Herrn Larbigs Bibliothek 18: Massimo Carlotto, Mama Sabot – Tödlicher Staub

Hinter Mama Sabot steckt eine Gruppe von sardischen Journalisten. Sie waren an der Recherche zu Massimo Carlottos Thriller „Tödlicher Staub“ beteiligt, dem ein Ökoskandal auf Sardinien zu Grunde liegt. Salto di Quirra ist ein Truppenübungsplatz, der mit 116 Quadratkilometer das größte militärische Sperrgebiet Europas ist. Und dieses Sperrgebiet hat es in sich.

„Tödlicher Staub“ ist als Roman also das Ergebnis konkreter Recherchen konkreter Journalisten, auf deren Basis Massimo Carlotto diesen Thriller schrieb. Entsprechend bricht dieser Thriller mit Klischees des Genres, denn diese sind, vor allem dort, wo es in Bestsellern eine klare Auftreilung von Gut und Böse gibt, weit von der Wirklichkeit entfernt; Carlottos Roman hingegen, so sehr die FIguren und Ereignisse auch der Fantasie entsprungen sein mögen, beruft sich auf „gründliche Recherche insbesondere bezüglich der Umweltschäden durch Nanopartikel und des militärischen Sperrgebietes Salot die Quirra – Capo San Lorenzo“ (S. 4).

Dabei fasst sich Carlotto kurz. Auf „nur“ 160 Seiten gelingt es in diesem Roman, ein Panorama aufzubauen, in dem der Erzähler zwar nah an die Figuren heran geht, mittels personaler Erzählhaltung aus deren Perspektive erzählt, ohne sich mit ihnen zu solidarisieren oder gar zu identifizieren. Statt dessen trifft der Leser auf ein Personal, bei dem eigentlich nur jeweils die Frage im Raum steht, wie tief die einzelnen Figuren nun in die an Eigeninteressen ausgerichteten Machenschaften verwoben sind.

Und in dem Augenblick, in dem es dem Leser langsam dämmert, wie dieser Roman möglicherweise enden wird, ist dann auch schlagartig klar: In der Wirklichkeit sind kriminelle Verstrickungen wesentlich komplexer und in ihren Auswirkungen weitreichender, als es in der Wirklichkeit der meisten Krimis dargestellt wird.

Massimo Carlotto schreibt stilistisch genau in dem harten Ton, der zu der erzählten Handlung passt. Er schmückt nichts aus und doch entgeht er der Versuchung, statt eines Romans vielleicht doch eine lange Reportage zu schreiben, wie man sie von einem investigativ arbeitenden Journalisten erwarten könnte.

Am Ende bleibt man als Leser in einer Welt zurück, die alles andere als heil ist; der Roman macht auch keine große Hoffnung, dass eine bessere Welt möglich sein könnte, abgesehen davon, dass er existiert! Angesichts des Themas, dessen Realitätsgehalt und der Art und Weise, wie Mafia, Militärs und Politik in diesem Roman mit Leuten umgehen, die ihren Interessen im Weg stehen könnten, ist der aufklärerische Wert dieses vom Verlag als Kriminalroman bezeichneten Werks kaum zu unterschätzen.

Es ist für mich eine echte Wohltat, dass ein Autor sich traut, genau so viel zu erzählen, wie nötig ist, um den Leser in die Handlung hinein zu ziehen und ihn dann doch mit der Brutalität allein zu lassen, die hier in nüchterne Worte gebracht wird, die durch die gewählte Erzählhaltung zudem die nüchterne Aggressivität der Akteure nahezu körperlich spürbar machen.

Der Leser bleibt mit Fragen zurück, auf die er für sich selbst Antworten suchen muss. Dieser Roman verlangt eine Positionierung des Lesers, gibt diese aber auch vor, indem er trotz aller „Neutralität“ sehr klar Stellung zu den Verbrechen bezieht, von denen kaum zählbar viele auf diesen 160 Seiten verübt werden.

Carlotto hat hier einen „Kriminalroman“, einen „Thriller“ – ein wichtiges Buch vorgelegt, das zudem literarisch gelungen ist, das zeigt, dass und wie der Autor das literarische Handwerk versteht.

Ein hervorragender, wenn auch nicht leicht zu verdauender Roman!

Massimo Carlotto, Mama Sabot: Tödlicher Staub. Kriminalroman Aus dem Italienischen von Hinrich Schmidt-Henkel Stuttgart (Klett-Cotta) 1. Aufl. 2012, 160 Seiten, 14,95 Euro. Der Roman ist auch als EPub- und Kindle-Buch verfügbar und kostet als E-Book  (in D) 10,99 Euro.
 

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