Medienkompetenz als staatlicher (schulischer) Bildungsauftrag

„Digitale Medien sind aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Wir brauchen sie als Informationsquelle, als Kommunikationshilfe und für unser alltägliches Tun und Handeln. Es kommt nun darauf an, allen Menschen Medienbildung zu ermöglichen“,

sagte Bundesforschungsministerin Anette Schavan laut einer Pressemeldung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung am 18.05. Anlass war die Veröffentlichung eines Berichtes mit dem Titel „Kompetenzen in einer digital geprägten Kultur“, den eine vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) eingesetzte Expertenkommission zur Medienbildung vorgelegt hat. Dort heißt es bereits in der Einleitung:

„Digitale Medien prägen mittlerweile die Lebenswelt junger Menschen in vielfältiger und nachhaltiger Weise. Persönlichkeitsentwicklung, Lebensbewältigung und die Suche nach Orientierung und Sinn stellen sich unter geänderten Informations- und Kommunikationsverhältnissen für die junge Generation in neuartiger Weise. Diese Technologien zeigen als Medien eine kommunikative und symbolische Dimension […] Digitale Medien verlangen von jedem Einzelnen stetig wachsende und sich ändernde Kompetenzen, deren Vermittlung staatlicher Bildungsauftrag ist.“ (S. 2)

Diese Äußerungen Schavans und der Bericht der Expertenkommission selber geben zu denken, wenn es um die Frage der Entwicklung und Förderung von Medienkompetenz geht, denn bislang ist der Umgang mit dem alltäglichen Tun und Handeln (junger) Menschen teilweise sehr restriktiv. So hat Bayern bereits 2006 die Benutzung von Mobiltelefonen auf dem Schulgelände tabuisiert, da man Porno- und Gewaltvideos auf von Schülern genutzten Mobiltelefonen gefunden hatte.

„Die Schule ist nicht der Ort zum Telefonieren und schon gar nicht für die Verbreitung jugendgefährdender Machwerke“,

sagte damals der bayerische Kultusminister Siegfried Schneider laut Süddeutscher Zeitung. Und wer wollte dem widersprechen! Ebenso wenig ist die Schule der Ort, um sich von der Schulwirklichkeit mittels MP3-Abspielgeräten in den Pausen von der Schulwirklichkeit zu isolieren und statt sich auf dem Schulhof auszutoben oder mit Mitschülern soziale Kontakte zu pflegen bzw. den gerade durchgenommenen Lernstoff noch einmal zu reflektieren und sich geistig auf die nächste Stunde vorzubereiten, Musik auf die Ohren zu geben. Dem zu widersprechen wäre töricht, gibt es doch genügend Argumente, den Umgang mit diesen Medien auf die Zeit außerhalb der Schule zu verlagern.

Und doch fördert das Papier der Expertenkommission des BMBFs einige Aspekte zu Tage, die für die Frage nach dem Umgang mit digitalen Medien in Bildungsprozessen von entscheidender Bedeutung sind, sollen solche Prozesse nicht von der Wirklichkeit des Umgangs mit digitalen Medien abgekoppelt werden. Das Kommission schreibt unter anderem:

„Eine Auseinandersetzung mit der bildungspolitischen Herausforderung muss an den qualitativen Aspekten und Veränderungen ansetzen, die durch die digitalen Medien induziert sind.“ (Bericht der Expertenkommission des BMBF, S. 2.)

Hier werden konkret Speicherkapazitäten, die Möglichkeit zur leichten Weitergabe (Distribution) von Inhalten, die hohe Verfügbarkeit von Informationen und die Verschränkung von Privatheit und Öffentlichkeit genannt (wie sie z.B. in sozialen Gemeinschaften oder auch über Blogs wie dieses entsteht). Zudem wird ausdrücklich auf die Verschmelzung bislang getrennt betrachteter Medien (Audio, Foto, Film etc.) hingewiesen. Kurz: All die Bereiche, die bislang vor allem im Kontext der mit ihnen verbundenen Problempotentialen betrachtet wurden, werden hier sachlich als Tendenzen der Medienentwicklung betrachtet, denen sich Bildungsprozesse so zu stellen haben, dass

„eine systematische und nachhaltige Entwicklung von Medienbildung als integraler Bestandteil von Allgemeinbildung und wichtige Voraussetzung für die persönliche Entfaltung von Berufs- und Ausbildungsfähigkeit”

geschafft werden können, bei der

„technische, ökonomische, politische, rechtliche, ethische und ästhetische Dimensionen von Bedeutung“

sind. (Siehe Bericht der Expertenkommission des BMBF, S.3)

Damit ist ein Rahmen vorgegeben, dem sich Medienpädagogik, so sie die Äußerungen der Expertenkommission des BMBFs für angemessen erachten, stellen muss. Voraussetzung hierfür ist die Akzeptanz der Entwicklung digitaler Medien als Bestandteil der Alltagskultur.

Eine kulturpessimistische Medienkritik wird diese Anforderung so nicht nachvollziehen könne, da in deren Augen die immer umfassender werdende Vereinnahmung der Alltagskultur durch diese Medien und die damit verbundene angenommenen Verdrängung des Analogen in sich eine nicht zu begrüßenden, höchstens distanziert hinzunehmende Entwicklung ist. – Und diese Kritiklinie ist, auch wenn mancher meinen sollte, sie sei hier überzeichnet dargestellt, bei an Bildungsprozessen beteiligten Fachkräften, nach wie vor weit verbreitet.

Lehrkräfte, die sich praktische Kompetenzen aneignen, mit digitalen Medien selbst intensiv arbeiten und diese (freilich medienpädagogisch reflektiert) in den Unterrichtsalltag integrieren (wollen), erleben sich nach wie vor, wie es ein Kollege – natürlich im digitalen Netzwerk von Kollegen, das mittlerweile auch schon existiert – vor kurzem formulierte, als von Kollegen „geschnittene Outlaws“.

Gerade deshalb ist es wichtig, mit möglichst gut ausgearbeiteten Ansätzen zu einer Entwicklung von Medienkompetenz zu arbeiten und konkrete Arbeitsbereiche aufzuzeigen, in denen sich medienpädagogisches Arbeiten (und damit ist auch die Integration digitaler Medien in fachdidaktische Überlegungen gemeint) bewegen muss. Die Expertenkommission des BMBFs nennt hier vier Bereiche:

„1. Information und Wissen 2. Kommunikation und Kooperation 3. Identitätssuche und Orientierung 4. Digitale Wirklichkeiten und produktives Handeln“ (S. 3.)

Dabei werden konkret folgende Kompetenzen genannt, die medienpädagogische Arbeit erreichen müsse, nämlich:

„Digitale Medien nutzen, ihre Potenziale verstehen, sie kritisch beurteilen, mit ihnen interagieren und sie gestalten, und mit Medien am sozialen Leben und an der Gesellschaft teilhaben.“ (S. 4)

Und dann folgt ein, wie ich finde, entscheidender Abschnitt, bezogen auf den Umgang mit digitalen Medien an Schulen und im konkreten Unterricht:

„Mit den Digitalen Medien entwickeln sich gleichzeitig neue Lern- und Arbeitsformen, die sowohl für Bildungs- als auch für Arbeitsprozesse einschneidende Veränderungen mit sich bringen. Medienbildung umfasst Medien als Gegenstand des Lernens und das in hohem Maße selbstgesteuerte und selbstverantwortete Lernen mit Medien, das im Lebensverlauf zunehmende Bedeutung gewinnt und eingeübt sein will.“ (S. 4)

Es entwickeln sich „neue Lern- und Arbeitsformen“, die gerade im Bereich des heute neurodidaktisch so sehr geforderten selbstgesteuerten und selbstverantworteten Lernens das Arbeiten mit Medien verlangen, auch um für spätere Berufstätigkeit und Alltagsbewältigung notwendige Fähigkeiten zu erwerben.

Genau betrachtet kann man sogar so weit gehen und sagen, dass diese neuen Lern- und Arbeitsformen eine offensive Förderung des Einsatzes digitaler Medien verlangen (immer unter Voraussetzung, dass diese Entwicklungen nicht kulturkritisch abgelehnt werden, wofür es durchaus den einen oder anderen nachvollziehbaren Grund geben kann), die zu einem selbstgesteuerten Lernen führt, das möglicherweise auch außerhalb des Klassenzimmers stattfindet und sich somit der Kontrollierbarkeit durch Lehrende ein Stück weit entzieht.

Die sich aus den oben genannten vier für medienpädagogisches Handeln relevanten Handlungsfeldern ergebenden Anforderungen und Konsequenzen werden in dem Papier der Expertenkommission ausführlich behandelt (S. 4–7), sodass auf die dort bereits geleisteten Entfaltungen der Handlungsfelder hier verzichtet werden kann.

Und doch werden hier große Wahrheiten gelassen ausgesprochen, vor allem dort, wo auf die Bedeutung digitaler Medien für die Jugendlichen selbst hingewiesen wird. Dort heißt es:

„Die Entwicklung der Persönlichkeit als ein Sich-ins-Verhältnis-Setzen zur Welt kann heute nicht ohne technologische Bildung und ohne Medienbildung verstanden werden. Im Netz und in den virtuellen Gemeinschaften bewegen sich die meisten jungen Menschen wie selbstverständlich. Diese Umgebungen spielen eine ganz wesentliche Rolle in ihrer Sozialisation, im Freizeitverhalten, in der Selbstfindung, der Ausbildung von Gemeinschaftlichkeit und darin, wie junge Menschen sich ins Verhältnis zur Welt setzen. Beim handelnden Bewusstwerden und Reflektieren dieser Erfahrungen müssen Bildungseinrichtungen unterstützen und begleiten.“

Hier wird explizit der handelnde Umgang von Lernenden mit den Möglichkeiten des Internets, insbesondere auch im Kontext virtueller Gemeinschaften, endlich einmal nicht diskriminierend, sondern als ein echtes Bedürfnis im Rahmen der Selbstfindung und des Sich-ins-Verhältnis-Setzens zur Welt genannt. Dabei spielte gerade dieses Sich-ins-Verhältnis-Setzen zur Welt für die Persönlichkeitsentwicklung in allen Jahrhunderten eine entscheidende Rolle, auch wenn die Erfindung der Schrift, des Buchdrucks, des Fernsehens etc. immer wieder genau zu dem heute wieder zu beobachtenden Abwehrverhalten von Bildungsprofis führten.

Welche Bedeutung diese Formen der Vergemeinschaftung haben, die entgegen immer wieder formulierter Bedenken meist eine Ergänzung zur konkreten Begegnung stehen und diese eben nicht ersetzen, lässt sich beispielsweise an den Reaktionen beobachten, die bei Schülern ausgelöst werden, wenn diese bspw. ein Mobiltelefon im Unterricht unterrichtsfremd verwenden und dieses dann auf der Basis von Vereinbarungen mit den Erziehungsberechtigten für einen überschaubaren Zeitraum eingezogen wird. In genau diesen Situationen zeigt sich die Bedeutsamkeit digitaler Technologien für die Kommunikation von Jugendlichen mit ihrem (konkreten und eben nicht auf das Netz beschränkten) Freundeskreis – und somit auch die Bedeutung für Prozesse der Persönlichkeitsentwicklung im Kontext von Vergemeinschaftungen.

In vielen medienpädagogischen Konzepten wird diese Bedeutsamkeit der Medien für diese Prozess von Lehrenden meiner Wahrnehmung nach ausgeblendet oder diskriminiert, indem alleine auf die objektiv durchaus vorhandenen Gefahren der Nutzung digitialer Medien und der Vergemeinschaftung im Kontext virtueller Gemeinschaften hingewiesen und – das wäre schon ein Schritt weiter – auf rechtliche Klärungen z. B. beim Umgang mit copyrightgeschütztem Material oder mit Persönlichkeitsrechten Wert gelegt wird.

Darüber hinaus wird oft auch akzeptiert, dass der Umgang mit Medien für die Berufspraxis zu einer zunehmend wichtigen Kompetenz gehört. Weitaus seltener aber wird die im Expertenbereicht des BMBFs genannte Bedeutsamkeit dieser Medien für (junge) Menschen berücksichtigt – vielleicht auch, weil viele der Lehrenden diese Bedeutsamkeit nicht kennen und somit nicht nachvollziehen oder aber auch überhaupt nicht erkennen können.

Es bedarf hier eines Paradigmenwechsels: Nicht die Kritik und das mögliche Gefährdungspotential digitaler Medien kann den Anfang einer erfolgreichen medienpädagogischen Praxis ausmachen. Am Anfang muss vielmehr die Frage nach der Bedeutsamkeit digitaler Medien für die Lernenden (Jugendlichen) selbst stehen. Also nicht: „Na, ihr seid ja fast alle bei SchülerVZ, aber wisst ihr eigentlich, wie gefährlich es ist, dort so viele persönliche Daten öffentlich zugänglich zu machen…“, sondern eher: „Na, ihr seid ja fast alle bei SchülerVZ. Was ist es eigentlich, das dies für euch so wichtig macht?“ Auf dieser Basis der Wertschätzung und des Respekts sind die auch in einem solchen Konzept geltenden Ziele einer auf reflektierten Umgang mit Medien hin abzielenden Medienpädagogik möglicherweise erfolgreicher zu erreichen als auf im Rahmen einer (eigentlich in jeder Generation wieder auftauchenden) Ablehnung oder vor allem kritischen Betrachtung der Jugendkultur.

68er, Punks, Raver, EMOs etc. wurden schon genau so von der Erwachsenenwelt vor allem abgelehnt, statt vor dem Hintergrund der Bedeutsamkeit für die Jugendlichen selbst als Bereicherung und auch als kritisches Potential gegenüber der Erwachsenenkultur gesehen zu werden. Was im Augenblick im Kontext des Umgangs mit digitalen Medien im Kontext der Jugendkultur an Ablehung und Kritik geübt wird, steht in der gleichen Tradition, die als Jugendlicher manch einer von denen erlebt hat, der oder die nun selbst diese Distanz zur Jugendkultur einnimmt – ohne die Parallelität als solche überhaupt wahrzunehmen.

In diesem Kontext weisen die Überlegungen der Expertenkommission des BMBFs in eine wohltuend andere Richtung:

„Überlegungen zur Umsetzung müssen anknüpfen an den Kompetenzen und Stärken, die junge Menschen in ihrem Alltag, in ihrer Lebenswelt und ihren Gemeinschaften Kompetenzen in einer digital geprägten Kultur  entwickeln und diese als wichtige Ressourcen in Bildungsprozesse integrieren. Sie müssen auch von einer wertschätzenden Begleitung durch die Gesellschaft und von Unternehmenskulturen getragen werden, in denen die Menschen im Mittelpunkt der Arbeitswelt und der Wissensgesellschaft stehen.“

Was hier gesagt wird, kann man gar nicht genug betonen: Ausgangspunkt ist Wertschätzung dessen, was die Jugendlichen tun. Im Alltag werden von den Jugendlichen im Umgang mit digitalen Medien nämlich bereits Kompetenzen und Stärken im Umgang mit diese Medien entwickelt (oft allerdings weit weniger an technischen Kompetenzen als den einfachen Interfaces entsprechender virtueller Gemeinschaften oder der virtuellen Vergemeinschaftung dienenden Programmen orientiert, wobei z.B. Twitter bislang in der Jugendkultur kaum angekommen ist und als innovatives Medium eher von (jungen) Erwachsenen genutzt wird).

Wichtig aber ist auf jeden Fall: Die Erfahrungen und Kompetenzen, die Jugendliche bei Aktivitäten mit digitalen Medien und im Netz entwickeln, gilt es als Ressourcen der medienpädagogischen Arbeit zu sehen und nicht als etwas, dem man nun erst einmal zeigen muss, wie das mit dem Internet wirklich geht und wie gefährlich das alles eigentlich ist.

Wertschätzung, Neugier und das Wissen um auch für medienpädagogisches Arbeiten relevante Ressourcen im Umgang mit Medien: Das sind die zentrale Grundlagen für erfolgreiche medienpädagogische Arbeit – und nicht die Kritik der Medien und insbesondere digitaler Medien.

„Was bedeutet das für dich?“ Diese Frage sollten Lehrende Jugendlichen viel häufiger stellen, auf jeden Fall aber, bevor kritische Aspekte der Mediennutzung in den Vordergrund gestellt werden. „Was bedeutet das für dich? Warum ist dir SchülerVZ so wichtig, warum chattest du, was bedeuten dir SMS…?“ – Sind das Fragen, die heute im Rahmen der Mediendidaktik überhaupt schon gestellt werden?

„Digitale Medien erlauben individuelle Förderung, sie bieten sich durch ihre multimedialen Codes (z.B. auch visuelle Darstellungen) an, zielgruppenspezifisch an den konkreten Zugangsweisen anzusetzen, um junge Menschen zu befähigen, ihre  Kompetenzen zu sehen, weiter zu entwickeln und in die Gesellschaft einzubringen.“ (Bericht der Expertenkommission des BMBF, S. 8.)

Und noch ein Punkt, den ich im Bericht der Expertenkommission des BMBFs für wichtig erachte: Digitale Medien erlauben individuelle Förderung! Das gilt nicht nur für die sehr komfortable Möglichkeit, unterschiedliche Lerntypen (visuell, akustisch…) anzusprechen, sondern auch für Vernetzungen in Lernprozessen selbst, sei es mit der Lehrkraft, sei es mit den anderen Schülern, so wenig diese Formen der Arbeit von mit digitalen Medien arbeitenden Lehrkräften bislang auch als Teil der Arbeitszeit berücksichtigt werden.

Um aber Missverständnissen vorzubeugen: Die Schule ist nur ein Ort, an dem Medienbildung stattfindet. Und auch hier gibt es unterschiedliche Ansätze, wobei die Integration von Medienbildung in die Fachdidaktiken und Fachcurricula weit seltener stattfindet als das Angebot eines eigenständigen medienpädagogischen Angebotes ohne direkte Anknüpfung an die unterschiedlichen Fachdidaktiken. Und gerade in den Fachdidaktiken beobachte ich nach wie vor ein großes Defizit der Reflexion und Integration digitaler Medien als gleichberechtigt neben den in meinen Augen nach wie vor unverzichtbaren analogen Formen des didaktischen Arbeitens.

Zum Schluss aber doch noch ein Wermutstropfen. Im Bericht der Expertenkommission des BMBFs heißt es:

„Für alle Lehramtsstudierenden muss – unabhängig von fachspezifischen Vertiefungen – eine Mediengrundbildung gewährleistet sein (Medienkompetenz als Querschnittskompetenz im Rahmen der Verknüpfung von bildungswissenschaftlichen und fachwissenschaftlichen/-didaktischen Kompetenzbereichen). Der Generationenwechsel in der Lehrerschaft bietet dazu eine besondere Chance.“

Während ich den Forderungen gegenüber dem Studium, das ich nach wie vor als Fachstudium sehe, da nur so die für einen fachlich souveränen Umgang mit den Inhalten der Fächer notwendigen Kompetenz- und Wissensbestände aufgebaut werden können, folgen kann, sehe ich die Äußerungen zum Generationenwechsel in der Lehrerschaft als ein leider in der Praxis für mich wenig nachvollziehbares Klischee.

Im Detail bleibt hier folgendes anzumerken: Die Forderung nach einer Mediengrundbildung im Lehramtsstudiengang setzt Lehrende voraus, die diese Grundbildung auf der Basis eigener Kompetenzen leisten können. Diese Kompetenzen scheinen mir aber bei Lehrenden an der Hochschule nicht in allen Fällen in höherem Maß gegeben als bei Lehrenden an der Schule, auch wenn digitale Technologien an Hochschulen mit weit größerer Selbstverständlichkeit genutzt werden als an Schulen. Ein Beispiel: Während der Schulträger in Frankfurt am Main, also die Stadt Frankfurt, drahtlose Netzwerke aufgrund von Bedenken bezüglich der Strahlenbelastung nicht verfügbar macht, ermöglicht die Frankfurter Universität drahtloses Arbeiten im Netzwerk. In der Schule braucht man also kabelgebundene Computer oder den Internetzugang über das mobile Telefonnetz, um vernetzt arbeiten zu können. Der Einsatz von WLANfähigen Geräten an den Frankfurter Schulen ist also weder Lehrern noch Schülern ohne Zusatzkosten für den Zugang zum mobilen Telefonnetz nicht möglich, was die Möglichkeiten des Einsatzes von heute weit verbreiteten WLANfähigen Geräten an den Schulen unmöglich macht, während kabelgebundene Arbeitsmöglichkeiten nur sehr begrenzt zur Verfügung stehen.

Eine zweite Anmerkung: Meiner Erfahrung nach ist es ein Klischee, dass Generationenwechsel der Lehrerschaft heute schon eine besonder Chance in Sachen verfügbarer Grundbildung im Bereich der Medienkompetenz bedeutet. Junge Lehrende zeigen nur teilweise eine höhere Bereitschaft und Befähigung im Umgang mit digitalen Medien wie ältere Lehrende. Betrachte ich meine persönliche Vernetzung mit Lehrenden, so stelle ich fest, dass es hier Lehrkräfte aller Altersstufen in etwa gleicher Quantität gibt. Gleichzeitig stelle ich fest, dass nach wie vor viele junge Lehrkräfte das Internet zwar privat als E-Mail- und Rechercheoption nutzen, ohne gleichzeitig zu einer medienpädagogisch relevanten Kompetenz im Umgang mit diesen Medien zu gelangen. Von daher ist die Forderung nach einer größeren Berücksichtigung digitaler Medien bereits in der Lehrerausbildung berchtigt, ohne dass damit schon die Frage beantwortet wäre, wie die Medienkompetenz der Lehrenden an den Hochschulen in ihrer Qualität sichergestellt werden kann.

Aus diesen Überlegungen ergeben sich folgende Schlussfolgerungen:

  1. Lehrende müssen eigene Medienkompetenzen verfügbar haben oder entwickeln, um solche im medienpädgogischen Kontext (fachdidaktisch begründet) integrieren zu können.
  2. Lehrende müssen über eigene Erfahrungen im Bereich des selbstgesteuerten Lernens mittels digitaler und vernetzter Ressourcen verfügen können, um solche Lernprozesse initiieren zu können.
  3. Der Zugang zu medienpädagogischen Lernprozessen muss über die Wertschätzung der bereits vorhanden Ressourcen der Jugendlichen eröffnet werden und nicht über kritisch distanzierende Hinweise zu Gefährdungspotentialen.
  4. Die Bedeutsamkeit digitaler Medien für Jugendliche ist ernst zu nehmen und in den Unterricht zu integrieren.
  5. Medienpädagogik ist keine auf den Informatikunterricht oder sonstige zusätzliche Angebote zu begrenzende Aufgabe, sondern eine der zentralen Aufgabe der Pädagogik in einer Wissensgesellschaft, die von einer optimalen Nutzung der gemeinsamen Wissenskonstruktion lebt.
  6. Die Schulträger müssen dafür Sorge tragen, dass die verfügbaren Möglichkeiten digitaler Medien im Kontext selbstgesteuerten und selbstverantworteten Lernens von den Lernenden und den Lehrenden überhaupt genutzt werden könne.

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