Weltlos mäandernde Gespräche. Über Sigrid Nunez’ »Der Freund« und Sally Rooneys »Gespräche mit Freunden«

Zwei Bücher, die in der SWR Bücherbestenliste auftauchten und deshalb von mir gekauft und gelesen wurden: Sally Rooneys »Gespräche mit Freunden« und nun Sigrid Nunez‘ »Der Freund«. Diese beiden Bücher wurden von mir beim Lesen des Romans von Nunez in den vergangenen Tagen mehr und mehr miteinander verknüpft, so wenig sie auf den ersten Blick inhaltlich miteinander zu tun haben. Es war eher der Sound dieser Bücher, der diese Verbindung verursacht hat, das Gefühl, das ich am Ende der Lektüre hatte: Ja, das sind gute Romane, solide geschrieben, sie greifen Lebensgefühle von Menschen auf – bei Rooney sogar – wie ich in einigen Kritiken las – einer ganzen Generation; kleinere Ansprüche haben wir meist nicht, großzügig vergessend, dass es sich um eine sehr spezielle Generation gut situierter Industrienationenbewohner westlicher Prägung handelt – und eben nicht um die Menschen, die zur gleichen Generation gehören, aber in den zahlreichen Kriegs-, Hunger- und bitterlich armen Regionen der Welt geboren wurden. 

Aber zurück zu Sigrid Nunez: Die Ich-Erzählerin ist in Trauer, bekommt von dem Freund, den sie gerade verloren hat, eine Dogge mit einer Schulterhöhe von 80cm, die ebenfalls trauert – und dann ist die Ich-Erzählerin auch noch Schriftstellerin. Ah, Schriftstellerin, das war doch auch Frances in Rooneys »Gespräche mit Freunden«. Und dann gab es da noch den Schauspieler, sodass die Gespräche über Kunst vorprogrammiert waren. 

Doch während Rooney das Lebensgefühl einer noch jungen Generation einzufangen versucht, sind die Figuren bei Nunez allesamt gereifter – sprich: älter. Rooney (Jahrgang 1991) und Nunenz (Jahrgang 1951) haben sich also Figuren gesucht, die ihnen eher vertraut sein dürften. Und doch kommt es zu einem ähnlichen, anscheinend Generationen übergreifenden Klang, wobei Rooneys Figuren ihren Weg erst noch suchen, während die Ich-Erzählerin bei Nunez sich wieder einen Weg suchen muss. 

Diese Ich-Erzählerin bleibt ohne Nahmen, ebenso der tote Freund, der ohne einen Abschiedsbrief zu hinterlassen Suizid begangen hat. Und dessen Ehefrauen werden nur »Ehefrau Eins«, »Ehefrau Zwei« und »Ehefrau Drei« genannt.

Andere Figuren hingegen haben Namen: Der Hund heißt Apollo, der Hausmeister Hector. Es werden Namen von Autoren, Autorinnen, Studierenden genannt. 

Das ist letztlich eine Erzähltechnik, die Lesende trickreich in den Text hineinzieht, indem da immer wieder ein Du im Raum ist, mit dem der/die Lesende aber gar nicht gemeint ist. Und gleichzeitig kann man so eine Meditation über die Bedeutung von Namen produzieren, was einem am Ende von Nunez dann, damit bloß nicht jemand auf die Idee kommt, den Roman falsch zu verstehen, auch noch direkt gesagt wird: »Ich möchte deinen Namen rufen, aber das Wort bleibt mir in der Kehle stecken« (S. 233).

Und so wurde ich von Seite zu Seite unfreundlicher dem Roman gegenüber. Und kurz vor Schluss las ich dann die Sätze: »Man kann Liebe nicht zur Eile antreiben, heißt es in einem Lied. Man kann auch Trauer nicht zur Eile antreiben. […] Die Welt endet nicht, das Leben geht weiter und auch wir machen weiter, tun, was wir immer tun müssen.« (230)– Und es treibt einen zur Eile an, das Buch zu Ende zu lesen, wobei das Ende erst Recht ein schmachtender Seufzer ist, siehe oben.

Und die Frage bleibt: Was ist so lobenswert an Romanen wie Sigrid Nunez‘ »Der Freund« und Sally Rooneys »Gespräche mit Freunden« – hier nur am Rande besprochen, aber am Ende ebenso eilig zu Ende gelesen wie »Der Freund«? Es sind solide Romane, gut geschrieben, ein Spiegelbild der oft so belanglosen »Werte«, die wir im Leben zu finden glauben, keine Frage. Und es finden sich auch schöne Sätze in diesen Romane. Aber, und das mag das größte Problem dieser Werke sein: die Welt bleibt draußen. 

Rooneys Figuren erwähnen zwar den Syrienkrieg, mehr aber auch nicht. Ist es jenes Desinteresse an den Zeitläuften, die Rooneys Roman zu einer treffenden Diagnose der Weltsicht der Millennials macht, wie ich mehrfach in Kritiken las?  Wird er gefeiert wegen seiner Darstellung der Klischees, die wir von jener Generation der Jahrtausendwende haben? 

Nunez‘ Roman zeigt ein ähnliches Desinteresse an dem, was diese Welt über den kleinen Horizont der Ich-Erzählerin hinaus prägt. Nun kann man das Nunez aber eher verzeihen als Rooney, weil ihre Erzählerin in Trauer ist und Trauer nun einmal Horizonte engführt und nur selten weitet.

Zwei Romane, deren Figuren in einem ständigen Redefluss sind, aber so seltsam wenig zu sagen haben. Wenn das unser Leben (vor der Coronakrise) treffend widerspiegeln sollte, dann wäre das ein ärmeres Leben gewesen, als ich es immer wahrgenommen habe. 

Sigrid Nunez, Der Freund. Roman. Aus dem Amerikanischen von Anette Grube, Berlin (Aufbau) 2020. 235 Seiten, 20,00€ (EBook: 14,99€)
Sally Rooney, Gespräche mit Freunden: Roman. Aus dem Englischen von Zoe Beck, München (Luchterhand) 2019. 384 Seiten, 20,00€ (EBook: 14,99€)

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