Herrn Larbigs Bibliothek 20 – Navid Kermani: Einbruch der Wirklichkeit

Navid Kermani, Träger des Friedenspreises des deutschen Buchhandels, hat im letzten Herbst die Balkanroute in umgekehrter Richtung bereist, relativ spontan, wie er in einem Gespräch des Deutschlandfunks beschreibt. Er habe die Rede zum Friedenspreis fertig gehabt, da habe er gemerkt, er müsse jetzt das machen, wofür er ausgezeichnet worden sei. Da so viele Meinungen über Flüchtlinge da seien, sei es wichtig, diese Flüchtlinge und ihre Geschichten kennenzulernen.

Also haben sich Kermani und der Magnum-Photograph Moises Saman auf den Weg geamcht. – Das Ergebnis dieser Reise erschien zunächst als Reportage im Spiegel und nunmehr deutlich umfangreicher unter dem Titel »Einbruch der Wirklichkeit. Auf dem Flüchtlingstreck durch Europa« bei C. H. Beck in München.

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© C. H. Beck-Verlag

Kermani legt eine ehrliche Reportage vor. Er spricht von der Spannung zwischen der Aufgabe eines Reporters und der Hilfsbedürftigkeit vieler Menschen, denen er nicht rder nur sehr begrenzt helfen kann, wenn er seine Rolle ausfüllt. Er erfährt von Helfern in Budapest, die lieber anonym bleiben wollen, dass die Flüchtlinge auch deshalb alleine gelassen worden seien, damit diese verwahrlosen, um die einheimische Bevölkerung auf Distanz zu ihnen gehen zu lassen. Er befragt Flüchtlinge auf Lesbos, beobachtet, wie Flüchtlingsboote ankommen, setzt mit der Fähre in die Türkei über und trifft dort auch auf Flüchtlinge, die kurz vor dem Ziel ausgeraubt wurden und nun ohne vor oder zurück zu kommen festsitzen.

Doch Kermani beschreibt nicht nur, was er erlebt hat, er analysiert sehr scharfsinnig und ehrlich, beschönigt nicht, welche Probleme die Aufnahme von Flüchtlingen für die aufnehmenden Länder mit sich bringt.  Er zeigt die Verlogenheit nationalistischer Regierungen wie jener Viktor Orbáns, die sich der Vorstellung von »homogenen Nationen« hingeben. Und er bringt das Problem der europäischen Asylvereinbarungen auf den Punkt: Es gebe für Flüchtlinge keine andere Möglichkeit in Europa Asyl zu beantragen, als illegal einzureisen.  »Die europäischen Asylvereinbarungen sind nichts anderes als eine massive staatliche Förderung der Schlepperindustrie.« (S. 46) – Harte Worte, aber Kermani zeigt auch eine Lösung, vielleicht die einzige, die wirklich anzustreben ist, wenn er sagt, dass nur ein starkes, einiges und freiheitliches Europa helfen könne, die Welt zu befrieden, aus der so viele Menschen auf der Flucht sind. Europäische Solidarität – so sie denn existiert bzw. endlich hergestellt werden kann – könne nicht nur die Aufnahme der Flüchtlinge bewältigen, sondern auch Fluchtursachen bekämpfen.

Bereits ohne die Bilder von Moises Saman ist der Text Kermanis anrührend und aufklärend; die Photographien des Magnunm-Photographen aber verdeutlichen noch einmal mehr den Einbruch der Wirklichkeit dieser von Krisen und Kriegen geplagten Welt in unsere Wirklichkeit des jahrzehntelangen Friedens und Wohlstandes. Navid Kermani hat ein lohnendes Buch geschrieben – und einmal mehr gezeigt, dass er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels zurecht zuerkannt bekommen hat.

Einbruch der Wirklichkeit. Auf dem Flüchtlingstreck durch Europa. (Mit dem Magnunm-Photographen Moises Saman). München (C. H. Beck) 2016, 96 S.: mit 12 Photographien und 1 Karte. Klappenbroschur. 10 Euro.

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