LdL als konstruktivistisch orientiertes Lernen

Der folgende Artikel liegt schon seit einigen Monaten im Ordner für Entwürfe. Jetzt bin ich wieder über ihn gestolpert und habe entschieden, ihn endlich zu veröffentlichen und zur Diskussion zu stellen. Ich würde mich sehr freuen, wenn ein konstruktiver Austausch in den Kommentaren oder in anderen Blogs via PingBack stattfinden würde.

Als ich noch Referendar war (in Hessen heißt das heute LiV, was für »Lehrer im Vorbereitungsdienst« oder »Lehrerin im Vorbereitungsdienst« steht), stieß ich von Anfang an auf das konstruktivistisch orientierte Modell des Lernens.

Dieses Modell geht davon aus, dass Wissen nicht etwas ist, das ein Lehrer oder eine Lehrerin instruieren kann. Wissen wird in diesem Modell des Lernens vielmehr als etwas gesehen, das in kognitiven Prozessen aktiv von Lernenden konstruiert wird. Hierzu schrieb die Stuttgarter Zeitung am 8.2.2009:

»In den Schulen ist der instruktive Ansatz als nicht zeitgemäßer Frontalunterricht in die Kritik geraten. Nur das autonome und entdeckende Lernen, bei dem Kinder selbst experimentieren und recherchieren, führe zu nachhaltigen Ergebnissen, heißt das Gegenargument. Lehrer werden Lernbegleiter.«

Im Zentrum der Aufgabe von Lehrenden steht in diesem Zusammenhang aktueller pädagogischer Debatten also,  Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit zu geben, nicht nur etwas Vorgegebenes zu lernen (zu pauken), sondern nachhaltige neuronale Strukturen im Gehirn zu entwickeln, die nicht nur Wissen repräsentieren, sondern darüber hinaus den Prozess des Lernens in sich selbst tragen, sodass Wissen nicht nur lexikalischen Wert hat, sondern anwendbar wird. Dabei sollte jedoch der Wert guter Instruktion im Prozess der Lernbegleitung nicht unterschätzt werden.

Ziel ist dabei, neben der für Schule nach wie vor zentralen Aufgabe des Aufbaus von Wissen, Schülerinnen und Schüler Problemlösungskompetenzen praktisch erlernen zu lassen, die sie langfristig in die Lage versetzen, nicht nur vorgegebenes Wissen zu reproduzieren, sondern auch neues Wissen zu konstruieren. Anders ausgedrückt: Konstruktivistisch orientierte Lernmodelle sollen dazu beitragen, in einer sich schnell verändernden Welt überhaupt in der Lage zu sein, der allenthalben konstatierten Notwendigkeit zu lebenslangem Lernen angemessen gerecht werden zu können, indem der Prozess des Lernens selbst zu einer zentralen Kernkompetenz wird, die in Lernprozessen erlernt und angewendet wird.

Dem entsprechend lautete eine der zentralen Aussagen, mit der ich einst als Referendar konfrontiert wurde, dass ein Kriterium für guten Unterricht darin liege, Schülern und Schülerinnen eigene kognitive Prozesse zu ermöglichen, die über das Lernen von Fakten hinausgehen. – Und in den zahlreichen Unterrichtsbesuchen sollten dann solche kognitive Prozesse erkennbar und (auch für die Schülerinnen und Schüler) reflektierbar werden.

Auch wenn mir dies damals einigermaßen gelungen zu sein scheint, hatte ich bis zum Ende der Ausbildung nur eine Ahnung davon, was mit der Forderung des Aktivierens kognitiver Prozesse bei Schülerinnen und Schülern eigentlich gemeint war. Meist lief das für mich auf die Anwendung unterschiedlicher konstruktivistisch orientierter Einzelmethoden hinaus, ohne dass ich den Eindruck hatte, wirklich begriffen zu haben, was z. B. Kersten Reich mit »Unschärfen der Erkenntnis« meint.

An dieser Stelle brachte mich erst die Beschäftigung mit dem von Jean-Pol Martin praktisch angewendetem und theoretisch reflektiertem Konzept des »Lernens durch Lehren« (LdL) weiter, wobei interessanterweise der Prozess der Beschäftigung mit diesem Konzept dieses Konzept selbst abbildet: Will ich mich mit diesem Konzept wirklich beschäftigen, so, das wurde mir sehr schnell klar, muss ich mich selbst in den Reflexionsprozess einbringen, an dem unterschiedlichste Leute beteiligt sind, die die Möglichkeiten des Web 2.0 nutzen, um miteinander vernetzt kollaborativ das Konzeptreflektieren und weiter entwickeln. Die Beschäftigung mit dieser Meta-Methodik des Unterrichtens führte dazu, dass sich für mich eine Art von Lernumgebung herausbildete, die weit über Konzepte des »blended learnings« hinaus reicht. Plötzlich wurde die Kommentarfunktion meines Blogs genutzt, entstanden Kontakte über fachspezifisiche Communities und via Twitter. Ohne es intendiert zu haben, war ich plötzlich mitten in einem pädagogischen (Fort)Bildungsprozess, der in sich selbst das abbildet und praktiziert, was LdL auch für den Unterricht leisten kann.

Die Verbindung mit den Konzepten des konstruktivistisch orientierten Lernens und Lehrens liegt für mich darin, dass LdL den Gedanken der kollaborativen Wissenskonstruktion so grundlegend ernst nimmt, wie es mir in bislang keiner anderen Konzeption begegnet ist. Und dabei ist LdL als Grundprinzip pädagogischen Arbeitens nun wirklich nicht neu, ist doch ein starker Bezug zur Reformpädogik von Jean-Pol Martin selbst dargestellt worden. Neu erscheint mir an dieser Konzeption jedoch, dass hier, neben dem starken Bezug zur Bedürfnispyramide nach Maslow, die Möglichkeiten der digitalen Vernetzung via World-Wide-Web in die Konzeption aktiv und reflexiv mit eingebunden werden. Die Möglichkeiten der Vernetzung im Web 2.0 als Vernetzung zur Wissenskonstruktion sind zwar keine Voraussetzung für LdL, werden aber konsequent mitgedacht, sodass LdL möglicherweise das erste pädagogische Modell ist, dass die Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts konsequent mit berücksichtigt!

Die Konstruktion von Wissen bleibt aber nicht bei den Möglichkeiten digitaler Vernetzungsstrategien stehen. Wissen ist keine Technik, sondern immer an Inhalten und Kompetenzen orientiert. Es geht nicht ohne intensive eigene Bemühungen, um Wissen zu gewinnen. Der Unterschied ist, dass der Prozess der Gewinnung von Wissen ein völlig anderer wird, wenn digitale Technologien nicht primär als Konsummedien angesehen werden, sondern als Instrumente der Wissensgewinnung: Wie jedes Instrument muss das Spiel erst gelernt werden, bedarf es der Übung. Lernende sind nicht von alleine in der Lage, gemeinsam Probleme zu bearbeiten und neben Problemlösungsstrategien auf diesem Wege auch Wissen zu emergieren.

In diesem Sinne bedeutet konstruktivistisches Lernen dann eben nicht, dass Lernende mal eben im Internet recherchieren und ihre Ergebnisse zusammentragen. Ein solches Lernen hat gegenüber der Arbeit mit Handbüchern, Lexika und Fachpublikationen keinen anderen Mehrwert als die schnelle Verfügbarkeit und würde klassische Arbeitstechniken auf ein neues Medium übertragen, ohne das Medium selbst zu berücksichtigen. Lernen online muss produktionsorientiert sein, will es die Möglichkeiten des Internets wirklich produktiv nutzen.

An dieser Stelle bietet LdL und das mit ihm verbundene Menschenbild einen Rahmen, der dieses Ideal praktisch umsetzbar macht.

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