Gedichtinterpretation: Ricarda Huch – Wo hast du all die Schönheit hergenommen

Ricarda Huch

Wo hast du all die Schönheit hergenommen

Wo hast du all die Schönheit hergenommen,
Du Liebesangesicht, du Wohlgestalt!
Um dich ist alle Welt zu kurz gekommen.
Weil du die Jugend hast, wird alles alt,
Weil du das Leben hast, muss alles sterben,
Weil du die Kraft hast, ist die Welt kein Hort,
Weil du vollkommen bist, ist sie ein Scherben,
Weil du der HImmel bist, gibts keinen dort!

Ricarda Huch, Neue Gedichte. Insel-Verlag 1907.

Es gibt in den acht Versen von Ricarda Huch kein Fragezeichen. Das überrascht, denn sowohl die Überschrift als auch er erste Vers werden als Fragen gelesen. Statt dessen zwei Ausrufezeichen und zwischen diesen beiden Sätzen ein dritter Satz, der als schlichte Aussage daher kommt. 

Damit sind die Fährten für den Leser schon gelegt: Dieses Gedicht stellt keine Frage, sondern etwas fest, wobei es mehr über das lyrische Ich als über das angesprochene Du aussagt. 

Dieses Gedicht nimmt völlig den Blick des liebenden lyrischen Ichs an, zeigt die Wahrnehmung des geliebten Gegenübers und beschreibt, wie sich die Wahrnehmung der Welt vor dem Hintergrund dieser Perspektive ändert. Und so erklärt sich die nüchterne Aussage »Um dich ist alle Welt zu kurz gekommen.«. Es ist das liebende lyrische Ich, das angesichts des geliebten Gegenübers nichts anderes mehr wahrnimmt oder aber anders wahrnimmt. Diese Veränderung der Wahrnehmung wird in den fünf folgenden Versen aufgegriffen. Das liebende lyrische Ich hat sein Maß gefunden, an dem die Welt gemessen wird und dieses Maß so absolut, dass sich an ihm misst, was Jugend, Leben, Kraft, Vollkommenheit und letztlich gar der Himmel bedeuten. 

Der Grund von allem ist das geliebte Gegenüber geworden und so beginnt jeder der Verse 4 – 8 mit »Weil du…«. Hier wird dargestellt und begründet, wo das »Du« die Schönheit hergenommen hat, denn diese entspringt alleine der Wahrnehmung des Dus durchs das lyrische Ich. Und hier ist die Antwort: Es ist der Blick des lyrischen Ichs, der die Schönheit definiert und liebend absolut setzt, was er sieht. Dieser Blick definiert das Gegenüber für das lyrische Ich in diesem Moment. 

Diese Liebe macht nicht blind, aber sie definiert das Du vor dem Hintergrund der eigenen Vorstellungen dessen, was einen Menschen ausmacht, den dieses lyrische Ich lieben will. 

Ricarda Huch stellt hier keine Frage, sondern sie schreibt ein Liebesbekenntnis. »Wo hast du all die Schönheit hergenommen« ist ein Liebesgedicht, das die Wahrnehmung beschreibt, welches die Liebe auslöst. Nur wenigen Dichter*innen ist es gelungen, diese Wahrnehmung so knapp und gleichzeitig so genau zu beschreiben, was dieses kurze Gedicht zu einem der wichtigen Gedichte des 20. Jahrhunderts macht. 

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