Ermutigung zur differenzierenden Autonomie

Zugegeben: Bei allem, was ich so tue, vertraue ich auf die Qualität von Inhalten. Ich vertraue darauf, dass Inhalte, die zunächst einmal wenig individualisiert, wenig differenzierend wirken mögen, in der Lage sind, selbst in heterogenen Lerngruppen Schüler und Schülerinnen mit unterschiedlichsten Voraussetzungen ansprechen zu können. Ich vertraue darauf, dass Menschen in der Lage sind, mit Inhalten auf genau die Art und Weise umzugehen, die für sie angemessen ist, so sie erst einmal das Vertrauen vermittelt bekommen, dass sie das dürfen!

Ich habe viele Unterrichtsvorbereitungen erlebt, bei mir selbst, bei Praktikanten und Praktikanntinnen, bei Lehrern und Lehrerinnnen im Vorbereitungsdienst (Referendare und Referendarinnen), die versuchten, für unterschiedliche Leistungsstufen in einer Klasse Konzepte zu entwickeln, die dann im Sinne der Binnendifferenzierung umgesetzt werden sollten. Ich fragte mich immer, wie dieser Aufwand, den ich zugegebenermaßen durchaus auch noch betreibe, wenn ich den Eindruck habe, dass es notwendig ist, angesichts der sowieso schon umfassenden Beanspruchung von Lehrenden reduziert werden kann, ohne dass es zum Nachteil der Lernenden ist.

Mir scheint es heute so, als ob Binnendifferenzierung im Unterricht oft daran krankt, dass sie versucht, unterschiedliche Zugangsweisen zu Inhalten und Kompetenzen zu inszenieren. Was im Prinzip nämlich gut und wünschenswert ist, dass Lehrende unterschiedliche Zugangsweisen zu Inhalten und Kompetenzen ermöglichen, damit möglichst viele Lernende Anknüpfungsmöglichkeiten und somit Lernoptionen finden, wird bevormundend, wenn eine Differenzierung nicht darauf hin ausgelegt ist, dass Schülerinnen und Schüler sich trauen, Inhalte mit den unterschiedlichen Hintergründen zu verbinden, die sie zweifellos mit in den Unterricht bringen.

Ich schreibe das, soviel muss vielleicht gesagt werden, um meinen eigenen Horizont zu verdeutlichen, als jemand, der sich im geisteswissenschaftlichen Bereich bewegt. Natürlich gibt es in den Geisteswissenschaften Wissensbestände, die es sich anzueignen gilt, aber es gibt eben unterschiedlichste Formen, wie Schüler Zugang zu Themen finden, mit denen ich bei allen Differenzierungsversuchen womöglich gar nicht rechne.

Im Laufe der Jahre lehrt die Erfahrung zwar, welche Zugangsoptionen sinnvollerweise angeboten werden sollten, aber solche Erfahrung löst nicht das Problem der differenzierenden Vorbereitung von Unterricht, welche extrem zeitaufwändig ist, aber gleichzeitig oft ohne Gewähr, dass der Nagel für möglichst viele Zugangsweisen, Lerntypen, Denktypen, Anknüpfungshorizonte wirklich auf den Kopf getroffen wurde.

Im Laufe der Jahre waren es immer wieder Schülerinnen und Schüler, die mich mit ihren persönlichen Zugangsweisen zu Inhalten überrascht haben und meinen eigene Horizont erweiterten. Meist waren es Gedichte, aber auch bei umfangreicheren literarischen Texten machte ich diese Erfahrung, auf die Schülerinnen und Schüler Kenntnisse aus anderen Fächern anwendeten, um einem Verstehen näher zu kommen.

Mir haben schon Schülerinnen und Schüler erklärt, welche Elemente der Musiktheorie sie in Gedichten und auch in Prosatexten finden konnten, es haben aber auch schon Schüler und Schülerinnen mathematisch-naturwissenschaftliche Strukturen auf Inhalte anwenden können, die im Deutsch und Religionsunterricht eine Rolle spielen.

Dabei kamen immer wieder Erkenntnisse zustande, die ich selbst, der ich ja nun wirklich nicht in jedem Fachgebiet sonderlich kompetent bin, nie in der Planung von Unterricht hätte vorweg denken (antizipieren) können. Und genau diese Erfahrung war es, die mich zu der Frage brachte, warum wir Lehrende jede Kleinigkeit inhaltlich zu antizipieren versuchen, wenn wir Unterricht planen?

Ich erinnere mich, dass ich einmal eine sehr differenzierte, methodisch vielfältig gestaltete Stunde vorbereitet hatte. Mir wurden zu dieser Stunde, die durchaus von Methoden geprägt wurde, damals zwei Fragen gestellt, die das Konezpt durcheinander wirbelten. Frage 1: Wo ist der Text? (Die Stunde gehörte zu einer Einheit zu einem Roman.) Frage 2: Wo sind die Schüler und Schülerinnen.

Darauf hin entschied ich mich, meine Konzentration auf den Text zu richten, diesen wirklich ins Zentrum meiner Vorbereitung der Stunde zu stellen, ohne didaktische und methodische Fragen aus dem Blick zu verlieren. Es war geradezu so, dass ich methodisch intensiv mit der Frage befasst war, wie ich den Schülern und Schülerinnen des Deutschkurses Freiheit im Umgang mit dem Text geben konnte, ohne dabei die Perspektive des Lernfortschritts aus den Augen zu verlieren. – Die auf diesen Überlegungen beruhende Stunde war extrem lebendig und, so will ich meinen, fruchtbar.

Jedes Mal, wenn ich höre oder lese, dass es nicht so sehr um den Inhalt gehe, sondern um die Bedürfnisse von anderen, die es, um des eigenen Erfolges willen zu befriedigen gelte, zucke ich innerlich zusammen. Ein solches Zucken war auch der Ausgangspunkt dieses Blogartikel.

Ich stieß heute auf den Artikel „Content Is No Longer King; A Look At What Really Matters“, indem gesagt wird, dass der Erfolg (eines Webauftritts) davon abhänge, dass man das Publikum (Audience) angemessen anspreche. Auch wenn es vielleicht nicht so gemeint ist, höre ich aus solchen Aufforderungen, das Publikum ins Zentrum zu stellen, die Aufforderung, sich so um die Inhalte zu kümmern, dass diese genau das liefern, was sich das Publikum wünscht.

Meine Überzeugung ist, dass die Lesenden im Internet und anderswo durchaus in der Lage sind, selbst ihre Bedürfnisse auf Inhalte im Netz hin zu wenden und von diesen ausgehend Erkenntnisgewinne selbst zu generieren. Anders ausgedrückt: Wenn ich mich auf die Inhalte konzentriere, sie möglichst differenziert reflektiere, kann ich überhaupt erst die fachliche Sicherheit erlangen, die es mir erlaubt, differenzierend mit Schülern und Schülerinnen zu arbeiten, weil ich dann Platz habe, Raum zu geben, in dem Schülerinnen und Schüler mit den Inhalten arbeiten dürfen.

Anders ausgedrückt: Die produktiven Freiräume im Unterricht liegen dort, wo Freiräume überhaupt erst einmal gegeben werden. Ein voll durchgeplanter Unterricht verhindert solche Freiräume viel zu oft, weil er sie nicht gibt, weil er mit ihnen nicht rechnet.

Als Deutschlehrer könnte ich diese Aussage auch so formulieren: Die Autonomie des Lernens ermöglichen Lehrer und Lehrerinnen dann, wenn sie nicht nur die autonomen Zugängen zu Wissensstrukturen und Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern ermöglichen, sondern gleichzeitig  die Autonomie des Lerngegenstandes (des literarischen Textes) ernst nehmen, die sich zumindest teilweise gegen die methodisch-didaktisch orientierte Planbarkeit stellt.

Es könnte also (mindestens in geisteswissenschaftlichen Fächern) eine doppelte Autonomie proklamiert werden, welche im Lernprozess in produktive Spannung gerät: Die Autonomie des Lernenden gegenüber dem Lerngegenstand trifft (in geisteswissenschaftlichen, ganz sicher aber in künstlerischen Fächern) auf die Autonomie des Lerngegenstandes gegenüber dem Lernende.

Lehrer und Lehrerinnen versuchen nach wie vor viel zu häufig, die Lerngegenstände im sprachlichen und geisteswissenschaftlichen Aufgabenfeld sehr funktional zu sehen. Dabei übersehen sie oft die zu relevanten Erkenntnissen befähigende Autonomie der Lerngegenstände, die Wissens-, Kompetenzen- und Erkenntnisszuwachs überhaupt erst ermöglicht, weil sie den auf die Lerngestände treffenden Lernenden selbst befragt – und in diesem Sinne auch ernst nimmt.

So verstehe ich den Begriff der „differenzierende Autonomie“, der als Begriff in der Didaktik meine Kenntnis nach bislang nicht verwendet wird. „Differenzierende Autonomie“ meint eine doppelte Autonomie. Lehrende (in den Geisteswissenschaften)  sind Vermittler (Medien), die die Aufgabe haben, die Freiheit des Lernenden mit der Freiheit des zu Lernenden zu konfrontieren und das Lernen zu ermöglichen, das sich aus der Begegnung dieser Freiheiten ergeben kann, für den Lehrenden aber nicht immer Vorhersehbar ist.

„Differenzierende Autonomie“ stellt sich als Begriff gegen die Bevormundung von Lernenden durch eine Überdifferenzierung von Inhalten schulischen Unterrichtes durch Lehrende, die den Differenzierungsgedanken nicht dazu nutzen, um Möglichkeiten zu eröffnen, sondern vielmehr als Festlegung von Individuen gebrauchen, denen sie bestimmte Leistungen zutrauen, ohne damit zu rechnen, dass der Lernende selbst möglicherweise Anknüpfungspunkte mitbringt, die ein Lehrender bei seinen Differenzierungsbemühungen vielleicht nicht berücksichtigen kann, weil er sie nicht kennt.

„Differenzierende Autonomie“ steht als Begriff für die Überzeugung, dass es Dimensionen des Lernens gibt, die über die Planbarkeit durch den Lehrenden hinaus gehen. Für mich als geisteswissenschaftlich orientierten Lehrer bedeutet „differenzierende Autonomie“, dass ich die Autonomie nicht nur der Lernenden sondern auch der Lerngegenstände, die oft Kunstwerke sind, ernst nehme und als Realität bei der Planung von Unterricht berücksichtige.

„Differenzierende Autonomie“ – für mich selbst ist das ein Begriff, der sich im Laufe der Zeit aus meinen Reflexionen von Unterricht ergeben hat. Mir selbst scheint er einleuchtend. Es geht darum, einzelnen Lernenden das Vertrauen zu geben, dass sie mit ihren Möglichkeiten des Umgangs mit Lerngegenständen einen Lernprozess gestalten können, darum, die Lernhorizonte der Lernenden wirklich ernst zu nehmen, ohne z. B. literarische Texte zu funktionalisieren und diese damit ihres künstlerischen Wertes zu entleeren, um bestimmte Ziele zu erreichen, die eben nicht die Autonomie von Lernenden und Lerngegenständen ernst nehmen.

Wie aber wird der Begriff der „differenzierenden Autonomie“ von anderen verstanden? – Lieber Leser! Liebe Leserin! Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie / du mir einen Kommentar hinterlassen würden /würdest, ob Sie / du, diesen Begriff als analytischen und als praxisorientierten Begriff nachvollziehen können / kannst.

 

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