Kein Programm = Tolles Programm

EduCamp Bremen :: 19./20. März 2011

 

Was machte eine gute Tagung aus? Ist es ein gutes Programm mit tollen Keynotes? Oder sind es die Leute, die an einer Tagung teilnehmen? 
Klassische Tagungen habe ich viele erlebt. Auch Fortbildungen sind in der Regel im Vorfeld thematisch strukturiert. Da gibt es solche, die wirklich effektiv sind. Da gibt es welche, die weniger Resonanz auslösen (können).

Jetzt aber traute ich mich auf eine Tagung, die hatte überhaupt kein Programm, sondern nur eine Matrix, die Zeitstrukturen und Räume abbildet, die aber zum Beginn der Tagung leer war.

Die Konzepte solcher Tagungsformate sind beschrieben. Hier die Schlagworte mit Verlinkungen zum Nachlesen:

Was aber habe ich selbst erlebt?
  1. Für den ersten vollen Tag des Educamps gab es 144 Anmeldungen / Teilnehmer; am zweiten Tag waren ca. 100 Leute da. Die Teilnehmenden kamen aus ganz Deutschland und zum Teil auch aus Nachbarländern.
  2. Bei der Vorstellung der Session-Angebote bildeten sich Schlangen vor dem Podium: Insgesamt gab es an zwei Tagen ca. 50 Sessions!
  3. Ich fand in jeder Session-Stunde Angebote, die mich interessierten. Allerdings hatte ich auch damit zu tun, dass manchmal mehrere spannende Sessions parallel liefen. – Ich hätte problemlos zwischen den Sessions wandern können, das sieht dieses Tagungskonzept vor. Aber wenn ich in einer Session war, war ich meist so schnell mit den Kollegen und Kolleginnen in der Arbeit drinnen, dass die Zeit vorbei war, als ich mich wieder daran erinnerte, dass es ja auch noch andere Sessions gibt.
  4. Ich habe selbst eine Session zu Aufgabenformaten in Zeiten von Internet, Wikipedia und Kompetenzorientierung angeboten. Sie war gut besucht, hat (via Twitter) gute Kommentare bekommen – und war dann auch noch für mich selbst fruchtbar. Sie ist dokumentiert. Die Dokumentation geschah durch Florian und Jöran parallel zur Veranstaltung.
  5. Es gab keinen Stress, keine Probleme mit der Zeitdisziplin.
  6. Die Vielfalt der angebotenen Sessions, die sich weitgehend dem Leitthema „Neue Lernräume gestalten“ integrieren konnten, war so groß, dass für alle Teilnehmenden spannende Angebote dabei waren.
  7. Die Mischung der Teilnehmenden sorgte dafür, dass zumindest ich einigen Dingen begegnete, von denen ich vorher nichts wusste (FabLab; Knowledge-Speed-Dating, Google-Quiz etc.)
  8. Diese neuen Begriffe prägten sich ein, obwohl ich keine der zu ihnen gehörenden Sessions besuchte. Das finde ich als besonders starken Indikator für eine gute Lernatmosphäre.
  9. Dank starker Netzaktivitäten (Twitter) bekam man auch mit, was in anderen Sessions Thema war und konnte in Pausengesprächen mehr erfahren, wenn man es wollte.
Für mich eine faszinierende Erfahrung, bei einer Tagung ohne Programm ein tolles Programm zu erleben, in dem die massenhaft vorhandenen Kompetenzen der Teilnehmenden entscheidend waren.

Mich faszinierte an der Vielfalt der Angebote auch, dass es eben keine Veranstaltung mit Teilnehmenden in Konsumentenhaltung war.

Ich habe hochmotivierte Lernende erlebt, die selbst bestimmen durften: Wenn eine Session sich für einen als nicht richtig herausstellte, ging man zu einer anderen. Das gehört zum Konzept, da schaute keiner schräg.

Neben den Inhalten ist für mich die Form, in der diese Inhalte generiert wurden, spannend. Mit den Inhalten habe ich gleichzeitig eine Form des Lernens erlebt, die ich als sehr fruchtbar empfinde.

Was ich davon wie in den eigenen Unterricht übertragen kann, werden die nächsten Wochen und Monate zeigen.

Was machte eine gute Tagung aus? Ist es ein gutes Programm mit tollen Keynotes? Oder sind es die Leute, die an einer Tagung teilnehmen? – Es sind die Teilnehmer, so sie ernst genommen werden und ihre Fähigkeiten einbringen können und nicht in die Konsumentenhaltung der Keynote-Zuhörer gezwungen werden. Keine Frage: Klassische Konferenzen mit guten Vortragenden können klasse, anregend, spannend sein; Un-Konferenzen können das aber auch – und das: „Gefällt mir“.

 

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