100 Jahre Kafkas Tagebücher – Ein Autor in seiner Zeit

Franz Kafka begann wohl im Sommer des Jahres 1909 mit den uns überlieferten Tagebuchaufzeichnungen, die bis in das Jahr 1923 reichen. Von kurzen Notizen bis zu größeren literarischen Entwürfen, von Zeugnissen der Qual des Schreibens bis zu denen seiner gescheiterten Beziehungsversuche, findet sich alles in Kafkas Tagebüchern. Er entschied sich für eine Mischform, trennte nicht zwichen Arbeitsjournal und persönlichen Reflexionen. Alles gehörte zueinander und hatte zugleich nicht immer miteinander zu tun.

In seinen Texten entsteht so der Eindruck des parabelhaften, dessen, was zwar zusammengehört, seinen logischen Sinn und Zusammenhalt dem Leser aber zunächst verweigert. – Diese Zusammenhanglosigkeit der Ereignisse war nicht nur im Empfinden Kafkas stark. So vieles geschieht in den Städten (seiner Zeit) zur gleichen Zeit, geschieht dicht nebeneinander, steht in einem (geographischen) Zusammenhang, der sich zugleich als ein Mangel an Zusammenhang zeigt.

Es scheint als habe Kafka in seinen Texten dieses Phänomen erzählerisch eingefangen. Doch stellt er nicht, wie in vielen expressionistischen Texten, die zur gleichen Zeit die Auseinandersetzung mit diesen Phänomen suchen, die Zusammenhanglosigkeit als solche dar. Vielmehr schreibt er Texte, die ganz klar einer inneren Handlungslogik, folgen, in dieser Logik aber zu keinem logischen Ziel kommen, da Handlungen eben nicht mehr miteinander in klaren Ursache- und Wirkungszusammenhängen verbunden sind. Es treffen unterschiedliche Logiken aufeinander, deren Begegnung aus Mangel an Zusammenhang oft zu keinem (erwartbaren) Ziel führt.

Es ist nicht nur die Abarbeitung des eigenen Verhältnisses zum Vater in Kafkas Texten wirksam. Vielmehr steht Kafkas Auseinandersetzung mit sich selbst, seiner Zeit und auch seinem Vater im Zusammenhang mit der Urbanisierung des frühen 20. Jahrhunderts. Er greift auf, was zu dieser Zeit als Grunderfahrung, z. B. auch von expressionistischen Autoren, sprachlich zum Ausdruck gebracht wird.

Doch während bei diesen auf formaler, inhaltlicher und sprachlicher Ebene nach meinem Eindruck viele Autoren sehr ähnlich klingen, zu einem Sprachrohr der Zeit der industriellen Massenproduktion wurden und selbst nur in Ansätzen eine individuelle literarische Sprache fanden, ging Kafka einen eigenen Weg.

Während viele Autoren dieser Zeit zivilisatorische Prozess der Industrialisierung und Urbanisierung mit mystisch aufgeladenen Bildern einer Apokalypse verbanden, zieht der „Wahnsinn“ bei Kafka leiser und nachhaltiger in Texte ein, die das Individuum nicht vor allem als Teil der Masse darstellen, der gegenüber der Moloch „Stadt“ wie eine „Person“ oder gar ein „Gott der Stadt“ (Heym) auftritt, sondern das Individuum selbst wird in diesen Texten weiter ins Zentrum gestellt.

Dieses Individuum trifft auf die dem Wert des Individuums stark zuwider laufenden Phänomene des Fremden in unmittelbarer Nachbarschaft („Der Nachbar“), der Bürokratie und der Kraft entindividualisierter Regelsysteme („Vor dem Gesetz“, „Der Prozess“, „Das Urteil“), der Willkür („Das Schloss“, „Das Urteil“, „In der Strafkolonie“).

Es scheint mir zunehmend, als habe Kafkas Vater für Kafka als Mensch und Schriftsteller vor allem deshalb eine solche Machtinstanz darstellen können („Brief an den Vater“), da in ihm sich für Kafka die Erfahrungen in seiner Zeit unmittelbar personalisierten. Kafkas Vater als eine Figur, die zugleich eine Metapher für die Zeit ist, in der Kafka lebte und der diese Zeit selbst repräsentiert?

Heinrich Mann greift diesen wohl auch für Kafka wirksamen Zeitgeist,  allerdings  im wilhelmischen Detuschland, in „Der Untertan“ auf; die Expressionisten sehen die zerstörerische Kraft des Zusammentreffens absolutistischer Machtsystem und den kriegerischen Möglichkeiten, die mit der Industrialisierung und der am Fließband produzierten Waffen voraus. Hesse greift in „Demian“ und in „Der Steppenwolf“ die Spannung auf, die Menschen mit starkem Individualisierungswillen in einer von der Anpassung lebenden Massengesellschaft erfahren. Und schon der 1901 veröffentlichte Roman „Die Buddenbrooks“ von Thomas Mann, hat den Zerfall der vertrauten gesellschaftlichen Beziehungssysteme zum Thema.

In dieser Zeit gelang es Kafka eine eigene Sprache zu finden, die seine Wahrnehmung des frühen 20. Jahrhunderts widerspiegelt, mit der er sich ganz und gar seinem Empfinden dieser Zeit hingab, ohne dass den Figuren seiner Texte eine Integration in diese Zeit gelingt.

Kafkas Figuren sind den Gegebenheiten ausgeliefert (z. B. in „Die Verwandlung“) und der Autor sucht für sie keine „befriedigenden“ Lösungen, sondern folgt den Erfahrungen dieser Figuren gnadenlos, ohne Beschönigung, ohne die sich aus diesen Erfahrungen ergebenden Spannungen aufzulösen.

Kafka trauert in seinen Werken weder den Verlusten des Bürgertums in dieser Zeit hinterher, noch bietet er Lösungen an, wie es später z. B. Brecht mit seiner Nähe zu kommunistischen Idealen versucht. Und so ist der Zugang zu Kafkas Texten bis heute so schwierig wie aktuell: Leser dieser Texte werden selbst in die Spannung des Aushaltens unlogischer, kaum integrierbarer Zusammenhänge als Teil des Systems gestellt, in dem sich das Individuum oft kaum noch jenseits funktionaler Zusamenhänge als Individuum zu erfahren vermag – und gleichzeitig als Individuum auf nicht am Individuum sondern an Verwaltungsabläufen orientierten Strukturen trifft, deren Logik vor allem darauf hin ausgerichtet ist, mit „Massen“ umzugehen.

Doch auch in der Massengesellschaft, mit Massenproduktion, Massenkonsum, Massengeschmack, Massenmedien usw. erfährt sich der einzelne Mensch nach wie vor als Individuum, das als solches wahrgenommen und behandelt werden will, sich aber zugleich als Massenphänomenen ausgeliefert erfährt, die in die Spannung von Anpassung und Überleben des Individuellen führen.

Zwischen von Marken beherrschten Imagefragen und einer von solchen Imagefragen unabhängig als Eigenwert erfahrbarer Individualität scheint es kaum möglich, den Spagat der Integration all dieser Phänomen in die eigene Persönlichkeit zu leisten. Das Individuum, so scheint es, kann sich nur noch anpassen oder zum Außenseiter werden, der vielleicht die eigene Individualität zu leben vermag, gleichzeitig aber den Gesetzen ausgeliefert ist, die diesem Streben nach Individualität zuwider laufen und dennoch immer wieder genau diese versprechen; in der Werbung kann dies Tag für Tag beobachtet werden.

Das Individuum wird, wie Gregor Samsa, zum „Insekt“, zu einem von den Phänomenen der Masse entpersonalisiertem Wesen und scheitert gleichzeitig an der Forderung, gefälligst individuelle zu sein.

Hesse stellt in „Demian“ und in der „Der Steppenwolf“ Figuren dar, die als starke Individuen die Existenz des Außenseiters leben; Heinrich Mann stellt den angepassten Mitläufer in „Der Untertan“ dar. Kafkas Figuren stehen zwischen diesen Lösungsangeboten der beginnenden Massengesellschaft und stellen Spannungen derer dar, die weder zu bloßen Mitläufern werden noch die Existenz von Außenseitern „wählen“ wollen und gerade so in die Situation geraten, die Eigenlogik der letztlich auf Anpassung hin ausgerichteten Gesellschaft mit aller Macht zu erfahren und so in die Rolle von Außenseitern gedrängt zu werden, die aber doch eigentlich „dazu gehören“ wollen.

In den vor 100 Jahren begonnenen Tagebüchern Kafkas drückt sich dieser Kampf über 14 Jahre hinweg in größter Intensität aus. Seine Werke spiegeln die Spannungen wider, die Kafka selbst (er-)lebte und literarisch zum Ausdruck zu bringen vermochte. Es gelingt ihm, der sich ganz der Literatur verschrieben hatte und an anderen Arbeitsnotwendigkeiten litt, den Spannungen seiner Zeit eine eigene, unabhängige Sprache zu geben.

In den seit Kafkas Schaffen vergangenen Jahrzehnten ist die Massengesellschaft nicht verschwunden. Die Herausforderungen an das Individuum sind in den vergangenen 100 Jahren nicht geringer geworden, das sich nach wie vor als Individuum in den Massen zu verlieren droht.

Kafka gibt dieser Spannung bis heute Sprache; er führt Leser bis heute in die fast unerträgliche Spannung des Individuums in der Masse hinein. Deshalb ist Kafka anstrengend. Deshalb ist er aber nach wie vor aktuell. Und wenn es die über die Zeit eines Autors hinaus wirkende Aktualität eines Autors ist, die ihn, so er in Sprache und Ausdruckskraft den Weg zur künstlerischen Meisterschaft zu bewältigen vermochte, zum Klassiker macht, bin ich gerne bereit, Franz Kafka als einen der bedeutendsten deutschsprachigen Autoren des 20. Jahrhunderts zu bezeichnen. Kafka ist ein Klassiker deutschsprachiger Literatur und weit über den deutschen Sprachraum hinaus.

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