Die Langeweile des Bungeesprungs – Simon Strauss: Sieben Nächte

Endzwanziger scheinen nunmehr seit mindestens 20 Jahren in der Dauerkrise einer Sinnsuche zu sein. 1995 führte die damit verbundene Suchbewegung in Christian Krachts »Faserland« immerhin noch zu Fisch-Gosch mit Champagner und Scampis auf Sylt, zu bunten Pillen, schwulen Burschenschaftern und schwarzen Models in Hamburg, Frankfurt und Heidelberg1, während heutige Sinnkrisen explizit mit den Todsünden in Verbindung gebracht werden. Zumindest bei Simon Strauss, dessen Protagonist beim nächtlichen Versuch, Todsünden zu begehen, scheitert. Als ob die Säkularisierung, die mit dem Transzendenten nicht mehr rechnet, sogar die schlimmsten aller Sünden mit einem Grauschleier der Langeweile und Ödnis überzogen hätte.

Es ist die Angst eines Endzwanzigers, »alle Termine eingehalten, viel gelächelt, wenig geweint, ein bisschen geweint, aber vor allem gelächelt«2 zu haben. Es ist die Angst eines Endzwanzigers, dem man angesichts seines Lamentos – »Sehnt ihr euch nicht manchmal nach wilderem Denken«3 – zurufen will, dass ihn doch niemand hindere, endlich wild zu denken.

Doch selbst dort, wo ein Syrienflüchtling vorgestellt wird, dessen Abschlüsse in Deutschland nicht anerkannt werden und der gerade so entkommen ist, während er Frau und Eltern im Krieg verloren hatte, fehlt diesem Protagonisten eine Leidenschaft, die ihn wachrütteln könnte.

Bei aller sprachlichen Finesse, mit der Strauss die Sätze seines Ich-Erzählers dahinfließen lässt, trotz der genauen Beobachtungsgabe, die dem Text zugrunde liegt und sich in ihm ausdrückt: Nicht einmal die Todsünden vermögen es, diesem Erzähler Leben einzuhauchen, ihn im Sinne Sartres zum Existentialisten zu machen.

Früher gab es das Establishment, gegen das man 68 aufbegehren konnte. Es gab die 70er Jahre, in denen die Engagierten in den Irrtum des Terrorismus abzugleiten drohten oder abglitten, dann kam die Nachrüstung rund um den NATO-Doppelbeschluss, gefolgt vom saueren Regen, dem Waldsterben, der Atomkatastrophe von Tschernobyl und schließlich der deutschen Einheit. Es war aus der Sicht des Protagonisten früher deutlich leichter, eine Existenz zu finden und diese bedeutsam zu gestalten.

Und heute… Man funktioniert, ist karriereorientiert, unterzeichnet Petitionen per Maus-Klick und hält das schon für Engagement. Das Bild einer orientierungslosen Generation wird von Strauss gezeichnet. Und früher war sowieso immer alles viel besser als in der je eigenen Gegenwart.

Als gäbe es keinen Klimawandel, machtpolitische Instabilitäten, deren Folgen nicht absehbar sind, die größte Zahl von Menschen auf der Flucht seit Ende des Zweiten Weltkrieges, genügend Gründe für junge Afrikaner und Afrikanerinnen, nach Europa zu fliehen, menschenverachtende Ausbeutung von Menschen in Niedrigstlohnländern, deren Schicksal auf das Engste mit der Globalisierung und unseren Luxusgütern verbunden ist etc., taumelt der von Strauss dargestellte Teil der Gesellschaft orientierungslos vor sich hin und besetzt dabei zielsicher zunehmend hoch bezahlte Entscheiderpositionen, auf denen diese Nachwuchskräfte Zukunft gestalten sollen.

Wie anders sind da Jugendliche. und (junge) Erwachsene, die bereit sind. über sich selbst hinaus zu gehen und sich in die Gesellschaft einzubringen. Ob es nun eine Gruppe wie Plant-for-the-Planet ist, die Felix Finkbeiner ins Leben rief, als er gerade einmal 10 Jahre alt war, ob es Jugendliche sind, die sich in den Jugendverbänden der Parteien, Nicht-Regierungsorganisationen oder der Religionsgemeinschaften engagieren: Wenn das ehrenamtlichen Engagement und die Teilnahme am politischen Diskurs vielleicht auch zurück geht, so gibt es doch die anderen Vorbilder, die sich nicht nur um körperliche Selbstoptimierung im Fitnessstudio kümmern, sondern zumindest auch Ziele verfolgen, die außerhalb ihrer selbst liegen.

Der Protagonist in »Sieben Nächte« interessiert sich für die Menschen um ihn herum nicht sonderlich, außer sie dienen ihm dazu, nicht allein sein müssen, denn das Alleinesein scheint für den Teil der Fastdreißiger, den Strauss in diesem Buch erfasst, tatsächlich die größte Angst zu sein. Ob es daran liegt, dass man kaum noch Menschen trifft, die sich trauen, in ihrer Freizeit auch mal alleine unterwegs zu sein, die sich den Blicken aussetzen, wenn andere registrieren, dass sich da eine*r alleine in ein gutes Restaurant setzt, alleine wandert oder auf Städtereisen geht?

Wenn eine 20€-Wette beim Pferderennen vom Protagonisten des Romans mit Habgier verbunden wird, der Sprung am Bungeeseil als Hochmut, dann mag er Recht haben, wenn er in der Universitätsbibliothek darüber sinniert, dass man wahrscheinlich zu wenig vom Teufel besessen sei, keine Wut mehr habe und auch nicht das richtige Briefpapier. Doch der sentimentale Rückblick auf früher, als man noch im Rollkragenpullover und mit der Zigarette im Mund Lektürekreise besuchte und dabei eine gesättigte Dosis an Theorie erwarb, die diese Gesellschaft kritisch in den Blick genommen hat, übersieht, dass diese Generation die Eltern und auch schon Großelterngeneration der sich heute so verloren fühlenden Endzwanziger ist. Was hat dieses Elterngeneration zur Orientierungslosigkeit der eigenen Nachkommen eigentlich beigetragen? Dieser Frage geht Strauss nicht nach.

Hätte Simon Strauss‘ Endzwanziger das Ziel, ein Abbild seiner Generation zu zeichnen, so würde dieser all diejenigen, die trotz allem immer noch kritisch mit der Gegenwart umgehen, ignorieren. Er bliebe mit seiner großen Beobachtungsgabe und der sich daraus immer wieder ergebenden sprachwitzigen Textstellen letztlich doch bei sich selbst, statt die Differenziertheit selbst in dieser Generation zu sehen. Die Tragik des Protagonisten ist, dass er sich der Klage überlässt und meint, im Extrem von »Todsünden«, das selbst jedoch äußerst mittelmäßig ausfällt, etwas von sich selbst finden zu können. Nur ist das nicht einmal im Ansatz ein wilderes Denken, nach dem sich dieser Ich-Erzähler doch so sehnt. Wildes Denken kann man nicht konsumieren, sondern muss man wagen. Das Wagnis geht über den Sprung mit dem Bungeeseil jedoch deutlich hinaus, der mehr mit Mut und Sportlichkeit als mit wildem Denken zu tun hat.

Simon Strauß: Sieben Nächte, Blumenbar; 144 Seiten; 16 Euro (gebunden); 11,99 Euro (E-Book).

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  1. vgl, Georg Diez: Christian Kracht: Faserland. Frankfurter Allgemeine Zeitung. 17. März 2002 []
  2. S. 11 []
  3. S. 17 []