„Geordnete Insolvenz“ #Sprachverwirrung

Ein Gespenst geht um in Europa und in der Welt. Und weil es Menschen gibt, die vor Gespenstern Angst haben, müssen diese Menschen beruhigt werden.

Früher hieß das Gespenst schlicht „Staatspleite“.

Viele Menschen befürchten mit der Pleite eines Staates große eigene Schwierigkeiten. Da aber alles halb so schlimm ist, wenn alles seine Ordnung hat, wird nicht mehr von „Staatspleite“ gesprochen. So ein negativ besetztes Wort nimmt ein Politiker nicht in den Mund.

An die Stelle der Pleite ist sowieso schon das schön dahinfließende, leicht zischelnde „Insolvenz“ getreten.

Dieses Wort stammt aus dem Lateinischen. „Solvere“ heißt das lateinische Verb, das mit „lösen“ oder „zahlen“ übersetzt werden kann. Wird nun die verneinende Vorsilbe „in“ davor gesetzt, heißt das Wort „nicht zahlen“ oder „nicht lösen“. „Nicht lösen“ steht dabei für die Unmöglichkeit, sich von Schuldscheinen lösen zu können. Wenn man aber Schuldscheine nicht einlösen kann, braucht man eine Lösung.

Im alten Rom konnte man in dieser Situation schon mal versklavt werden.

Das passiert heute nicht mehr … — Zumindest würde es niemand so nennen.

Wenn aber Staaten insolvent sind, dann geht das oft damit einher, dass andere Mitreden (wollen), wenn es um politische Entscheidungen im Land geht.

Es müssen weiterhin die Gesetzgeber der Länder handeln, aber sie bekommen gesagt, was sie tun müssen. Wenn sie es nicht tun, bekommen sie keine Hilfe mehr. Dann gehen sie pleite. Aber das geschieht natürlich in aller Ordnung. Auch wenn das Volk ungeordnet demonstrieren sollte, geht alles seinen geordneten Gang.

Die, die da dem Land plötzlich vor-sagen (vorschreiben), was es zu tun habe, um neue Hilfen zu bekommen, sind in dem Land nicht gewählt. Überhaupt haben so große Geldmächte wie der Internationale Währungsfond (IWF) und die Weltbank nicht gerade eine demokratische Legitimation.

Wenn es um die Ordnung geht, obwohl das Chaos nur noch mit Mühe im Zaum gehalten werden kann, holt man die Ordnung bzw. den Traum von Ordnung mit der Sprache zurück. Um was anderes geht es Politik denn sonst, als darum, ständig Wörter zu erfinden, die so tun als ob alles in Ordnung wäre, obwohl vieles nicht in Ordnung ist.

„Geordnete Insolvenz“ wird das Gespenst nun also genannt, das in Europa und der Welt umhergeht. Aber frage mal einen Juristen, was das ist. Ein Jurist weiß darauf keine Antwort. Kürzlich schrieb ich auf Twitter:

„Geordnete Insolvenz“ ist ein euphemistischer Begriff für etwas, was im Völker- oder EU-Recht gar nicht vorgesehen ist. #Sprachverwirrung

Darauf antwortet Rechtsanwalt @RaStadler:

„@herrlarbig Ein politischer Begriff, den auch das deutsche Recht nicht kennt”

Man spricht also über etwas, das es rechtlich gar nicht gibt. Man projiziert eigene Wünsche in einen Begriff, erhofft sich etwas, von dem keiner sagen kann, was es eigentlich ist. Aber geordnet muss es sein. Irgendwie.

Alles muss nun einmal seine Ordnung haben. Ordnung ist das halbe Leben. Geordnete Verhältnisse gelten als anständig.

„Geordnete Insolvenz“ ist ein euphemistisches Paradoxon (ein schönfärbender Widerspruch in sich selbst), ein rein politischer Begriff, ohne für mich erkennbare juristische Basis, und hat das Zeug zum „Unwort des Jahres“.

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