Wenn Fehler aufhören Fehler zu sein oder: Gedanken zur Sprachentwicklung

Es dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein, bis der Duden, statt Gänsefüßchen („…“) oder den eher im Schriftsatz üblichen Anführungszeichen (»…«) auch jene mir schon heute an allen Ecken und Enden begegnenden Zollzeichen („…“ – leider wird das Resultat hier nicht richtig dargestellt, Zollzeichen sind jene senkrechten, völlig geraden Doppelstriche, die man oft an Stelle von Anführungszeichen sieht, die hier aber leider wie klassische englische Anführungszeichen erscheinen) zulassen wird, da der Duden sich in der Regel durch die Anpassung an den allgemeinen Sprachgebrauch „weiter entwickelt“.

Ein Beispiel, in dem eine Schreibweise, die bis dato als „falsch“ nun aber als möglich gilt, findet sich in der Kapitulation des Dudens vor dem Apostroph beim Genitiv von Namen, obwohl eigentlich auch schon vorher alles klar war: Wenn ein Name auf -s endet, dann steht das Apostroph zur Kennzeichnung des Genetivs (Markus [Grundform des Namens] – Markus’ [Genitiv]. Eine Verwechslung von Grundform und Genitiv ist nicht möglich, wenn dieser Regel gefolgt wird.

In der der aktuellsten Ausgabe jenes proprietären Standardwerkes der deutschen Rechtschreibregelung findet sich jetzt aber als neue Schreibmöglichkeit gekennzeichnet ein Hinweis, dass das Apostroph bei Namen zur Kennzeichnung derer Grundform nun auch vor das Genitiv-s gestellt werden kann, sodass nun zwei Möglichkeiten vom Duden anerkannt werden, wenn da auch noch ein wenig schüchtern angemerkt wird, dass diese Verwendung des Apostrophs „gelegentlich“ gebraucht würde.1

Von wegen „gelegentlich“! Der Sprachgebrauch ist da schon viel weiter vom Duden weg, als der Duden sich das vorstellen kann. Ich weiß, wovon ich spreche, ich korrigiere regelmäßig Deutscharbeiten und finde genau dort ständig – und eben nicht nur bei Namen zur Verdeutlichung derer Grundform, sondern mehr und mehr die Genitivformen aller Substanstive betreffend, genau diese Schreibweise, obwohl ich mich dagegen wehre, wie Don Quichotte einst gegen die Soldateska aus Windmühlenflügeln. – Nicht gelegentlich, ständig stoße ich auf Genitivformen, die wie folgt aussehen: „des Schimmel’s Fell war vom Regen grau geworden.“ oder „des Buch’s Seiten sind weiß.“. (Ha, meine Rechtschreibprüfung wehrt sich – in diesem Fall aber ohne Konsequenzen – gegen diese Schreibweisen, ich bin also nicht allein 😉 )

Im zweiten Fall mag das Apostroph ja noch als Auslassungszeichen durchgehen und an Stelle von „des Buches” stehen. Der erste Fall ist aber selbst nach gegenwärtiger Dudenregel falsch und nichts anderes als eine Übernahme der englischen Genitiv-Form ins Deutsche. Und das Verrückte ist: Je häufiger dies auftritt – egal wie oft ich es als Fehler anstreiche – um so eher wird es dann irgendwann auch im Duden auftauchen und dann plötzlich kein Fehler mehr sein.

Zurück zu den Zollzeichen („…“), die ich persönlich – und mag es auch nur die Gewohnheit des Blickes auf das Schriftbild sein – ästhetisch nicht mag und die ihren Ursprung in zwei Quellen haben:

  1. Im Englischen werden Gänsefüßchen oben gesetzt – wohlbemerkt: Gänsefüßchen, nicht Zollzeichen! (”…“ und nicht „…“) – Hier liegt der erste Ursprung dieser zunehmend im deutschen Sprachgebrauch genutzten Zeichenanordnung.

  2. Die Verbreitung der Zollzeichen hat nun aber ganz andere Wurzeln, die nichts mit Sprachgebrauch zu tun haben, sondern der Nutzung des Computers zum Schreiben entspringen (also doch einer gewissen Form des Sprachgebrauchs im Kontext eines Schreibgerätes) – und hier inbesondere des Schreibens im reinen Textformat, wie es lange Zeit z.B. für E-Mails üblich war. Während Textverarbeitungsprogramm fehlerhaft gesetzte Anführungszeichen meist automatisch korrigieren, muss man für das Setzen korrekter Anführungszeichen im reinen Textformat entsprechende Tastaturkombinationen kennen, um aus den Zollzeichen Anführungszeichen zu machen oder diese Anführungszeichen gar unten und oben zu setzen, wie bislang im Deutschen üblich.

Hier schleicht sich auf zwei Wegen ein veränderter Gebrauch von Anführungszeichen ein: Einmal über deren englische Form und einmal auf dem Wege des Umgangs mit dem Computer bzw. des Nichtwissens um die notwendigen Tastaturkombinationen (auf dem Mac: „=alt_shift_w und “=alt_shift_^ oder, um die zweite zulässige Variante auch gleich mit Tastaturkombinationen [auf dem Mac] zu verbinden «=alt_q und »=alt_shift_q).

Alles andere ist im Deutschen ein Zeichensetzungsfehler – bislang, da es eigentlich nur eine Frage der Zeit ist, bis 1. Lehrer verzweifelt kapitulieren und 2. der Duden (oder die nächste Rechtschreibreformanpassungskomission) dann erst einmal einen Hinweis bringen wird, dass sich „gelegentlich“ ein solcher Gebrauch finde und das, was gestern noch ein Fehler war nun plötzlich akzeptiert wird, da es sich nun einmal, auf welchen Wegen auch immer, durchgesetzt zu haben scheint.

Persönlich mag ich diese neue Zeichenformen nicht (egal ob als legitime Schreibweisen anerkannt oder auch nicht), besteht aber ein Grund zum Jammern?

Schon alleine aus der Erfahrung heraus, dass der Kampf der Sprachpuristen und Sprachbesserwisser in Bezug auf das Deutsche schon seit mindestens zweihundert Jahren eine nahezu unübersehbare Kette von Niederlagen war ist, stellt sich dann doch die Frage, wie lange Widerstand gegen den Belagerungszustand durch neue, wo auch immer ihre Quellen habenden orthographische Entwicklungen durchzuhalten ist.

Sprache entwickelt sich nicht an Schreibtischen oder in Regelwerken, sondern tatsächlich in jenem so oft zitierten „Volkes Maul“ – in diesem Fall könnte man „Volkes Klaue“ ergänzen. Und für alle, die mehr oder weniger professionell mit Sprache, Schrift und auch Typographie zu tun haben, sind solche Veränderungen entweder eine „Verarmung der deutschen Sprache“ oder ganz einfach „ästhtische Schandtaten“ gegenüber den für gute Lesbarkeit entwickelten Regeln. – Alles also nur Gewohnheitssache? [Das ist ein unvollständiger Satz. Als Deutschlehrer würde ich einen solchen Satz anstreichen, aber ganz ehrlich, auch hier scheint es nur eine Frage der Zeit zu sein, bis diese massive Tendenz zum Einsatz unvollständiger Sätze jenseits des literarischen Stilmittels akzeptiert werden wird muss.]

Sicher, als DeutschLehrer vermittle ich den richtigen Sprachgebrauch in Wort und Schrift, so es mir immer gelingt, den aktuellen Stand zu verinnerlichen, was in den vergangenen Jahren zugegebener Maßen nicht ganz einfach war. Als Typographie-Liebhaber tun mir bestimmte typographische Entwicklungen im Auge weg. (Ich kann Times als Schriftart einfach nicht mehr sehen!) – Und doch habe ich als Germanist natürlich auch Sprachgeschichte studiert und dabei gelernt, wie sich die deutsche Gegenwartssprache im Gebrauch (sic!) entwickelt hat, gegen alle Widerstände derer, die eigentlich wissen müssten, dass eine Sprache nie (sic!) am Ende ihrer Entwicklung angekommen ist, es sei denn, sie geht in den Status der „toten Sprache“ über.

Was also ist zu tun, außer staunend anzuerkennen (oder frustriert?), dass ich heute Fehler anstreiche(n muss), die absehbar morgen keine mehr sind? Oder anders ausgedrückt: Heute bekommen Schülerinnen und Schüler Punktabzüge oder in Dikaten sehr schnell schlechte Noten, weil sie Teile von Sprachentwicklungen bereits repräsentieren, die nur noch nicht Regelwerken angekommen sind. Keine Frage: Es gibt Fehler, die werden voraussichtlich immer Fehler bleiben (oder kann sich jemand vorstellen, dass irgendwann Schreibweisen wie „imer” für „immer“ oder „das“ als äquivalent zu „dass“ akzeptiert werden?), was aber mache ich, wenn ich Entwicklungen beobachte, die so weit verbreitet sind, dass ich bereits deren zukünftige Akzeptanz als „richtige“ Schreibweisen erahne?

Um nicht missverstanden zu werden: ich rede hier nicht für eine Anarchie in Sachen Rechtschreibung und Zeichensetzung, sondern von Entwicklungen in Bereichen, die manch ein Schüler oder eine Schülerin auch bei gutem Zureden nicht mehr als Fehler akzeptieren mag, weil selbst große Tages- und Wochenzeitungen in ihrem Online-Angebot mittlerweile diese Schreibweisen bzw. Zeichensetzungen verwenden, wie z.B. Spiegel-Online (ja, die mit dem Sprachbesserwisser von „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“), die Frankfurter Rundschau, Süddeutsche Zeitung online, die Tageszeitung (TAZ)… – Die Frankfurter Allgemeine und die Neue Zürcher Zeitung sind zwei der wenigen Zeitungen, die in Sachen Anführungszeichen auch im Online-Angebot mit korrekter Zeichensetzung glänzen. – Und dann sage ich als Lehrer völlig verdutzten Schülerinnen und Schülern, dass das falsch sei. Soll ich sie vielleicht auf das Online-Angebot jener von mir eigentlich immer nur für schlechten Journalismus herangezogene Bild-Zeitung verweisen, weil dort die Anführungszeichen nämlich richtig (entsprechend der heute geltenden Regeln) gesetzt werden?

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  1. Duden. Die deutsche Rechtschreibung, 24. Auflage, Mannheim 2006, S. 36 – K16 []