Was im Deutsch-Grundkurs zu lesen sein wird (Landesabitur Hessen 2013)

Nach einem in seinen Lektüren dem Deutsch-Unterricht noch Luft gebenden Einführungsjahr, beginnt für die Schüler und Schülerinnen, die im Jahr 2013 ihr Abitur in Hessen machen wollen, nun die Phase, in der der offizielle Lehrplan mit verbindlichen Lektüren verbunden ist. Erstmals sind diese Lektüren sogar Halbjahren zugeordnet, worauf die bisherigen Vorgaben verzichteten, wohl deshalb, weil sich durch die offiziellen Lehrpläne eigentlich fast von alleine ergab, in welchen Halbjahren der Oberstufe die Lektüren ihren Platz finden. – Dass die Lektüren nun konkreten Halbjahren zugewiesen werden, hat vielleicht Gründe. Doch über diese will ich hier gar nicht spekulieren.

Was also wird im Grundkurs Deutsch in Hessen für all die Schülerinnen und Schüler zu lesen sein, die nächsten Montag (8. August 2011) mit der Qualifikationsphase beginnen? – Hier die (subjektiv) kommentierte Lektüreliste ((Der Link führt zum PDF mit den offiziellen Hinweisen zur Vorbereitung auf die schriftlichen Abiturprüfungen im Landesabitur 2013, gemäß Erlass vom 20. Juni 2011)), für deren Richtigkeit ich übrigens keine Gewähr übernehme.

Die offiziellen Hinweise zu den Prüfungen des hessischen Landesabiturs finden sich auf der Website des Hessischen Kultusministeriums bzw. auf dem Hessischen Bildungsserver.

Lektüren im Grundkurs Deutsch1 im Verlauf der Qualifikationsphase 1 mit subjektivem Kommentar:

Kleist: Prinz Friedrich von Homburg

Kleist ist neu im Reigen der für das Landesabitur relevanten Lektürverpflichtungen in der Qualifikationsphase. Endlich! Kleist! Mit „Prinz Friedrich von Homburg“ ist Kleists wohl ausgereiftestes Bühnenwerk Teil der Leseliste für das Landesabitur. Eine fremde Welt, die sich heutigen Leserinnen und Lesern da auftut, aber die Themen sind heute nach wie vor die gleichen geblieben. Richtig: Es geht natürlich um …!

Lyrik zum Menschenbild der Klassik

Stand so bislang nicht auf der Liste der für das Landesabitur relevanten Lektürverpflichtungen. Die Präsenz der Lyrik wird damit um ein Drittel erweitert. Standen bislang nur zwei Themenbereich mit Lyrikschwerpunkt auf der Leseliste, sind es nun derer drei. Allerdings standen auf bisherigen Leselisten für das Landesabitur auch nur sieben Lektürevorgaben. Nunmehr sind es neun (Lyrik und Epik wurden um jeweils eine Lektüreverpflichtung aufgestockt, sodass nun aus jedem Bereich (Dramatik, Epik, Lyrik) drei Lektüreverpflichtungen vorgesehen sind). Für mich wird diese Unterrichtseinheit noch einmal eine Entdeckungsreise durch diese Epoche werden, in der natürlich nicht nur Goethe schrieb. Und die Frage nach dem Menschenbild im Kontext der Lyrik zu stellen, halte ich für eine bisherige Kenntnisse vertiefende Hinführung zur Lyrik im ersten Halbjahr der Qualifikationsphase nicht schlecht gewählt. Hier bieten sich für mich  Anknüpfungsmöglichkeiten an die in der Einführungsphase intensiv erarbeitete Epoche der Aufklärung, was ebenso für die Lyrik der Romantik gilt.

Lyrik der Romantik

Ob es möglich ist, die Lyrik zum Menschenbild der Klassik gewinnbringend mit der Erarbeitung der romantischen Lyrik zu verbinden? Die Basis der romantischen Lyrik ist eng mit Fragen des Welt- und Menschenbildes verbunden. Die Frage einer Integration dieser Lektürebereiche in eine Unterrichtseinheit ist naheliegend. Zumindest wenn ich in Klausuren denke2, so fällt mir auf, dass in jedem Halbjahr der Qualifikationsphase nach der mir vorliegenden Übersicht drei Lektüren vorgesehen sind. Es werden zwei Klausuren pro Halbjahr geschrieben. Daraus ergeben sich die Möglichkeiten, 1. Lektürebereiche aus der Überprüfung mittels Klausuren heraus zu nehmen und andere Formen der Leistungsnachweise zu nutzen oder aber 2. Lektürevorgaben zu integrieren und somit das verknüpfende Denken auf noch einer weiteren Ebene gezielt zu fördern, ist es doch durchaus für viele Schüler und Schülerinnen nicht trivial, über die Grenzen eines literarischen Werkes bzw. einer literarischen Epoche hinaus zu denken. Die Qualifikationsphase legt im ersten Halbjahr der Vorbereitung auf das hessische Landesabitur im Grundkurs Deutsch einen klaren Schwerpunkt auf die ersten Hälfte des 19. Jahrhundert. Das Halbjahr kann also durchaus auch als eine literarische Zeitreise in die Epoche vor nunmehr 200 Jahren gesehen und gestaltet werden. Wenn dann noch Büchners Woyzeck in Q2 dazu genommen wird, ist dieses Drama doch auch in dieser Zeit entstanden, so zeigt sich in der zu lesenden Literatur die Differenziertheit literarischer Strömungen, aber auch die Zerrissenheit der Gesellschaft, insbesondere in der Gegenüberstellung Büchners Arbeiten mit denen der Romantik und der Klassik.

Lektüren im Grundkurs Deutsch im Verlauf der Qualifikationsphase 2 mit subjektivem Kommentar:

Büchner: Woyzeck

Woyzeck gehört auf die Lektüreliste. Ganz klar. Doch dieses Mal werden die Briefe Büchners und der von ihm mit verfasste „Hessische Landbote“ in den Hinweisen zum Landesabitur 2013 nicht genannt. Das ist aber nur eine kosmetische Frage, denn in gewisser Weise werden die Briefe bestimmt eine Rolle spielen – und wenn nicht im Unterricht, so bieten sie von ihrem Umfang her durchaus Möglichkeiten für die Gestaltung von Leistungsnachweisen. Eine rein werkimmanente Erarbeitung des Woyzeck, die zentrale Bezüge zu Büchners politischem Engagement vernachlässigt, kann ich mir bislang allerdings nur schwer vorstellen.

Fontane: Irrungen, Wirrungen

Dieses Werk bietet Einblicke in die Zeit der zweiten Hälte des 19. Jahrhunderts unter literarischen Vorzeichen. Fontane ist ein durchaus in einigen Werken sehr spannender Erzähler. „Irrungen, Wirrungen“ bietet sich dazu an, einem Schriftsteller mal sehr genau auf die Finger zu schauen, sind manche „Tricks“, derer sich Autoren bedienen, hier doch so augenfällig und zugänglich, dass es wirklich keine große Herausforderung ist, Techniken der Vorausdeutung, der im Text diesen deutend integrierten Beschreibungen von Dingen etc. und weiteres Handwerkszeug von Autoren herauszuarbeiten. – Im Zusammenhang mit Büchners Wirklichkeitsdarstellung kann, bei allem kritischen Geist, der im Werk Fontanes vorhanden ist, auch manche Einseitigkeit der Wirklichkeitswahrnehmung Fontanes im Kontext des Bürgertums sicherlich nachvollziehbar heraus gearbeitet werden.  – Für die Schüler ist „Irrungen, Wirrungen“ zum ersten Mal auf der Lektüreliste. Für mich als Lehrer fände ich es nicht so schlecht, wenn mit Effie Briest oder gar Werken von Gerhart Hauptmann mal wieder ein anderes Werk diese Epoche repräsentieren würde.

Kafka: Das Urteil

Ich mag Kafka und gerade „Das Urteil“ ist vielen Schülerinnen und Schülern weit zugänglicher, als es bei Kafka zu vermuten wäre. Erinnere ich mich an meine eigene Schulzeit, wir lasen Kafka schon in den Klassen 9 und 10, so war Kafka ein Autor, dessen gesammelte Prosa ich mir direkt im Zusammenhang mit dem Unterricht zulegte, weil ich diesen Autor sehr spannend fand und finde. Dass in den vergangenen Jahren, in denen Kafka auf der Lektüreliste zum hessischen Landesabitur steht, Schülerinnen und Schüler teilweise immer noch richtig gut mit Kafka umgehen können, zeigt mir einmal mehr, wie existentiell und über die Zeiten hinweg Kafka geschrieben hat.

Lektüren im Grundkurs Deutsch im Verlauf der Qualifikationsphase 3 mit subjektivem Kommentar:

Goethe: Faust I

Der deutsche Klassiker überhaupt. Zumindest angesichts des heute als relevant betrachteten Kanons; zumindest in dem Zeitraum deutscher Literaturgeschichte, der in der hessischen Oberstufe berücksichtigt wird. Doch auch im Gesamtkontext deutschsprachiger Literaturgeschichte gibt es nur wenige Werke, die literarisch und inhaltlich so spannend sind, wie „Faust“. So sehe ich das zumindest. Einmal im Jahr „Faust“ lesen – das kann auch ohne berufliche Verpflichtungen, die mit der Lektüre verbunden sind, sehr lohnend sein. Mein Eindruck ist, dass diese Lektüre nach wie vor für überraschend viele Schülerinnen und Schüler als eine Art Höhepunkt des Deutschunterrichts gilt. Darüber hinaus sind die Möglichkeiten des werkimmanenten Arbeitens sehr breit gefächert. Bezüge zur Klassik, zur Romantik, zu Kleist und … zu eigentlich der gesamten deutschsprachigen Literaturgeschichte (und zu Shakespeare und und und…) sind beim Faust immer möglich.

Hein: In seiner frühen Kindheit ein Garten

Heins „In seiner frühen Kindheit ein Garten“ ist der einzige nach 1945 entstandene Roman, der für das hessische Landesabitur im Grundkurs Deutsch im Jahr 2013 relevant ist. Dieser Roman bietet sich, von den historischen Bezügen, die sehr viel spannende Hintergründe liefern können einmal abgesehen, vor allem dazu an, sich bei seiner Lektüre noch einmal grundsätzlich reflexiv mit der Frage nach Qualitätskriterien von Literatur zu befassen. Was macht einen guten literarischen Text aus? Und welche der in der Qualifikationsphase gelesenen Texte erfüllen welche Qualitätskriterien.  Zu allererst muss sich aber Heins „In seiner frühen Kindheit ein Garten“ diesen Kriterien stellen. Die Schüler und Schülerinnen können dabei sicher zu unterschiedlichen Positionen gelangen.

Lyrik des Expressionismus

Der Expressionismus ist ein Phänomen, dass in der gesamten Kunst seinen Niederschlag fand, vor allem aber in der bildenden Kunst, sodass die Verbindung von Bildern mit Gedichten so nahe liegt, dass sie eigentlich nicht erwähnt werden muss. In Frankfurt liegen hängen aber nun auch noch einige Schlüsselwerke dieser Epoche sehr nah im Städel, sodass die Verbindung in der direkten Begegnung mit diesen Bildern geschehen kann. Die Bandbreite der Lyrik dieser Zeit ist enorm, so sehr sie sich auch eines beschränkten Umfangs stilbildender Mittel bediente. Nach dem Sturm und Drang als Epoche des jungen Goethes ist der Expressionismus in der Lyrik vielleicht die erste Nachfolgeepoche, in der sich die Lyrik inhaltlich und formal sprunghaft weiter entwickelte und somit die großen Veränderungen hin zu Dadaismus und zur konkreten Poesie ermöglichte.

Außerdem

Grundkategorien der Redeanalyse sind im Kontext der Sprachreflexion zu erarbeiten. Das halte ich angesichts unserer politischen Redekultur für sehr sinnvoll und oft ist es erhellend, wenn man politische Reden unter rhetorischer Perspektive betrachtet. Doch finde ich, dass es nicht nur um die Analyse von Reden gehen sollte, sondern darüber hinaus die Kompetenz zur Vorstellung eigener Reden gefördert werden sollte. Insgesamt ist das ein anspruchsvolles und recht umfangreiches Programm, dass die mit diesem Schuljahr in die hessische Qualifikationsphase eintretenden Schülerinnen und Schüler da im GK Deutsch absolvieren sollen. Ich halte es aber auch für ein spannendes Programm, das einiges an Optionen für die Schüler und Schülerinnen bietet, so mit den Texten zu arbeiten, dass für unterschiedlichste Herangehensweisen Platz ist, für Herangehensweisen, die differenziert dazu qualifizieren, die Anforderungen einer zentralen Abiturprüfung erfüllen zu können.
Ebenfalls ohne Gewähr, aber der Vollständigkeit halber hier noch die Lektüren, die für den Deutsch-Leistungskurs für das hessische Landesabitur 2013 die Grundlage bilden:
Q1: Schiller: Die Jungfrau von Orleans; Kleist: Die Marquise von O …; Lyrik zum Menschenbild der Klassik; Lyrik der Romantik
Q2: Büchner: Woyzeck; Fontane: Irrungen, Wirrungen; Hofmannsthal: Brief des Lord Chandos; Kafka: Das Urteil
Q3: Goethe: Faust I; Wolf: Medea. Stimmen; Lyrik des Expressionismus
Außerdem, im Rahmen der sog. zusätzlichen Belesenheit von Schülern und Schülerinnen im Deutsch-LK: Thomas Mann: Mario und der Zauberer; Süskind: Das Parfüm

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  1. Angaben ohne Gewähr []
  2. Ich weiß, dass unter meinen Leserinnen und Lesern auch solche sind, die Prüfungen, Noten und die damit verbundenen Auswirkungen auf das schulische Lernen kritisch betrachten. Da ich aber konkret unterrichte, tue ich das im Rahmen der Vorgaben, die ich dann auch bei meine Vorbereitungen zu berücksichtigen habe. []

Ein Gedanke zu „Was im Deutsch-Grundkurs zu lesen sein wird (Landesabitur Hessen 2013)

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