Die Rufer in den Nischen! – Vorbemerkung zum #excitingEDU-Lehrerkongress am 3. / 4.12. in Berlin

Wir sind eine Minderheit; eine kleine noch dazu. So, jetzt ist es raus. Man könnte es fast vergessen, da die Vernetzung mit all den Leuten, die sich der Bildung im Kontext der Digitalisierung annehmen, das Thema in der eigenen Wahrnehmung hält und dabei zu verbergen droht, dass der Großteil der über 700000 Lehrkräfte in diesem Land eher nicht an diesem Thema dran ist.

In der Welt der Lehrer sind Sachen wie der #EDchatDE und #excitingedu so exotisch, dass es anzuerkennen gilt, dass sie fast niemand kennt.

Selbst Entscheidungsträgern in der Schuladministration muss man mühevoll erklären, dass Digital nicht nur WhatApp ist.

Wir müssen ehrlicher sein, um mehr Leute zu erreichen: Sowohl Bildung im Kontext des Digitalen als auch OER (Open Educational Resources) sind Nischenthemen!

Bildung unter den Bedingungen der Digitalisierung ist zumindest im schulischen Bereich ein Thema für Sonntagsreden und für Vorzeigeprojekte, dabei müsste es ein Querschnittsthema sein. Alle Schulstufen und alle Fächer sind mit dem Phänomen konfrontiert. Es wird beiseite geschoben, es werden Gründe gefunden, statt Wege gegangen. Und wenn alle Stricke zu reißen drohen, man in der eigenen Hilflosigkeit unterzugehen droht, dann werden (Handy)Verbote ausgesprochen.

In der Lehrerbildung soll es mehr und bessere Angebote geben, wenn es um Didaktik im Kontext der Digitalisierung geht. Und wo sind die Leute, die diese Angebote machen sollen? Wie werden sie gesucht, gefördert, eingebunden?

Klar, man stößt immer wieder auf Menschen mit großer Offenheit, die neugierig sind, die was wissen und können wollen. – Spätestens wenn deutlich wird, dass der Weg zu einer sinnvollen Medienpädagogik und zu einem sinnvollen Gebrauch der digitalen Geräte in Lernzusammenhängen ein mühevoller ist, auf dem man sich auch noch selbst fortbilden muss, verwandelt sich die Neugier in Erstaunen, wie man denn in der Lage sei, das alles zeitlich zu stemmen? So viel Zeit habe man selbst sicher nicht. Sorry, aber das mit der Digitalisierung muss warten. – Tut es aber nicht, will man rufen, schaut euch doch um.

Ok, ich arbeite unter besonderen Bedingungen. Der Schulträger in Frankfurt am Main hat andere Schwerpunktprojekte als das mit der Digitalisierung. Man konzentriert sich auf den Ganztag und die Inklusion – und das sind wichtige Themen. Aber da ist auch die wichtige Frage, wie wir endlich mehr digital kompetente Erwachsene bekommen, die über Fragen der Digitalisierung zur reflektieren in der Lage sind. Ja, auch das ist wichtig. Wir müssen nämlich politische Entscheidungen begleiten können, damit wir Wahlentscheidungen treffen können. – Wir müssen uns positionieren, kompetent positionieren, aber man könnte den Eindruck gewinnen, das Volk soll in Sachen Mündigkeit gegenüber der digitalen Revolution noch ein wenig warten müssen, bis die Claims und Strukturen des Netzes an diverse Interessenlagen angepasst sind.

Oh nein, das wird jetzt keine Verschwörungstheorie, aber ein wenig aufregen, das will ich mich jetzt mal wieder. Einfach so.

Doch selbst, wenn man sich aufregt, sind die Beruhigungspillen nicht weit: Schnell kommen dann die Kolleginnen und Kollegen, die Einzelprojekte anpreisen. Und diese Projekte gibt es! Diese Projekte sind wichtig! – Wie aber kommen wir von diesen Projekten in die Breite? Oder lassen wir uns von dem Wohlfühleffekt ergreifen, dass wir eines dieser Projekte gefunden haben oder selbst machen, ohne dabei zu sehen, dass um uns herum solche Projekte eben nicht die Regel sind, sondern eine nach wie vor kaum wahrnehmbare Ausnahme! – Nochmal: Wie kommen wir in die Breite?

Letztlich bleibt nur eine Antwort: Indem wir weitermachen. – Und das gilt in jeder Hinsicht: Im Bewusstsein des Nischendaseins aus dieser Nische immer wieder hervorspringen und rufen »Huhu, hier sind wir«; angesichts des Exotischen, dass der Freigabe von Smartphones für Lernzwecke im eigenen Unterricht anhaftet, die mit dem Exotischen verbundene »Narrenfreiheit« nutzen; die Vernetzungen mit anderen in diesen Nischen, die über das ganze Land verteilt sind, pflegen.

Am Donnerstag und Freitag können wir das wieder einmal tun. Der excitingEDU-Lehrerkongress bringt Lehrkräfte aus ganz Deutschland nach Berlin und die Heinrich-von-Stephan-Gemeinschaftsschule in Moabit lädt dazu ein, gemeinsam mit Lehrkräften und Lernenden dieser Schule digital basiert zu arbeiten. Und das macht die Heinrich-von-Stephan-Gemeinschaftsschule jetzt schon zum zweiten Mal. Es folgt ein eineinhalbtägiger, ganz der Praxis des Lernens und Lehrens gewidmeter Kongress in der Kalkscheune. Es werden über 200 Leute erwartet, die Tickets für den Kongress sind restlos ausverkauft.

Und dieses Mal wird es nicht heißen, es müsse was besser werden, ohne dass dann etwas passiert. Hinter dem Kongress stehen nämlich nicht nur idealistische Lehrpersonen, sondern Organisationen und Firmen, die in der Lage sind, nachhaltig an diesem Thema zu arbeiten. Ja, freilich, schaut man sich die Liste der Sponsoren an, dann höre ich schon die Rufe »Lobbyismus« und »wirtschaftliche Interessen«. Aber an guter schulischer Bildung hat eben nun auch einmal die Wirtschaft ein Interesse. Und sie muss es mit Sorge sehen, dass die Bedingungen der Digitalisierung, in deren Rahmen schulische Bildung längst stattfindet, im Rahmen der schulischen Bildung so unterbelichtet sind – und zwar im Rahmen des Bildungsauftrages von Schulen.

Diesen Bildungsauftrag freilich gilt es hochzuhalten. Schule ist natürlich kein Büttel ökonomischer Interessen. Aber soweit ich das sehe, erwartet das auch keiner von ihr, auch in »der« Wirtschaft nicht. Dort sieht man meiner Wahrnehmung nach sehr gut, dass Schule immer den Auftrag hat, gesellschaftliche Phänomene aufzugreifen und über diese in einen kritisch differenzierten Reflexionsprozess zu kommen, der zur Herausbildung demokratischer Partizipationsfähigkeit notwendig ist. – Und genau hier verweigert sich Schule mit ihren Strukturen nach wie vor an vielen Stellen viel zu sehr den Herausforderungen, die mit der Digitalisierung einher gehen. Und damit verweigert Schule sich in diesem Bereich ihrem Bildungsauftrag.

Für zwei Tage werden viele Nischen der Digitaldidaktiker nun leer sein, denn sie fahren nach Berlin und werden zu Multiplikatoren. Oh nein, die Unterrichtsprojekte werden nicht alle toll sein. Diese Erwartungshaltung sollte man schnell aus der Veranstaltung heraus nehmen. Aber es werden alles Projekte sein, die dazu einladen, darüber nachzudenken, wie die Digitalisierung uns prägt und unsere Gesellschaft verändert und wie die Bildung mündiger Bürger in diesem Kontext aussehen kann.

Danach wird man in seine Nischen zurückkehren. – Aber womöglich wird man nach dieser Tagung für ein paar mehr Leute Nischen brauchen; und vielleicht kehrt man so in seine Nische zurück, dass es in ihr heller geworden ist und diese dann auch entsprechend mehr wahrgenommen, weniger hinter- und mehr befragt wird.

Danach wird das Netzwerk derer, die Bildung unter den Bedingungen der Digitalisierung sinnvoll und nachhaltig weiterentwickeln wollen, womöglich wieder etwas dichter sein.

Hoffentlich wird die Bedeutung der Bildung im Kontext der Digitalisierung danach auch in der Praxis als etwas relevanter wahrgenommen: Das entspräche nur der Notwendigkeit, mit der wir zu der praktischen Erkenntnis vordringen müssen, dass das Lernen unter den Bedingungen der Digitalisierung längst stattfindet, auch wenn diese Bedingungen nur selten konsequent und optimal für das Lernen genutzt werden. Da gibt es noch viel zu tun. – Nicht nur für die Rufer in den Nischen.

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