Schmöker-Schnipsel: Thomas Müntzer und die Bauernkriege – auf 64 Seiten

Éric Vuillard schreibt keine dicken historischen Schmöker, er erzählt in seinen kaum mal mehr als 150 Seiten umfassenden Werken mit passgenauen Sätzen Geschichte.

Dieses Mal braucht er »nur« 64 Seiten, um in »Der Krieg der Armen« die Geschichte Thomas Müntzers und der Bauernkriege im Kontext bis zurück zu John Wyclif zu erzählen. Ein monumentales kleines Buch, dem man die marxistische Perspektive anmerkt, die Vuillard in seiner Darstellung Müntzers aufgreift. – Müntzer wird als glaubwürdige Person gezeigt, ohne dass einem die Herausforderung abgenommen wird, sich selbst zu fragen, ob man Müntzer deshalb auch schon für sympathisch hält. Das war er vermutlich aus heutiger Perspektive nämlich eher nicht.

Liest man genau, dann kann man in Éric Vuillards schmalem Band präzise auch die Schwächen Müntzers entdecken, denn ohne Frage: Er war ein religiöser Eiferer, vielleicht, nein, sicher sogar, ein Extremist, ein Fanatiker, der das Reich Gottes auf Erden wollte und dabei, das hatte der Reformator Andreas Rudolff Bodenstein (besser bekannt als Karlstadt) wohl erkannt, die Trennung von transzendentem Reich Gottes und immanenten Reichen auf der Erde aus dem Blick verloren.

Darüber hinaus macht der Band auf die erstaunliche Tatsache aufmerksam, dass bereits bei Wyclif im 14. Jahrhundert, bei Hus im 15. Jahrhundert und dann wieder bei Müntzer im 16. Jahrhundert die Vorstellung der freien und gleichen Menschen auftaucht, die dann von den Aufklärern und schließlich der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte als verbindliches Leitbild formuliert wurde.

Vuillard konzentriert in seiner Darstellung die Sprache auf das Wesentliche, der destilliert die Inhalte so, dass sie gehaltvoll formuliert Bilder aufgreifen, die sehbar machen, was Vuillard in der Geschichte des Thomas Müntzers und seiner Vorgänger gefunden hat. So beschreibt er, wie in England im 14. Jahrhundert die Bauern versuchten London und den Tower einzunehmen.

Das Wetter ist schön. Die Menge ist da, schweißgebadet, keuchend, so viele hat man noch nie gesehen. Die Themse strahlt, das Wasser glitzert, Gebrüll schallt durch die Stadt, dringt durch die Wände. Die Möwen schlingern über den Köpfen, aber man hört sie nicht.

Vuillard, Éric. Der Krieg der Armen (German Edition) . Matthes & Seitz Berlin Verlag. Kindle-Version. Position 147.

Vielleicht konnte seit Stefan Zweig (Sternstunden der Menschheit) kein Autor mehr solche historischen Miniaturen mit solcher Sehschärfe verfassen. Ein kurzer, genussreicher, der Wiederholung werter Lesemoment.

Eric Vuillard, Der Krieg der Armen. Aus dem Französischen von Nicola Denis – Matthes und Seitz, Berlin 2020. Gebunden, 64 Seiten, 16,00 EUR; EBook 9,99 EUR.

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