahr unsere Mittagspause opfern und dafür Konferenzen unterschiedlichster Art abhalten. – Gut, nur wenige Kolleg * innen haben in der direkt anschließenden Stunde Unterricht. In diesem Schuljahr hat es mich erwischt. Um 13 Uhr beginnt eine Doppelstunde (13:00 bis 14:30) – wir haben in der Regel nur noch Doppelstunden – Religion in Jahrgangsstufe 8. In dieser sind wir auf unserer Reise durch die Religionen des Ostens vom Hinduismus zum Buddhismus übergegangen. Normalerweise ist der Buddhismus mit seinen Perspektiven auf das Leben und den Deutungen der Welt vielen Schüler * innen zugänglicher als der Hinduismus. Ich bin gespannt, ob das auch dieses Mal zutrifft. 

Es folgten zwei Zeitstunden (14:30 bis 16:30), in denen ich mich mit den Zweitkorrekturen der schriftlichen Abiturprüfungen befasste, Mails beantwortete, Unterricht plante. Ich blieb in der Schule, obwohl mir dort nicht wirklich ein angemessener Arbeitsplatz verfügbar ist, weil wir am Spätnachmittag noch eine Klassenkonferenz hatten. Klassenkonferenzen werden immer dann fällig, wenn besondere Anlässe  pädagogische oder Ordnungsmaßnahmen erforderlich machen. Und weil unsere Terminpläne manchmal sehr voll sind, muss man eben auch mal Zeiten wählen, in denen man uns Lehrer eher am heimischen Schreibtisch vermutet. Um 18:30 habe ich die Schule verlassen. Da ich nur wenige Minuten von meinem Arbeitsplatz entfernt wohne, war ich dann schnell zuhause, packte die Reliklausuren aus, ging noch die Halbjahresnoten der Abiturienten durch, die morgen ihre letzten Zeugnisnoten bekommen (19:30 bis 20:10). 

Zugegeben: Nicht jeder Arbeitstag nimmt solche Ausmaße an, wie ich das an diesem Mittwoch, dem 3. Mai 2017, erlebte; aber dieser Arbeitstag ist typischer als viele meinen, die vermuten, dass Lehrer * innen morgens Recht und Mittags frei haben. Mit französischen Chansons und einem Glas Wein lasse ich den Tag ausklingen. Bereits jetzt weiß ich: Der Donnerstag wird ganz anders, aber nicht kürzer. 

[Beitragsbild: © Torsten Larbig – Blick aus einem Klassenraum auf Frankfurt am Main]

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