Lernender bleiben – Eine Selbstvergewisserung

Vor 32 Jahren schrieb ich meine ersten E-Mails und begann digitale Kommunikation in sogenannten »Internet-Relay-Chats« (IRC). Vor 26 Jahren lernte ich Grundlagen der HTML (Hypertext-Markup-Language), woraufhin ich mit viel Mühe meine erste Website programmierte. Vor 18 Jahren begann ich dann mit Content-Management-Systemen (CMS) zu experimentieren. Zwischenzeitlich versuchte ich mit verschiedenen Systemen Internetinhalte zu verwalten und zu publizieren. Aber dann entschied ich mich im Laufe des Jahres 2008 für WordPress und begann mit meinem Blog. Das gibt es bis heute. Und die Links zu den einzelnen Beiträgen haben sich seitdem nicht verändert. Das heißt: Wer 2008 einen Beitrag von mir in seine Lesezeichen aufgenommen hat, findet diesen heute noch immer unter diesem Link. Twitter lernte ich 2008 ebenso kennen, 2014 kam dann Instagram dazu.

Kurz: Ich bin zwar kein digital Native, habe gerade noch so eine Welt mitbekommen, in der es nur wenige Menschen gab, die mit teuren Telefonen in Autos mobil telefonieren konnten – aber ich habe auch erlebt, wie diese Technologie zum Massenphänomen wurde, als jede und jeder ein kleines Gerät in der Tasche hatte.

Systematisch habe ich die Kenntnisse rund um das Digitale nie erworben. Das heißt vor allem: Ich kann keine Zertifikate vorlegen, die belegen, dass ich zwar kein Programmierer bin, aber ein durchaus reflektierter und reflektierender Nutzer des Digitalen im Zeitalter der Digitalität. – Man könnte sagen, dass ich mir über die Jahre eine gewisse »digital literacy« erworben habe. Dafür gibt es keine Urkunden.

Das heißt nicht, dass ich alles wüsste, dass ich auf alles Antworten hätte, was man mit der Digitalität verbindet. Aber Literacy heißt in diesem Zusammenhang, dass man sich auskennt und kompetent in diesem Umfeld bewegen kann.  Das heißt auch: Als im November 2022 LLMs aufkamen, befasste ich mich ohne externe Fortbildung damit: ein wenig Theorie, viel Praxis..

Das alles notiere ich mir, um mir Rechenschaft zu geben, wie ich Selbstwirksamkeitserfahrungen im digitalen Bereich nun schon einige Zeit gestalte.

Es gibt aber auch Entwicklungen, die ich sicherlich mal ausprobiert habe und deren Nutzung ich für mich auch nicht ausschließe, gegen die ich mich aber entschieden habe. So habe ich aufgehört, meine Blogartikel grundsätzlich mit Vorschaubildern zu bestücken, die mit dem Text im eigentlichen Sinne gar nichts zu tun haben. Das Blog hatte schon immer Bilder, aber dort, wo sie zum Kontext von Inhalt und Form passten. Als ich zwischenzeitlich versuchte, jedem Beitrag zumindest ein Vorschaubild beizufügen, machte dies das Blog zwar bunter, aber mich nicht glücklicher.

Twitter habe ich wirklich gekonnt. Das war ein tolles Medium, bis es dann das Schicksal nahezu jedes »sozialen Mediums« nahm, das nicht wirklich strengen Regeln folgt oder kuratiert wird. Meinen Twitter-Account habe ich nach der Umwandlung in »X« sehr schnell gelöscht, trotz der mir dort möglichen Reichweite. Ich konnte das nicht mit mir vereinbaren, was »X« aus Twitter innerhalb kurzer Zeit machte.

Mit reinen Video-Formaten wie TikTok fremdle ich bislang. Heute ist mein Instagram-Account ein Ort, an dem ich nach wie vor versuche, photographisch von mir als interessant empfundene Bilder zu veröffentlichen. Aber es ist ein Nischenaccount, denn meine Selbstdarstellung dort ist dann doch etwas weniger Selfie-Personality-like als das in diesem Umfeld wohl zum guten Ton gehört.

Und so wirkt manches, was ich heute im Internet tue, vielleicht manchmal etwas altbacken. Mein Blog tut das ganz sicher, ohne wirklich völlig aus der Zeit gefallen zu sein. Manchmal überlege ich, wie ich das Design eigentlich noch einfacher machen könnte. Aber die klassische Blogform habe ich beibehalten – und sie gefällt mir eigentlich noch immer. 

Und mein Umgang mit Instagram ist keiner, der ständig versucht, etwas zu verkaufen. Überhaupt: Ich tauche im Internet ausschließlich nicht-kommerziell auf! Das heißt: Ich verdiene mit dem, was ich digital im Internet mache, kein Geld. Mein Blog kennt keine Werbung; gesponserte Artikel gibt es da nicht; auf Instagram sind Buchvorstellungen genau dies: Kurzrezensionen.

Mein Medium ist – auch das macht mein Auftreten im Internet womöglich etwas »altertümlich« – der Text. Und dabei interessiert mich nicht, wie lange ein Beitrag wird, ob das die Lesegewohnheiten überfordert etc. – Und damit bin ich vielleicht genau in der Gesellschaft, in der ich sein will: In der New York Times finde ich zum Beispiel manche Artikel, die verlangen von mir zwischen dreißig und 60 Minuten Lesezeit; auf AEON.com finde ich Beiträge, die mich wirklich fordern. 

Aber wenn mir das am Bildschirm zu viel Text ist, dann drucke ich mir den Text eben aus. Und da kommt die nächste Altertümlichkeit: Diese Drucke sind Schwarz-Weiß. Als mein letzter Farb-Tintenstrahldrucker aufhörte, seinen Dienst zu tun, bin ich wieder zu einem schnellen Laser-Monochrome-Drucker gewechselt. Einfach weil ich ein Mensch des geschriebenen Wortes bin und mir längere Fachbeiträge dann eben auch mal ausdrucken will. 

Ja, ich hatte die Phantasie des papierlosen Büros, der Digitalisierung von allem. Nun, E-Books sind nice, aber Books sind nicer. Und komplexen Gedankengängen zu folgen, fällt mir auf Papier leichter als am Bildschirm. Trotz meiner langen Zeit im Digitalen – oder vielleicht gerade weil ich die Grenzen der Digitalität erfahren habe – habe ich nun eine Mischkultur aus analog und digital entwickelt, wobei die Handschrift zum Beispiel gerade kaum eine Rolle spielt, weil ich häufiger im Sessel sitzend schreibe als am Schreibtisch. Und im Sessel ist so ein Laptop einfach unschlagbar praktisch.

Aber was ist nun eigentlich das erkenntnisleitende Interesse hinter diesen Gedanken? Nach knapp 1000 Wörtern (in 40 Minuten – ca. 170 Anschläge pro Minute) könnte ich mir diese Frage nun ja vielleicht doch einmal vorlegen. Also:

Für mich war das mit der Digitalität ein Lernprozess. Ich habe ihn als solchen angenommen und mir immer dann Unterstützung geholt, punktuell, wo ich diese brauchte, um meine »digital literacy« aktuell zu halten. Mir kam es jedes Mal selbstverständlich vor, mich mit den sich wandelnden Kulturtechniken zu befassen. Dafür hatte ich nie ein Fortbildungskonzept. Nie wäre mir der Gedanke gekommen, dass ich drei Jahre nach der Einführung einer Technologie, die meinen eigenen Arbeitsbereich massiv prägen und verändern würde, mich damit herauszureden, dass es ja kaum gute Fortbildungen gäbe und ich deshalb leider nicht…

Das erlebe ich in meinem Beruf als Lehrer aber ständig: Da soll jemand eine Aufgabe übernehmen, betont dann, dass er oder sie aber doch von diesem digitalen Zeug keine Ahnung habe… Und das wird im System Schule mehr (nur selten weniger) akzeptiert.

Ich schreibe mir all das auf, um mir noch einmal ins Bewusstsein zu rufen, wie mein Lernen heute weitgehend funktioniert: in der Regel autodidaktisch, meist weniger zertifikatsorientiert.

Das kann ich, weil ich in fundierten schulischen und universitären Bildungsprozessen war, die mich dazu befähigt haben und mir gezeigt haben, dass ich das kann. Vor allem die (Vor-Bologna)-Zeit an der Universität war hier sehr wichtig, weil ich spätestens im Hauptstudium weitgehend frei, meinen Interessen folgend studieren konnte. Ich war also selbst verantwortlich, mir das an Vorlesungen und Seminaren zu suchen, was mich weiterbrachte. Da ich das Studium aber als eine Welt der Wunder erlebte, die sich mir durch meine eigene Anstrengung erschließen wollte, war das für mich nie ein Problem.

Meine Haltung, dass ich mir aneignen kann, was ich mir aneignen will oder was mir in einer bestimmten Situation wichtig ist, wirkt heute auch etwas altbacken. Dabei habe ich doch das Lernen internalisiert, das heute von »Lernbegleiter:innen« gefeiert wird: Selbstbestimmt lernte ich und brauchte ich Unterstützung, suchte ich mir Begleitung; allerdings nicht von Lernbegleiter:innen, sondern von Fachleuten auf den Gebieten, in denen ich Wissen und Kompetenzen lernen wollte oder angesichts gesellschaftlicher Wandlungen lernen musste.

Und ja, immer wieder war es auch wichtig und spannend, mit Menschen im Austausch zu sein, die einen ganz anderen Zugang zur Wirklichkeit haben, etwa mathematisch, naturwissenschaftlich, ökonomisch, juristisch geprägte Sparrings-Partner:innen. Oh ja, ich bin mir der Begrenztheit meines Wissens und meiner Kompetenzen sehr bewusst. Aber in dieser Begrenztheit bin ich Lernender geblieben, Ausprobierender, staunend angesichts all dessen, was an Wirklichkeitswahrnehmungen möglich ist.

Genau hier liegt der Widerspruch: Ich praktiziere eine Form des Lernens, die pädagogisch als Ideal gilt – aber sie wirkt altmodisch, weil sie aus einer Zeit stammt, in der man sich Dinge selbst erarbeiten musste, ohne dass es dafür fertige Lernpfade, Zertifikate oder Begleiter:innen gab. 

Diese Selbstverständlichkeit des Lernens war vermutlich schon immer selten. Aber etwas ist verloren gegangen: dass man einfach anfängt, sich durchprobiert, scheitert, neu ansetzt – ohne zu warten, bis jemand einen passenden Kurs oder gar ein Fortbildungskonzept anbietet.

Ich frage mich, wie es gelingen kann, aus »Schüler:innen«, »Student:innen«, »Auszubildenden«, »Lehrer:innen« »Lernende« zu machen. Verbreiteter ist die »Lernvermeidung«, für die Large-Language-Modelle (KI) neue Möglichkeiten eröffnen.

Die Technologie verändert sich, aber die Grundfrage bleibt: Wie schaffen wir Räume, in denen Menschen erfahren, dass sie lernen können – nicht weil sie müssen, sondern weil sie wollen? Wie ermöglichen wir Selbstwirksamkeitserfahrungen, die stark genug sind, dass Menschen auch ohne Zertifikat, ohne Kurs, ohne Lernbegleitung den Mut haben, sich Neuem zuzuwenden?

Mein altbackenes Blog mit seinen seit 2008 unveränderten Links ist eine Antwort: Beständigkeit schafft Vertrauen. Und Vertrauen – in die eigene Lernfähigkeit, in die Möglichkeit, sich Dinge zu erschließen – ist das, was wir am dringendsten brauchen.

Aber ich merke beim Schreiben, dass ich der eigentlichen Erkenntnis ausweiche. Es geht nicht darum, dass Menschen lernen sollen oder dass Selbstwirksamkeit wichtig ist. Die Frage ist radikaler: Warum akzeptiert das System Schule – und mit ihm weite Teile unserer Bildungsinstitutionen – eine Haltung, die Nicht-Lernen als legitime Position anerkennt? Warum ist alles auf Noten oder Punkte ausgerichtet und trotz aller Bemühungen (zum Beispiel der »Kompetenzenorienterung«) noch immer nicht auf ein echtes, nachhaltiges Lernen hin?

Wenn ein Kollege oder eine Kollegin sagt, er oder sie habe von diesem digitalen Zeug keine Ahnung, dann ist das mehr als individuelle Lernverweigerung. Es ist eine systemische Erlaubnis zur Inkompetenz. Und diese Erlaubnis wird erteilt, weil wir Lernen strukturell als etwas verstehen, das in bestimmten Lebensphasen stattfindet und dann abgeschlossen ist. Wer sein Studium, sein Referendariat, seine Ausbildung hinter sich hat, der darf sich zurücklehnen. Fortbildung wird zur Pflichtveranstaltung, nicht zur intrinsischen Notwendigkeit. (Aber das liegt womöglich auch ein wenig an den Fortbildungen, aber das ist ein anderes weites Feld!)

Meine drei Jahrzehnte digitaler Praxis zeigen mir etwas Wichtiges: Lernen ist kein Projekt mit Anfang und Ende, sondern eine Haltung dem Leben gegenüber, eine Haltung zur Veränderung. Ich habe IRC nicht gelernt, weil ich ein Zertifikat wollte. Ich habe HTML nicht gelernt, weil es Pflicht war. Ich habe mich mit LLMs befasst, weil sie plötzlich da waren und meine Arbeit veränderten. In jedem dieser Momente hätte ich auch sagen können: »Davon habe ich keine Ahnung.« Aber dann hätte ich mich selbst handlungsunfähig gemacht. (Und irgendwie wäre das ja auch langweilig, finde ich.)

Und genau das ist der Kern: Wer sich auf Nicht-Wissen als Position zurückzieht, gibt Handlungsfähigkeit ab. Das ist bequem, aber es ist auch eine Form der Selbstentmündigung. Bildungsinstitutionen, die diese Haltung akzeptieren oder gar fördern, produzieren systematisch Menschen, die sich als Objekte von Veränderung verstehen, nicht als Subjekte.

Eigentlich geht es darum, Menschen zu befähigen, sich selbst als lernfähig zu erfahren – und zwar so nachhaltig, dass diese Erfahrung auch dann trägt, wenn keine Institution mehr da ist, die das Lernen organisiert, zertifiziert oder begleitet.

Meine Vor-Bologna-Universität hat das geleistet. Nicht durch Lernbegleitung, sondern durch Freiheit. Durch die Zumutung, selbst herauszufinden (zu müssen), was (mir) wichtig ist. Durch die Erfahrung, dass Wissen sich erschließen lässt, wenn man sich anstrengt. Diese Erfahrung hat mich geprägt – neben den Inhalten meines Studiums.

Und wenn ich heute mit meinem altmodischen Blog, meinem Schwarz-Weiß-Drucker, meiner Mischung aus analog und digital arbeite, dann ist das keine Nostalgie. Es ist die Konsequenz aus der Einsicht, dass Werkzeuge kommen und gehen, aber die Haltung bleibt. Twitter ist weg, aber die Fähigkeit, neue Kommunikationsformen zu erschließen, bleibt. Joomla als CMS neben WordPress ist für mich Geschichte, aber die Kompetenz, sich in neue Systeme einzuarbeiten, bleibt.

Wer nur noch kopiert und generieren lässt, merkt (hoffentlich) irgendwann, dass ihm oder ihr etwas fehlt: die Selbstwirksamkeit, die Freude am Verstehen, das Staunen angesichts dessen, was sich erschließen lässt. Large Language Models machen diese Differenz sichtbar – zwischen dem, der etwas produziert hat, und dem, der verstanden hat.

Diese Krise zwingt uns, die Frage neu zu stellen: Was wollen wir, wenn wir Bildung sagen? Zertifikate oder Lernende? Rollenerfüllung oder Selbstwirksamkeit? Anpassung oder Gestaltungsfähigkeit?

Meine Antwort: Ich will Lernender bleiben. Nicht weil ich muss, sondern weil ich anders nicht leben kann.