Von der Handschrift und getippten Texten

Ich schreibe gerne per Hand.

Ich tippe gerne Texte.

Bei der Handschrift schätze ich den gleichmäßigen Rhythmus, mit dem Gedanken auf das Papier fließen. Die Handschrift ist dabei eine konkrete körperliche Spur, die hinterlassen wird. In ihrer Individualität trifft sie auf Menschen, die sie lesen können und andere, die sie nicht lesen können. Der Text ist eindeutig zuzuordnen. Es gibt kein einfaches Kopieren und Einfügen.

Beim Tippen schätze ich die direkte Lesbarkeit, die Möglichkeit, einen Text nachzubearbeiten und die Schnelligkeit, mit der auf diesem Wege ein Text entstehen kann. Der Preis ist, dass ein Text seiner Körperlichkeit beraubt ist, solange er nicht ausgedruckt wurde. Und selbst wenn er ausgedruckt vorliegt, geht ihm die persönliche Note ab, die mit der Handschrift verbunden ist.

Der Verbreitung von Texten und der Effizienz beim Lesen nutzt dieser Verlust an „Persönlichkeit“ eines Textes wohl. In digitalen Zeiten kommt noch dazu, dass sich getippte Texte leicht durchsuchen lassen. Die Normierung der Schrift dient also der Vereinfachung des Umgangs mit Texten.

Als Lehrer weiß ich, wie sehr die persönliche Form des schriftlichen Ausdrucks deren Verständnis erschweren kann. Manchmal bräuchte es, würden diese Dokumente im Internet auftauchen, keiner Verschlüsselungstechnologie, um diese Texte vor dem verstehenden Lesen durch Dritte zu schützen.

Dieses Lesbarkeitsproblem als Argument gegen die Handschrift gefällt mir nicht, überlagert es doch womöglich den Wert der Handschrift für das Schreibenlernen und die Feinmotorik. Meine Überlegungen gehen deshalb bewusst nicht vom Schreibenlernen aus, sondern sind ausdrücklich vor dem Hintergrund einer verfügbaren Handschrift zu lesen.

Wenn es um Kommunikation geht, um Austausch, um die Lesbarkeit von Texten, geht heute nichts über typographische Standardisierungen, die selbst noch dann funktionieren, wenn jemand von Typographie keine Ahnung hat. Ohne diese Normierungen wäre so ein Blog nicht möglich. Man stelle sich vor, ich würde hier handschriftliche Texte veröffentlichen, die eingescannt wurden, weil ein nochmaliges Abtippen zeitlich als zu aufwendig empfunden worden wäre … Das Blog würde möglicherweise als exzentrisches Experiment wahrgenommen, aber würde es noch gelesen!?

Wenn es um ein Schreiben geht, das körperlicher empfunden wird, das als persönlich wahrgenommen wird oder wahrgenommen werden soll, ist die Handschrift sicher die Technik der Wahl.

Schriftsteller nutzen sehr schön die ganze Bandbreite der Schreibwerkzeuge: Peter Handke schreibt alles und ausschließlich per Hand; Elfriede Jelinek schreibt mit dem Computer. Nach eigener Auskunft schreibt Jelinek sehr schnell, aber auch sehr viele Versionen ihrer Texte. Handke ist eher der langsame Flaneur. Handke veröffentlich in Buchform, Jelinek hat angekündigt, ihre Prosatexte zukünftig im Internet zu publizieren, wie mit dem Privatroman „Neid“ schon geschehen.

Für mich kommt noch dazu, dass ich schon häufiger Texte, die in meinem Notizbuch standen, abgetippt habe, weil ich sie für das Blog geeignet hielt, obwohl sie anfänglich gar nicht mit diesem Ziel vor Augen geschrieben wurden. Eine solche unerwartete Verwertung von Text ist einfacher umzusetzen, wenn er schon getippt vorliegt.

Dass ein Text beim Eintippen noch einmal überarbeitet werden kann, zieht als Argument auch nicht, da ich auch getippte Texte durchaus mehrfachen Überarbeitungen unterziehe. Wenn ich einen Text abtippe, reduziert sich meiner Wahrnehmung nach diese Überarbeitungszeit, weil ich auch abtippe, was keiner Bearbeitung unterzogen wird. Da ich aber nicht mehr Zeit zur Bearbeitung verfügbar habe, bleibt letztlich weniger Zeit, um mich konkret der Qualität eines Textes zu widmen. Und ja: Manchmal werden Texte am Ausdruck per Hand korrigiert und bearbeitet. Das geschieht aber seit der Erfindung des Tablets immer seltener.

Dieser Text hier ist noch einmal anders entstanden. Zuerst schrieb ich über das Thema mit der Hand in mein Notizbuch. Weil mir das Thema weiter nachging, habe ich mich in meinem digitalen Notizbuch nochmal damit befasst. Nach einer halben Seite wurde ich mit dem Geschriebenen unzufrieden, brach ab und begann eine zweite Version, bei der ich an den Punkt kam dass dieser Text für das Blog geeignet sein könnte. Da der Text zu diesem Zeitpunkt schon fast fertig war, war es kein unangemessener Aufwand, ihn ins Blog zu bringen.1

Klar, ein Blogtext wird noch einmal aufmerksamer in den Blick genommen als eine nicht dort erscheinende Notiz. In der Regel ist der Aufwand dann aber überschaubar. Läge der Text zu diesem Zeitpunkt alleine handschriftlich vor, schaffte er es vielleicht gar nicht ins Blog, würde in Vergessenheit geraten weil ich bei Suchanfragen an mein eigenes Textarchiv nicht auf ihn stoßen würde, weil analoge Notizbücher einer ganz anderen Welt angehören.

Ich schreibe gerne per Hand.

Ich tippe gerne Texte.

Mehr und mehr drängt sich mir das Tippen von Text auf.

Das begann, als ich einigermaßen souverän mit der Tastatur umgehen konnte. Diese Kompetenz ist die Voraussetzung, dass das Tippen überhaupt zur Alternative der Handschrift werden kann.

Es gab einen zweiten Schub, in dessen Folge mein Notizbuch immer häufiger gar nicht mehr mitgenommen wurde. Dieser Schub ist unmittelbar mit dem Tablet verbunden, das vor einem Jahr in meinen Arbeitsalltag Einzug hielt. Nie zuvor gab es eine komfortabler zu bedienende und portablere Schreibmaschine mit einer Batterielaufzeit, die das Arbeiten auf dieser Schreibmaschine wirklich möglich machte.

Schreibe ich heute mit Füller, dann kommt der Romantiker durch. Das ist auch gut so. Doch was ich vor wenigen Jahren nicht für möglich gehalten hatte, wird immer realer: Die Handschrift verliert an Bedeutung im Alltag (!), die Bedeutung getippter Texte im privaten (!) Bereich nimmt zu.

Entsprechend verändert sich meine Sicht auf das Verhältnis von Handschrift und getippten Texten.

Ich will auf beide Formen nicht verzichten.

Ich nutze weiterhin die Handschrift und ich tippe Texte.

Ich mag nach wie vor die persönliche Aura der Handschrift, staune aber ebenso über die Möglichkeiten der digitalisierten Schrift, mich mit Menschen auszutauschen, die als Menschen auch in dieser normierten Form der Schriftkommunikation persönliche Ausstrahlung entwickeln, die in nicht wenigen Fällen in der direkten Begegnung mündet und dort Bestand hat.

Vor allem diese letzte Erfahrung, dass sich hochgradig normierter Kommunikationsmittel bedienende Menschen persönlich begegnen, die ohne diese Mittel nichts voneinander wüssten, lässt mich mit der Frage wesentlich verspielter und entspannter umgehen, ob ich nun die Handschrift oder das Tippen von Texten bevorzuge. – Beides hat seinen Reiz, nur die Funktionen der beiden Formen des Schreibens haben sich so verändert, dass für mich das Tippen von Texten stärker ins Zentrum gerückt ist, ohne dass ich schon sagen kann, ob das vorübergehend oder dauerhaft so sein wird.

Nachtrag: Dass auch jüngere Schriftsteller nicht automatisch am Computer ihre Texte verfassen, war bereits vor einem Jahr in der FAZ Thema. Den Artikel verlinke ich hier.

5 verwandte Beiträge:

  1. Teile dieses Textes sind in einem Café entstanden, andere im ÖPNV. []

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