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Über »Bildung« – oder: Wissen, Bildung, Toleranz

Der Bildungsbegriff ist umfassender (und im Diskurs auch umstrittener) als der kleine Aspekt, der hier reflektiert wird. Da der hier vertretene Blick auf das, was Bildung ausmacht, manches Mal von Debatten um Schulformen, um G8 oder G9 und andere eher formale Fragen des Schulsystems verdeckt wird, sei hier der Blick auf das, was Bildung auch ist, in aller gebotenen Kürze und somit auch Unvollständigkeit, in eine etwas andere Richtung gelenkt.

Bildung ist keine Dienstleistung. Der Gedanken, man lasse Kinder in die Schule gehen und dann hätten die Kinder gebildet die Schule abzuschließen, führt in die Irre. Einen Anzug kann ich in die Reinigung geben und anschließend bekomme ich ihn sauber zurück; ein Handwerker soll in der Wohnung etwas reparieren, geht er und der Defekt ist weiter vorhanden, bin ich unzufrieden. – So funktioniert das mit der »Bildung« allerdings nicht. – Bildung ist keine Dienstleistung, deren Erbringung man von anderen erwarten kann, sondern eine Haltung, die man sich selbst aneignen muss.1

Die Bedeutung von Wissen und damit verbundenen formalen Abschlüssen ist für Bildung weit geringer, als im öffentlichen Diskurs oft der Eindruck erweckt wird.2 Wissen, das zu Bildung hinführt, ist Wissen, das ich mir angeeignet habe, Wissen, das lebt und dynamisch zur Verfügung steht, wann immer ein Rückgriff auf dieses Wissen sinnvoll ist. Doch selbst ein dynamisches, nicht nur auswendig gelerntes Wissen, ist noch nicht das, was hier als Bildung bezeichnet wird.

Bildung, wie ich sie verstehe, besteht aus Haltungen, die das eigene Handeln bestimmen, Haltungen, die darum wissen, dass das Eigene immer mit dem Fremden rechnen muss, welches/welcher für sich gleiche Geltungsansprüche erhebt, wie das Eigene von mir mit Geltungsansprüchen verknüpft wird. Bildung als Haltung ist offen und weiß darum, dass Absolutheitsansprüche und der auf Bildung gegründete Diskurs einander ausschließen.

Entsprechend ist »gebildet sein« nicht vom Schulabschluss oder von der Art bzw. der Menge dessen abhängig, was ein Mensch weiß. Gebildet ist der/diejenige, der/die um die beschränkte Natur der Geltungsansprüche des eigenen Wissens und Meinens weiß, mit denen wir tagtäglich umgehen, ohne dabei in einen  Relativismus zu geraten, der Geltungsansprüche z. B. von Werthaltungen völlig verneint.

Diese Auffassung dessen, was Bildung als Begriff bedeuten kann, schließt unmittelbar an Sokrates’ berühmtes Diktum »οἶδα οὐκ εἰδώς« (»Ich weiß, dass ich nicht weiß« bzw. »Ich weiß als Nicht-Wissender«) an.3

Bildung zeigt sich nicht in schnellen Urteilen, sondern in einer Neugier, die versucht, andere(s) zunächst einmal zu verstehen – und zwar von der Warte des Anderen aus. Das bedeutet nicht, dass man nicht mehr urteilen dürfe, sondern nur, dass man die eigenen Haltungen und Ansprüche nicht voreilig nutzen sollte, um mit diesen andere zu vereinnahmen und zu verurteilen.

Gebildet ist jemand, der sich seiner selbst sicher ist, ohne sich seiner selbst zu sicher zu sein. Selbstsicherheit gegenüber eigenen Haltungen und Ansprüchen gibt die Offenheit, sich auf andere Haltungen und Ansprüche einlassen zu können, ohne aufgrund mangelnder Selbstsicherheit voreilig in eine Verteidigungshaltung zu geraten; sich seiner selbst nicht zu sicher zu sein, hält den Horizont offen, um die eigenen Haltungen und Ansprüche in der Begegnung mit dem/den Anderen hinterfragen zu lassen – und die der anderen hinterfragen zu können. – Insofern steht Bildung nahe bei der Toleranz und geht doch über die einfache Anerkennung des Andersseins des Anderen hinaus, da der gebildete Mensch damit rechnet, die eigenen Grenzen durch die Neugier auf das, was nicht »Ich selbst« ist, verschieben zu können und somit den Horizont zu weiten.

Beitragsfoto: © Torsten Larbig

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  1. Manche Lehrer erleichtern das, anderer machen es einem schwer, aber verantwortlich für die je eigene Bildung ist der Einzelne mehr, als es in mancher Schuldebatte den Eindruck erweckt. Das liegt auch daran, dass Bildung, wie sie hier verstanden wird, mit formalen Abschlüssen zunächst einmal herzlich wenig zu tun hat. []
  2. Damit soll die Bedeutung von Wissen nicht heruntergespielt, sondern in einen für das Wissen relevanten Rahmen eingefügt werden. []
  3. Die Übersetzung »Ich weiß, dass ich nichts weiß« ist eine Fehlübersetzung, die zuerst bei Cicero auftaucht, sich an Platons »Apologie des Sokrates« orientiert und den Blick auf die eigentliche Aussage des geflügelten Wortes erschwert. []
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