Theater als Herausforderung: Mit Benjamin Brittens »Peter Grimes« an der Oper Frankfurt in die neue Saison. Oder: Warum Oper heute relevant ist: über Außenseiter, Gerüchte und Gemeinschaft
Wenn der Herbst vor der Tür steht – und jetzt riecht es schon deutlich nach ihm, die Nächte werden länger und frischer, die Kastanien fallen – beginnt die neue Saison der darstellenden Künste: des Schauspiels, der Oper, des Balletts. Meine Saisoneröffnung fand dieses Jahr in der Oper Frankfurt mit Benjamin Brittens »Peter Grimes« statt. Damit habe ich es mir selbst schwer gemacht, denn die Oper ist für mich nach wie vor die fremdeste Form der darstellenden Künste.
Ich habe die Oper erst spät entdeckt, obwohl das erste Konzert mit unserem Schulchor, an das ich mich erinnern kann, eine in Teilen szenische Aufführung von Henry Purcells »Dido and Aeneas« war. Ich habe sie damals sehr genossen – nicht, weil ich den Inhalt verstanden hätte, sondern weil ich unsere gesungenen Partien mochte. Ich war da vielleicht in der 10. oder 11. Klasse und hatte mit Reinhold Feldman einen Musiklehrer, der für die Musik lebte, der für den Gesang brannte. Vielleicht war das die Grundlage, dass ich dann viele Jahre später zu dem Schluss kam, es mit der Oper vielleicht doch noch einmal zu versuchen.
Dieser »Peter Grimes« in der Oper Frankfurt ist für mich ein Beleg, wie sehr es für mich eine Bereicherung ist, dass ich mich auf die Oper als Kunstform eingelassen habe. Mittlerweile weiß ich, dass ich mich mehr vorbereiten muss als auf Theaterbesuche oder auf Konzerte, Lesungen, Museumsbesuche, wenn ich aus der Unmittelbarkeit der Aufführung heraus einen Gewinn ziehen will. Ich lese Inhaltsangaben, höre mir Einführungen auf der Website der Oper Frankfurt an oder studiere das Libretto. Manchmal höre ich auch Ausschnitte verfügbarer Aufnahmen, um die Fülle der Sinneseindrücke, die während einer Aufführung auf mich einstürzen, im Vorfeld etwas zu entlasten. So habe ich es auch mit »Peter Grimes« gehalten.
Fragte mich jemand, worum es in Opern geht, würde ich sagen: In Opern geht es um Menschen, die einfach nur glücklich leben wollen, denen aber das Schicksal dieses Glück meist verwehrt oder mindestens sehr schwer macht.
Peter Grimes ist solch eine Figur der Oper. Er träumt von der Ehe mit der verwitweten Lehrerin Ellen Orford. Aber Grimes ist stolz: Solange er Ellen kein gutes Leben bieten kann, wird er sie nicht heiraten. Dann aber kommt ein Lehrlingsjunge von Peter Grimes durch ein Unglück auf dem Meer ums Leben. Im Dorf gehen Gerüchte herum, werden »Fake-News« über Grimes verbreitet. Und als Ellen Orford am Hals eines neuen Lehrjungen einen Bluterguss entdeckt, glaubt auch sie, dass Peter Grimes einer sei, der seine Lehrlinge ausbeute und sie womöglich letztlich in den Tod treibe. Im Dorf kochen die Gerüchte hoch, man beschließt, Grimes zur Rede zu stellen. Grimes will fliehen, weist dem Jungen einen Weg über die Klippen zum Boot, doch dieser stürzt dabei ab. Am Ende wird Grimes unterstellt, er habe den zweiten Lehrlingsjungen ermordet. Nun wird die Situation für Grimes lebensbedrohend. Er folgt dem Rat des Captain Balstrode und fährt aufs Meer hinaus, um sich dort zu ertränken.
Am Anfang hat Grimes die Sympathien des Zuschauers für sich. Ob er den Lehrjungen wirklich misshandelt hat, wird nicht ganz klar. Aber es gibt genügend Raum, an Peter Grimes zu zweifeln. Allerdings hatte ich den Eindruck, dass Grimes in der Frankfurter Inszenierung als jemand dargestellt wird, der als Außenseiter zwar keine wirklich sympathische Figur ist, in seinem Sehnen nach einem Neuanfang und einem Leben, in dem er Ellen (und dem Lehrjungen) mehr bieten kann als momentan, allerdings auch deshalb scheitert, weil die Dorfgemeinschaft Gerüchten folgt und sich von diesen emotionalisieren lässt.
Und hier ist diese Oper ungemein aktuell, denn die Mitschuld an Peter Grimes’ Schicksal durch das »soziale Netzwerk« des Dorfes, dem der Tod Grimes letztlich egal ist, liegt nahe. Diese Lesart der Mitschuld der Dorfgemeinschaft wird in der Inszenierung von Keith Warner unter musikalischer Leitung von Thomas Guggeis und mit dem Bühnenbild von Ashley Martin-Davis, den Kostümen von Jan Morell und dem Licht von Olaf Winter in meinen Augen sehr deutlich herausgearbeitet.
Die Inszenierung hatte ihre Premiere am 8. Oktober 2017, also noch vor der Pandemie und all den anderen Ereignissen der vergangenen Jahre, in denen Fake-News und populistische Einpeitscher Massen in emotionale Unruhe und in Bewegung versetzten, wie wir das heute leider kennen. Und ich kann die Inszenierung vor dem Hintergrund der letzten fünf Jahre noch immer verstehen, ihr eine Lesart abgewinnen, die mir aktuell und zeitgemäß erscheint. Wenn das ein Qualitätsmerkmal für die Inszenierung einer Oper ist, dann ist diese Inszenierung gelungen. Dabei spielt aber Brittens Kunst eine ebenso große Rolle, menschliche Eigenschaften und Gruppendynamiken in dieser Oper modelliert zu haben, die offensichtlich nicht verschwinden.
Ein Einzelner will glücklich werden. Er wird vom Pech verfolgt. Der eigene Stolz verbietet ihm, die Liebe eines anderen Menschen anzunehmen. Die Menschen in seiner Umgebung entscheiden sich für ihn als ihren Außenseiter. Ohne Außenseiter, auf die eine Gesellschaft ihre Vorurteile abladen kann, scheinen viele Gesellschaften nicht auskommen zu wollen. Und so scheitert dieser Einzelne absolut, total. Und am Ende ist der Gesellschaft, die ihn mitzuverantworten hat, dieser Einzelne völlig egal. Man ignoriert dessen Schicksal und geht zum Alltag über.
So habe ich die Oper »Peter Grimes« von Benjamin Britten in meiner ersten Annäherung verstanden. Als meine persönliche Saisoneröffnung des Theaterjahres 2025/26 war das eine spannende erste Aufführung, die mir gezeigt hat, warum ich ins Theater gehe, in die Oper, ins Ballett. Es werden dort existenzielle Themen der Menschen und des Individuums auf unterschiedliche Weise dargestellt. Für die Besucherin und den Besucher ist gutes Theater immer eine Herausforderung, auf die er oder sie sich in jeder Saison neu einlassen darf. Brittens »Peter Grimes« bietet genügend Ansatzpunkte, um mir genau dies zu Beginn dieser neuen Saison der darstellenden Künste einmal mehr in Erinnerung zu rufen.