Kurzer Versuch über den Essay

Der Essay als „Versuch“, wie die wörtliche Übersetzung des französischen „essaier“ lauten kann, stellt vor allem vor die Herausforderung, das eigene Nachdenken und jenes, mit dem man sich z. B. durch Lektüre befasst hat, zu bündeln und in eine Textform zu bringen. Der Essayist schaut sich quasi selbst beim Erwägen und Verknüpfen1 zu; er oder sie webt einen Text, schafft eine Textur aus Buchstaben, in die das Werden der Erkenntnis eingewoben ist.

Dabei kann der Ausgangspunkt durchaus einer sein, der mit dem unmittelbaren Gegenstand des Denkens auf den ersten Blick nichts zu tun hat. So kann ich fragen, wie wir Menschen die Welt wahrnehmen, und kann dies vor dem Hintergrund des Augenmotivs in E. T. A. Hoffmanns „Der Sandmann“ reflektieren. Das Nachdenken bekommt eine andere Richtung, frage ich mich, wie Werther die Welt und die Wirklichkeit betrachtet oder wie György Köves aus Kertész „Roman eines Schicksallosen“ diese erfährt. – Vielleicht habe ich Platons Höhlengleichnis als europäischen Grundlagentext zu dem Problem der Wahrnehmung der Wirklichkeit gelesen, sodass dieser in das Gewebe auf dem Papier einfließen kann.

Der Essay beinhaltet also nicht nur meine Gedanken, bei denen sowieso immer die Frage im Raum steht, wo diese her kommen, wie diese entstehen. Aber das ist schon wieder ein anderer Essay. Im Essay anerkenne ich, dass Denken im Gespräch mit Autoren über Zeit und Raum hinweg stattfindet. Mein Essay wird er dadurch, dass es höchst unwahrscheinlich ist, dass es auch nur einen Menschen auf der Welt gibt, der die exakt gleichen Lektüren in exakt dem gleichen Kontext und mit den gleichen Lebenserfahrungen aufgenommen hat. Während man in den Naturwissenschaften Versuchsaufbauten exakt nachbilden und somit Ergebnisse reproduzieren kann, ist die Eigenart des Essays, dass es zu dem gleichen Thema unterschiedlichste Texte geben kann, die sich nicht wiederholen und nicht im naturwissenschaftlichen Verständnis reproduzierbar sind.

Der Essayist nimmt das Material, das ihm zu einem Thema verfügbar ist, und schaut, wohin ihn dieses führt, was er daraus entwickeln, kreieren, basteln kann. Der Essayist ist beim Schreiben immer auch in einer Art „Makerspace“ der Sprache und des Denkens; er improvisiert wie ein Jazzmusiker über ein Thema.

Dennoch ist der Essay mehr als Improvisation. Am Ende, wenn die Überlegungen Leser finden, wird er – so er geglückt ist – eher wie ein kunstvoll geknüpfter Teppich wirken, wie ein komplexes Gemälde, wie eine Komposition für ein Kammerkonzert.

Mag der Autor beim Verfassen eines Essays vielleicht an seine intellektuelle Belastungsgrenze kommen, mit dem Thema hadern, einen misslungenen Entwurf wegwerfen: Am Ende macht ein gelungener Essay klüger und lässt den Autor dennoch mit offenen Fragen zurück; am Ende macht ein gelungener Essay glücklich und Lust auf mehr. Das gilt dann aber nicht mehr nur für den Autor, sondern auch für die Leser, so der Essay diese findet.

Foto: Torsten Larbig

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  1. Der französische Ausdruck essai stammt wie der italienische saggio und der spanische ensayo von dem selten belegten spätlateinischen Substantiv exagium („das Wägen“, „das Gewicht“) ab, das insbesondere „die Schrotproben, welche die Kaiser des 5. Jahrhunderts sich von jedem neuen Münzschlag vorlegen ließen … bezeichnet und von dem häufig belegten Verb exigere (u. a. „prüfen“, „untersuchen“, „beurteilen“, „abwiegen“, „erwägen“) abgeleitet ist. (Siehe hierzu Wikipedia –> Essay