Zweiter Schultag. Oder: Wie viele Arten Stille…?

Die Stille einer Klasse, die einen Lehrer bekommt, den kein Kind aus der Klasse kennt. – Es gibt viele Formen der Stille. In der Schule. Die Stille bei einer Klassenarbeit ist anders als die Stille, wenn eine Klasse einem Lehrer oder einer Lehrerin zum ersten Mal begegnet. Die Stille eines neuen Oberstufenkurses, in der ersten Stunde, wenn die Schüler:innen einander nur teilweise und andere vom Sehen kennen, ist wieder anders. Die Stille einer Schule in den Ferien, nach Unterrichtsschluss, während Elternabenden. Während des schriftlichen Abiturs. Wir nennen das alles Stille. Was beschreiben wir damit? Das gilt auch für die Geräusche, die im Laufe des Tages wahrnehmbar sind. Das Ansteigen des Lärmpegels am Morgen. Auf dem Schulhof. Bis dann die Schultüren geöffnet werden. Im Sommer bei offenen Fenstern tönt die Schule nach außen hin. Und so weiter. Wie beschreiben? – Heute aber die Stille einer Klasse, die einen Lehrer bekommt, den kein Kind aus der Klasse kennt. Klasse sechs. Worüber spricht man da? Über das Lernen? Was könnt ihr, was ihr nicht in der Schule gelernt habt? Laufen. Kontrabass spielen. Tischtennis. Reiten. Stricken – sagen zwei Jungen. Ganz selbstverständlich. Das Sprechen wird spät genannt, aber auch das. Und Fahrradfahren. Noch ein paar Sportarten. Wie man mit Messer und Gabel isst. Und isst man so denn auf der ganzen Welt. Nein. Es gibt da noch Stäbchen, in Asien. Mit denen muss man das Essen auch erst lernen. Meldekette. Die Schüler:innen erteilen einander das Wort. Es ist still und zugleich nicht, denn da spricht immer eine:r, nacheinander. Das haben sie längst gelernt. Ein Austausch kommt in Gang. Und dann kommen wir zum Fach. Sie denken nach, schreiben auf. Stille. Wieder anders. Dann erzählen sie, was sie im letzten Schuljahr beim anderen Lehrer gelernt haben. Sie haben den gemocht. Jetzt unterrichte ich die Klasse. Sie abholen, wo sie vom Unterricht her stehen. – Oh schön; sie wissen noch viel. Sagen nicht nur, was sie gemacht haben; erzählen, was sie gelernt haben. Von wegen, nach sechs Wochen Ferien alles vergessen. Da wird viel erinnert. Auch die Unterscheidung von materiellen Werten und nicht-materiellen Werten. Und über Ängste habe man lange gesprochen. Die Kinder sind aus dem Corona-Lockdown ans Gymnasium gekommen. Im Religionsunterricht war für die Ängste Platz. Ist für die Ängste Platz. Später, andere Jahrgangsstufe. Jemand ist neu im Kurs. Ich höre den Dialekt. Im März aus der der Ukraine nach Deutschland gekommen. Konnte schon Deutsch. Das macht Schule leichter. Aber die Situation? Unsicherheit. Wie jedes Mal, wenn ich mit jungen Menschen zu tun habe, die viel zu viel erlebt haben, die viel zu viel zu erzählen haben. Und deshalb schweigen. Ein Schweigen wegen des Zuviels an Grenzüberschreitungen. Oder an Beschämungen. Wieder eine ganz andere Stille. Geduld. Man braucht Geduld. Und wenn sie dann zögernd zu erzählen beginnen. Zitternd. Am ganzen Körper. Angst. Scham. Aber auch Vertrauen. Immer wieder. Jede dieser Begegnungen. Unterschiedlich. In diese Stille leise reingehen. Offenheit signalisieren. Offenheit, die da ist. Wirklich. Nicht gespielt. Das merken Menschen, die sich danach sehnen, die bedrückende Stille zu überwinden. Die Stille mittragen, im Zuhören die Worte mittragen, die einem manchmal Unerträgliches sagen. Auch am Gymnasium. Da soll man sich mal nicht irren. Persönliche Schicksale. Zudem: Corona, Lockdown, der Krieg. Das alles dauert jetzt schon für Kinder und Jugendliche viel länger, als für Erwachsene. Die Stille angesichts der Sprachlosigkeit. Sprache suchen. Sprache finden. Gemeinsam. Ich unterrichte Deutsch. Ich unterrichte Religion. Da muss Platz sein für Sprache, die nicht im Deutschbuch steht. Ich denke an die Klagepsalmen. An das selbstverständliche Klagen, das immer von einer Hoffnung getragen die Beter des Alten Testamentes begleitet. Ich denke an Gedichte. Nelly Sachs. Paul Celan. Hilde Domin. Wolfgang Hilbig. Ingeborg Bachmann. Bertolt Brecht. Mascha Kaleko. Erich Kästner. Gertrud Kolmar. Und so weiter. Ist die Zeit der Sprachlosigkeit – eine Zeit der Kunst? Und wie klingt diese Stille. Die Stille von Kindern, die konzentriert zeichnen, malen, schreiben. Klar. Kinder sind oft laut. Auch wenn sie zeichnen, malen, schreiben. Aber wenn sie tief berührt oder tief im kreativen Tun versunken sind. Das ist eine Stille, die mich fasziniert. Menschen, die kreativ etwas tun und dabei fast sich selbst vergessen. Da wird vielleicht sogar der Südpol neidisch. Dieser wohl stillste Ort der Erde. – Wie viele Arten von Stille…?

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