Vorspiel zum #Educamp – Das Motto: „Neue Lernkulturen entwickeln und vernetzen“ – #ecbi11

EduCamp Bielefeld :: 18.-20. November 2011

Da zur Zeit im Zusammenhang mit „Lernen“, „Bildung“, „Schule“ – und wahrscheinlich auch noch in anderen Zusammenhängen – ständig davon gesprochen wird, man müsse diese Bereiche „neu denken“, bin ich gegenüber dem Wort „neu“ in all seinen Anwendungsfacetten skeptisch geworden.

Nein, es geht nicht um „neu gedachtes“ Lernen, „neu gedachte“ Schulen, Bildung, „neu gedachten” Unterricht. Und deshalb freue ich mich über zwei Verben im Titel des Educamps in Bielefeld, die über das „Neu“ hinausgehen (auch wenn es reingerutscht ist, aber eben nicht als ein Denken, sondern, sondern als Begrifflichkeit, die auf konkrete Praxis verweist). Die Verben lauten „entwickeln“ und „vernetzen“. Sympathische Wörter sind das, finde ich.

„Entwickeln“ ist ein reflexives Verb, das heißt, es wird (oft) mit dem Reflexivpronomen „sich“ verbunden verwendet. Ein Reflexivpronomen „ist ein Pronomen, das sich auf das inhaltliche oder grammatische Subjekt eines Satzes oder Textes bezieht“.

Das eine solche sprachanalytische Zugangsweise zum Titel des Educamps in Bielefeld nicht völlig weit hergeholt ist, verdeutlicht vielleicht der Blick auf drei Quellen, die das Verb „entwickeln“ in den Blick nehmen:

  1. Das Grimmsche Wörterbuch
  2. Das Projekt Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS)
  3. Das Wortschatzlexikon der Uni Leipzig

Wenn sich „neue Lernkulturen“ entwickeln sollen, dann ist das etwas anderes als „Lernen neu denken“. Eine kleine Auswahl synonymer Formulierungen,

die natürlich alle eine etwas andere Bedeutung haben:

  • (sich) ergeben (aus) – Neue Lernkulten ergeben sich aus den Erkenntnissen der Gegenwart über vorhandene Lernkulturen, die in den Kontext aktueller Lerntheorien aus Psychologie, Pädagogik und Didaktik gestellt werden.
  • sich herleiten (aus) – Neue Lernkulturen leiten sich aus Erfahrungen und Visionen mit dem Lernen her.
  • (sich) profilieren (aus) – Neue Lernkulturen profilieren sich aus dem Zusammenspiel von praktischer Unterrichtserfahrung und deren Reflexion im Zusammenhang mit den je aktuellen Forschungsergebnissen aus Psychologie, Pädagogik, Unterrichtsforschung etc.

Weitere Anregung kann sich jeder selbst in jedem Synonyme-Wörterbuch holen, zum Beispiel im OpenThesaurus.

Alles, was mit dem Verb „entwickeln“ verbunden ist, verweist auf Vorhandenes und noch nicht Vorhandenes, in diesem Fall auf vorhandene Lernkulturen (an denen nicht alles schlecht und nicht alles gut ist) und auf deren Entwicklung, wobei diese Entwicklung weder willkürlich noch zufällig ist, sondern reflexiv, auf etwas bezogen – und somit in Reflexionprozesse eingebunden.

Lehrer und jeder mit Bildung befasste Professionelle müssen reflektierende Praktiker und praktische Theoretiker in einer Person und in vernetzten Strukturen sein.

Deshalb passt es, wenn im Zusammenhang mit dem Educamp davon gesprochen wird, „Neue Lernkulturen“ zu „entwickeln“: Vor Ort sind Menschen aus der Praxis und der Forschung, von Lobbygruppen, aus Ausbildungszusammenhängen etc. Es ist eine Verdichtung von Kompetenz in Sachen Lernkultur, die dort in Bielefeld zusammentrifft, sei es aus bereits gepflegten vernetzten Strukturen (z. B. via Internet) heraus in die reale (wiederholte) Begegnung von Angesicht zu Angesicht, sei es in die (auf gepflegte zukünftige Kooperation) vernetzender Begegnung von Angesicht zu Angesicht hinein.

Neben dem Austausch anregender Gedanken stellt sich für mich immer die Frage, ob diese Anregungen in einen konstruktiven Prozess übergehen können. Keine Frage: Die Anregung an sich ist ein Wert an sich und trägt Früchte, die vor Ort nicht zu erahnen sind. Um sich aber entwickeln zu können, wünsche ich mir für mich auch konkrete Projekte, zum Beispiel im Bereich der Offenen / Freien Bildungsmedien (Lernmaterialien), die ich zur Zeit mit Kollegen und Kolleginnen bereits online diskutiere. Für diese Diskussion sehe ich reichlich Möglichkeiten, dass sich etwas entwickeln kann.

Und angesichts der großen Zahl an Teilnehmenden am Educamp wird es noch viele andere Möglichkeiten geben, dass sich aus den Ideen der einzelnen Teilnehmenden in Sachen Lernkultur wirklich auch konkrete Projekte entwickeln können.

Dabei lebt das Educamp von Vernetzungsstrategien der Teilnehmenden. Neben der Mixxt-Plattform, die meist vor allem im Umfeld der Educamps genutzt wird, sind viele Teilnehmer und Teilnehmerinnen auf Twitter im kontinuierlichen Austausch, über Blogs miteinander im Gespräch, auf Facebook, Google+ oder eben auch einfach per Telefon, E-Mail und eben auch im direkten, persönlichen Kontakt miteinander vernetzt. (Ob es Educamp-Teilnehmende gibt, die noch echte Brief-Korrespondenz betreiben?)

Dieser Austausch erfolgt vernetzt, das heißt, dass nicht jeder mit jedem im Kontakt steht, das für unterschiedliche Interessen unterschiedliche Personen angesprochen werden, ganz so, wie es die Netzmetapher darstellt.

Doch ist diese Netzwerkmetapher nicht unumstritten und kann ihre ganze Bandbreite an Chancen und Risiken erst zeigen, wenn die unterschiedlichen Positionen zu ihr berücksichtigt werden1:

„Vernetzen“ kann meinen, dass man sich vernetzt, um in diesem Netz etwas so Flüchtiges wie Ideen einzufangen, aber auch, dass man sich im Netz verheddert, wenn dieses beginnt, für sich alleine zu stehen.

Als Netzmetapher nutzen wir die Vorstellung vom Vernetzen, um „die Lebensrealität, wie wir sie wahrnehmen, darzustellen oder um ein Wunschbild dieser Lebensrealität zu vermitteln“ (Franz Oswald: Die Zukunft der Stadt: Anmerkungen zur Netzmetapher der Stadt [PDF])

Das Motto des Educamps gibt mir einen Rahmen, in dem ich mich als Teilnehmer orientieren will, einen Rahmen, der gut zu meinen eigenen Anliegen passt:

  • Es geht um Entwicklung, die durchaus auch Neues im Rahmen von Lernkulturen hervorbringen kann, ohne dass der Anspruch erhoben werden müsste, das Rad neu zu erfinden.
  • Es geht um Entwicklung, in deren Rahmen für so manches Rad, das in Gedanken schon gebaut wurde, nun Achse und Antrieb und eine ihm angemessene Art von „Gefährt“ gesucht werden, an dem es rollen kann.
  • Es geht um Vernetzung dieser Entwicklungsprozesse.
  • Es geht um Vernetzung der Realisierung von entwickelten Modellen, Konzepten, Produkten.
  • Es geht um Vernetzung des Reflexionsprozesses, ohne dabei die Vernetzung als Zweck in sich selbst zu sehen, denn ein Netz hat immer die Funktion etwas einzufangen.

Die Voraussetzungen für diese Ziele des Educamps sind gut. Bis zu 200 Profis aus dem Bildungsbereich in allen seinen Facetten werden in Bielefeld erwartet. Die „Unkonferenz“ findet in einem Raum ohne abgeschlossene Räume statt, ein Konzept, das nicht neu ist, sondern im Oberstufenkolleg Bielefeld schon lange Wirklichkeit. Auch wenn das Programm erst vor Ort entsteht, gibt es schon anregende Vorschläge.

Die Vernetzungsrate der Teilnehmenden ist hoch, mindestens aber über die Mixxt-Seite des Educamps angelegt, weil es keinen anderen Weg der Anmeldung gibt, sodass die Voraussetzungen für vernetzendes Entwickeln gut sind.

Darüber hinaus ist die Veranstaltung selbst in der Regel darauf hin ausgelegt, dass auch Interessierte, die nicht vor Ort sind, viel von den Ereignissen vor Ort mitbekommen. Deshalb lohnt es sich, den Hashtag #ecbi11 auf Twitter bereits als Suchbegriff zu speichern.

5 verwandte Beiträge:

  1. Im Zusammenhang mit eigenen Überlegungen zu Vernetzungsstrategien im Kontext von „OpenEducationalRessources“ denke ich zur Zeit über Möglichkeiten und Grenzen von Vernetzungsstrategien nach, sodass ich im Laufe der Zeit über diese Beiträge „gestolpert“ bin []