Kategorie: Deutsch Sek. II

Zweiter Schultag. Oder: Wie viele Arten Stille…?

Die Stille einer Klasse, die einen Lehrer bekommt, den kein Kind aus der Klasse kennt. – Es gibt viele Formen der Stille. In der Schule. Die Stille bei einer Klassenarbeit ist anders als die Stille, wenn eine Klasse einem Lehrer oder einer Lehrerin zum ersten Mal begegnet. Die Stille eines neuen Oberstufenkurses, in der ersten Stunde, wenn die Schüler:innen einander nur teilweise und andere vom Sehen kennen, ist wieder anders. Die Stille einer Schule in den Ferien, nach Unterrichtsschluss, während Elternabenden. Während des schriftlichen Abiturs. Wir nennen das alles Stille. Was beschreiben wir damit? Das gilt auch für die Geräusche,

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Ein erster Schultag

Erster Schultag. Zweiunddreißig Menschen – mit dem Lehrer dreiunddreißig. In einem Klassenraum. Am Beamer an der Decke ein Zettel. Der Beamer gehört der Technik-AG. Diesen Beamer hat uns einst der Förderverein angeschafft. Der Zettel wurde vor den Ferien dran geheftet. Damit der Beamer nicht entsorgt werde. Neue Beamer waren angekündigt. Wieder einmal. In den Ferien. Keine neuen Beamer. Wieder nicht. Wie oft nun schon »wieder nicht«. An der großen Fläche zum Anbringen von Plakaten – Plakate des vergangenen Jahres. Meine Klasse fragte am letzten Schultag: Warum alles leer räumen? Weil Räume nie versprochen werden können. Damit die nach uns einen

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Ermutigung: Lest Lektüren laut einander im Unterricht vor

Während meines persönlichen Wochenrückblicks erinnere ich diese Szene aus dem Deutschunterricht, Kl. 9: Wir lesen in der Klasse gemeinsam Hesses »Unterm Rad« einander vor. Plötzlich ein*e Schüler*in mit einem tiefen Ausatmen: »Was für ein schöner Satz.« Es war dieser Satz: »Er war in den Kleidern eingeschlafen, und die leise, mütterliche Hand des Schlummers ebnete die Wogen in seinem unruhigen Kinderherzen und löschte die kleinen Falten auf seiner hübschen Stirn.« (Hermann Hesse, Unterm Rad, S. 17.) Ich ermutige: Nehmt euch Zeit, mit Klassen Lektüren wirklich zu lesen. – Wie oft verlagern wir die erste Rezeption längerer schriftlicher Gedankengänge in die Eigenverantwortung

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Kurzer Versuch über den Essay

Der Essay als „Versuch“, wie die wörtliche Übersetzung des französischen „essaier“ lauten kann, stellt vor allem vor die Herausforderung, das eigene Nachdenken und jenes, mit dem man sich z. B. durch Lektüre befasst hat, zu bündeln und in eine Textform zu bringen. Der Essayist schaut sich quasi selbst beim Erwägen und Verknüpfen1 zu; er oder sie webt einen Text, schafft eine Textur aus Buchstaben, in die das Werden der Erkenntnis eingewoben ist. Dabei kann der Ausgangspunkt durchaus einer sein, der mit dem unmittelbaren Gegenstand des Denkens auf den ersten Blick nichts zu tun hat. So kann ich fragen, wie wir

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Versuch über das Versagen von Bildungspolitik und Schule angesichts der Digitalisierung der Welt

1997 wurde der Verein »Zentrale für Unterrichtsmedien« (ZUM e. V.) gegründet. Lehrer*innen taten sich da zusammen und begannen, zunächst als gemeinsam geführte Linkliste angelegt, eine heute erwachsene Webpräsenz aufzubauen. Damals waren ca. 3% der Bundesbürger*innen im Internet unterwegs.  2019 gibt es immer noch Menschen, die der Meinung sind, die Frage sei so eindeutig nicht geklärt, was und wie viel man an Internet und Digitalisierung in der Schule überhaupt brauche. Ja, es gibt Stimmen, die sich immer wieder aus diversen Ecken erheben, die mahnend darauf hinweisen, dass die ganze Digitalisierung einzig und allein ein ökonomisches Projekt sei. – Dabei wird geflissentlich

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Gedichtinterpretation: Ricarda Huch – Wo hast du all die Schönheit hergenommen

Ricarda Huch Wo hast du all die Schönheit hergenommen Wo hast du all die Schönheit hergenommen,Du Liebesangesicht, du Wohlgestalt!Um dich ist alle Welt zu kurz gekommen.Weil du die Jugend hast, wird alles alt,Weil du das Leben hast, muss alles sterben,Weil du die Kraft hast, ist die Welt kein Hort,Weil du vollkommen bist, ist sie ein Scherben,Weil du der HImmel bist, gibts keinen dort! Ricarda Huch, Neue Gedichte. Insel-Verlag 1907. Es gibt in den acht Versen von Ricarda Huch kein Fragezeichen. Das überrascht, denn sowohl die Überschrift als auch er erste Vers werden als Fragen gelesen. Statt dessen zwei Ausrufezeichen und

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Hans Joachim Schädlich: Felix und Felka. Das Schicksal der Unmächtigen angesichts des Terrors der Mächtigen

Felix Nussbaum wurde am 11. Dezember 1904 in Osnabrück geboren und 1944 im Konzentrationslager Auschwitz ermordet. Als Maler wird er der Neuen Sachlichkeit zugeordnet. 1932 ging ein Großteil seines Werkes durch Brandstiftung verloren. Felka Platek wurde am 3. Januar 1899 in Warschau geboren und 1944 im Konzentrationslager Auschwitz ermordet. 1932 geht ein Großteil ihres Werkes durch Brandstiftung verloren. 1924 lernten Felix und Felka einander in Berlin kennen, sie heirateten 1937 in Brüssel, wo sie sich bis zum 21.07.1944 versteckt halten konnten. Nach ihrer Entdeckung wurden sie von der Gestapo in das Sammellager Mechelen transportiert und dann nach Auschwitz deportiert. Hans

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Die Langeweile des Bungeesprungs – Simon Strauss: Sieben Nächte

Endzwanziger scheinen nunmehr seit mindestens 20 Jahren in der Dauerkrise einer Sinnsuche zu sein. 1995 führte die damit verbundene Suchbewegung in Christian Krachts »Faserland« immerhin noch zu Fisch-Gosch mit Champagner und Scampis auf Sylt, zu bunten Pillen, schwulen Burschenschaftern und schwarzen Models in Hamburg, Frankfurt und Heidelberg1, während heutige Sinnkrisen explizit mit den Todsünden in Verbindung gebracht werden. Zumindest bei Simon Strauss, dessen Protagonist beim nächtlichen Versuch, Todsünden zu begehen, scheitert. Als ob die Säkularisierung, die mit dem Transzendenten nicht mehr rechnet, sogar die schlimmsten aller Sünden mit einem Grauschleier der Langeweile und Ödnis überzogen hätte. Es ist die Angst

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Gedichtinterpretation: Johann Wolfgang Goethe – Natur und Kunst (1800)

 Natur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehenUnd haben sich, eh’ man es denkt, gefunden;Der Widerwille ist auch mir verschwunden,Und beide scheinen gleich mich anzuziehen.Es gilt wohl nur ein redliches Bemühen!Und wenn wir erst in abgemeßnen StundenMit Geist und Fleiß uns an die Kunst gebunden,Mag frei Natur im Herzen wieder glühen.So ist’s mit aller Bildung auch beschaffen:Vergebens werden ungebundne GeisterNach der Vollendung reiner Höhe streben.Wer Großes will, muß sich zusammenraffen;In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister,Und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben. Worum eigentlich geht es in diesem um 1800 ohne Titel erschienen Sonett? Geht es um Natur und

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Eine Seifenblase des Intellekts – Michel Houellebecqs »In Schopenhauers Gegenwart«

Michel Houellebecq legt mit »In Schopenhauers Gegenwart« ein seltsames Buch vor, das ich las, weil ich Houellbecq (bislang) immer wieder anregend fand und Arthur Schopenhauer mit Frankfurt am Main, der Stadt, in der ich lebe, verbunden ist. Kleine Ausschnitte aus Schopenhauers »Die Welt als Wille und Vorstellung«, im Kontext des gesamten Buches muss man allerdings sagen, dass relativ umfassend zitiert wird, reflektiert Houllebecq in dieser seiner jüngsten Publikation. Zwar bezeichnete er Schopenhauers »Die Welt als Wille und Vorstellung« als »das wichtigste Buch der Welt«, doch in den Betrachtungen des schopenhauerschen Gedankengutes, wird das Gewicht dieses Philosophen nicht nachvollziehbar. Houellbecqs Büchlein

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