Herrn Larbigs Bibliothek 21 – Wie Bücher erfunden wurden; wie sie in Vergessenheit gerieten und neu entdeckt die Renaissance begründeten.


Drei Bücher, die für mich was miteinander zu tun haben.

Irene Vallejo erzählt in »Papyrus. Die Geschichte der Welt in Büchern« wie Bücher entstanden sind und welche Bedeutung sie während der Antike in Griechenland und Rom hatten. »Nebenbei« stellt sie immer wieder Bezüge bis in die Gegenwart her. Ein Werk, das Allgemeinbildung vermittelt und zahlreiche Leseanlässe liefert. Wer Anregungen zur weiterführenden Lektüre benötigt, findet diese in diesem Buch in großer Zahl. Der Hauptstrang der Erzählung endet mit dem Untergang Roms. Aber wie gesagt: Die Gegenwart ist in diesem Buch andauernd präsent. Der Untertitel ist übrigens irreführend. Wie man vom spanischen Titel »El inifinito en un junco. La invención de los libros en el mundo antiguo.«, der übersetzt in etwa »Das Unendliche in einem Schilfrohr. Die Erfindung des Buches in der antiken Welt.« heißt, zu »Die Geschichte der Welt in Büchern« gekommen ist, erschließt sich mir nicht. Es geht um die Erfindung des Buches in der antiken Welt und dessen Bedeutung bis in die Gegenwart. 

Stephen Greenblatt beschreibt in »Die Wende. Wie die Renaissance begann«, wie die Wiederentdeckung eines antiken Buchs im Jahr 1417 die Geisteswelt so erschütterte, dass aus diesem Beben nicht nur die Renaissance hervorging; unsere moderne Weltsicht hat Lukrez’ »De rerum natura« vieles zu verdanken. Auch in dieser Geschichte ist es ein Buch, das grundlegende Erkenntnisse und Anregungen lieferte. Und es war ein Werk, das zunächst gefunden werden musste. Greenblatt beschreibt »Bücherjäger« im fünfzehnten Jahrhundert. Vallejo beginnt mit »Bücherjägern«, die um 300 v. Chr. auf der Suche nach Büchern in Form von Schriftrollen für die große Bibliothek in Alexandria sind. »Papyrus« und »Die Wende« lassen sich gut einander ergänzend lesen.

Mischa Meiers »Geschichte der Völkerwanderung. Europa, Asien und Afrika vom 3. bis zum 8. Jahrhundert n. Chr.« gehört nur mittelbar zu den beiden anderen Werken. Und die 1532 Seiten sind sowieso eine glatte Überforderung. Aber: Mir ist irgendwann aufgefallen, dass ich über diese Zeit vom 3. bis zum 8. Jahrhundert erstaunlich wenig wusste. Und mir wurde beim kursorischen Lesen dieses Werkes sehr schnell klar, dass »die Völkerwanderung« im Geschichtsunterricht als Nebensache behandelt wurde. Zwischen der Antike und dem Beginn des Frankenreichs klafft(e) für mich ein historisches Loch, obwohl diese Zeit, bei allen Problemen, sich ihrer angesichts der Quellenlage anzunähern, für den Verlauf der Weltgeschichte doch wichtig ist. Mischa Meier schreibt keine Geschichte der Bücher. Denn es ist genau die Zeit, in der Bücher, zumindest in Europa, eben keine bedeutende Rolle mehr spielten. Es ist die Zeit, in der die Antike in Vergessenheit geriet, nach der die Ideen von Demokratie, der Philosophie, der Mathematik etc. erst wieder neu entdeckt werden mussten. 

Zusammen ergeben diese drei Bücher einen Überblick vom Beginn der Erfindung des Buches über die Zeit, in der die Antike und deren Wissen und Medien verschwanden bis hin zu der Zeit, in der das antike Wissen in Europa wieder ankommen konnte, weil Bücher und vor allem Lukrez’ Betrachtungen über die Natur wiederentdeckt wurden. 

  • Stephen Greenblatt, Die Wende. Wie die Renaissance begann. München (Siedler) 2012. Die aktuelle Paperbackausgabe hat 352 Seiten und kostet € 16,00 (EBook: € 9,99).
  • Mischa Meier. Geschichte der Völkerwanderung. Europa, Asien und Afrika vom 3. bis zum 8. Jahrhundert n. Chr. München (C. H. Beck) 2019 (1532 S., mit 40 Abbildungen und 38 Karten), € 58,00 (EBook: € 49,99).
  • Irene Vallejo, Papyrus. Die Geschichte der Welt in Büchern. Zürich (Diogenes) 2022, € 28,00 (EBook: € 24,99).

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