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Kleine Diskussion zur Lage der Buchbranche: Sibylle Berg vs. Buchmarkt-Beckmann

Es gibt Kritiken, die, werden sie geäußert, absehbare Reaktionen hervorrufen.

Sibylle Berg beginnt am 12.7. mit einer Kritik an den Verlagen und dem deutschen Buchmarkt. Ihre Kernthese: „Die Zukunft, vor der wir gewarnt wurden, ist da, die Buchbranche woanders.“

Das kann der Buchmarkt so nicht auf sich sitzen lassen. Also kommentiert Beckmann 14.7. so brillant zum Fußball passend, dass Sibylle Berg mit ihren Thesen im Abseits sei. Sie habe die Entwicklungen nicht alle im Blick.Beckmann meint mit Entwicklungen den Tolino und Libreka. – Nun, der Tolino ist von ein paar wenigen Großbuchhandlungen und der Telekom entwickelt worden und hat Potential, wenn er sich aus der „nur in Deutschland verfügar”-Ecke heraus bewegt; aber wer kennt schon Libreka?

Es ist, wie es immer ist: Der dt. Buchmarkt jammert weiter, wirft seinen Kritikern vor, sie lägen mit ihrer Kritik falsch. Und dann soll alles so weiter gehen. Manchmal hat man den Eindruck, die Verlage und Buchhändler hoffen auf ein Rettungspaket, wie es die Banken ereilte, wenn die Krise erst einmal voll durchschlägt.

Sibylle Berg hat am 19.7. auf Beckmann geantwortet. Sie appelliert nochmals, dass die Verlage nicht den Fehler fortsetzen sollten, eher auf Masse der Neuerscheinungen, die dann kurz in den Buchhandlungen liegen, zu setzen, sondern sich darauf konzentrieren müssten, was sie wirklich können, nämlich Bücher in der Zusammenarbeit von Autoren und Lektoren mit einem hohen Qualitätsmaßstab zu produzieren.

Und da kann ich nicht anders als zustimmen. Die Qualität des Content (der Inhalte; der Literatur) ist auf Dauer wahrscheinlich ein nicht zu unterschätzendes Kriterium vor allem für Verlage, die sich gegen die Übernahme von Verlagskonzernen zur Wehr setzen, aber auch schon übernommenen Verlagen dürfte es nicht schaden, ihren Ruf und ihre Kernkompetenz selbstbewusst zu verteidigen, statt in ängstliches Erstarren vor Amazon zu geraten.

Haruki Murakami: Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki

Ich kann mich nicht satt hören an Franz Liszts »Le Mal du Pays« aus den »Années de Pelerinages« in der Interpretation von Lazar Berman. – Ohne die ständige Wiederaufnahme dieses Klavierstücks in Haruki Murakamis neuem Roman »Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki«, wäre mir dieses Werk weiter unbekannt geblieben. So aber habe ich einen doppelte Bereicherung bekommen: Ein ruhig dahin fließendes, spannungsreiches und gleichzeitig harmonisches Klavierstück, das ich vorher nicht wahrgenommen hatte, und einen ebenso ruhig fließenden, dennoch aber spannungsreichen und in seiner Gesamtheit sehr harmonischen Roman des japanischen Kultautors.

»Le Mal du Pays«, »die grundlose Traurigkeit, die eine ländliche Idylle im menschlichen Herzen weckt«, ist ein durchgängiges Motiv in diesem Roman, der selbst genau eine solche »Landschaft« in Sprache gefasst vor dem inneren Auge des Lesers entstehen lässt.

An vielen Stellen gelingt es Murakami, eine Atmosphäre der Melancholie zu erzeugen, in der sich Tsukuru Tazaki bewegt.

Tazaki ist 36 Jahre alt. Vor sechzehn Jahren war er völlig unvermittelt von den vier Freunden, mit denen er eng befreundet war, aus deren Gruppe ausgeschlossen worden. Von heute auf morgen hatte man den Kontakt zu Tsukuru abgebrochen. Seine Freundin Sara nun bringt ihn dazu, sich auf die Reise zu begeben, sich seiner eigenen Vergangenheit zu stellen und zu klären, was sich damals wirklich ereignet hatte. Sara befürchtet, dass diese Ereignisse Spuren im Unterbewussten Tsukurus zurückgelassen haben könnten. – Tsukuro lässt sich auf diese Suche nach der eigenen Vergangenheit zögernd, dann aber doch konsequent ein. Und vor den Augen des Lesers öffnet sich die Geschichte einer Gruppe von Jugendfreunden, die auf traurige Weise nie wirklich auseinander gegangen war, obwohl Tsukuru genau dies für sechzehn Jahre glaubte. Immerhin hatte ihn der Ausschluss aus der Gruppe in eine tiefe Depression geworfen, von der er selbst sagt, er habe dem Tod damals ins Angesicht geschaut.

Im ruhigen Fluss der murakamischen Sprache kommt dieser Roman daher, der aber dennoch das Zeug dazu hat, den Leser emotional zu berühren. Murakami wirft Fragen auf, die sich wohl viele Menschen stellen, die auf ein paar Lebensjahrzehnte zurückblicken, auch wenn Tsukurus Geschichte durchaus im Umfeld der sogenannten Midlife Crisis angesiedelt ist.

Diese Geschichte erzählt Murakami auf knapp 320 Seiten, was sie für seine Verhältnisse fast schon zu einer kurzen Erzählung macht, ist der Autor doch eher für deutlich umfangreichere Werke bekannt.

Typisch für Murakami ist zudem, dass in der Geschichte realistisches Erzählen und in diesem Erzählen eingebettete esoterische Anklänge miteinander zu einer spannungsreichen Einheit verwoben werden, die es dem Leser noch etwas leichter macht, in den hoch symbollastigen und bedeutungsschwangeren Kosmos Murakamis einzutauchen.

Ursula Gräfes Übersetzung aus dem Japanischen erhält diesen Facettenreichtum des Romans.

Der Roman zwingt den Leser in eine Positionierung gegenüber der Geschichte und ihrem Stil. Sicher kann man sich auch distanziert zeigen und die Mischung aus Japan, Liszt und finnischer Ideallandschaft mit Töpferei als Kitsch empfinden. Vermutlich aber werden sich dann die zahlreichen Facetten des Romans vor dem Leser verbergen, wird sich der Roman gegen diese Leser selbst imun machen und diese Leser abweisen.

Wer sich aber auf »Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki« einlässt, findet gemeinsam mit Murakamis Figuren eine farbenfrohe Melancholie, die des Lesers eigenes Farbenspektrum bereichern kann.

Dieser Roman war mir ein Genuss und wird nun, nachdem ich ihn ein erstes Mal in der ansprechend gestalteten Ausgabe des DuMont-Buchverlags gelesen habe, einen Platz unter den Büchern bekommen, die zum Schmökern geeignet sind, die zu dauerhaften Begleitern werden und immer wieder in Ausschnitten oder ganz gelesen werden können. Es kommt selten vor, dass ein Roman diesen Weg so schnell und so überzeugend nimmt. Murakami hat einen großartigen Roman geschrieben – noch einen!

Haruki Murakami, Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki. Roman. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. 318 Seiten. Hardcover.

Originaltitel: Shikisaki wo motanai Tazaki Tsukuru to kare no junrei no toshi

Originalverlag: Bungei Shunju, 2013

Druckbuch: EUR 22,99 [D] / 32,90 sFr., Erstverkaufstag: 03.01.2014

EBook: EUR 18,99 [D]

ISBN 978-3-8321-9748-3

 

Ich habe als #Leser mal nach einem #Buch recherchiert (Subjektive Marktstudie #EBook)

Ursprünglich als kurzer Beitrag für meine GooglePlus-Seite gedacht, habe ich mich jetzt doch entschieden, diese exemplarische Buchrecherche ins Blog aufzunehmen, weil sie in meinen Augen  Hinweise gibt, wo die Probleme des deutschen Buchhandels in einer Welt, in der es das Internet gibt und in der viele Leser und Leserinnen in Deutschland wohl Englisch einigermaßen beherrschen dürften, liegen.

Außerdem will ich wissen, ob ich vielleicht falsch gesucht habe bzw. ob meine Rechercheergebnisse von anderen für andere Bücher nachvollzogen werden können (Ergebnisse bitte in Kommentare oder ins eigene Blog oder wo auch immer und dann via PingBack oder Kommentar verlinken wäre super.) Weiterlesen

Nur Ersatz? – Nutzung und Integration (digitaler) Medien im Unterricht (Vortragsskript)

An dieser Stelle veröffentliche ich mein „Skript“ – also das, was früher mal auf Karteikarten stand, wenn man einen Vortrag hielt – zu meinem Vortrag beim „Fachforum “E-Learning in der Lehrerbildung“ an der Justus-Liebig-Universität am 15. Mai 2012 mit dem Titel „Nur Ersatz? – Nutzung und Integration (digitaler) Medien im Unterricht“ Der Vortrag wird aufgezeichnet und steht später dann voraussichtlich auch online zur Verfügung.

Dieses „Skript“ ist erst mal nur eine Materialsammlung. Ich werde sicher nicht auf jeden Punkt ausführlich eingehen (die Zeit ist beschränkt) und wie heißt es so schön: Vor Ort zählt dann das gesprochene Wort ;-)

Gespannt, ob es im Kommentarteil oder per Blogbeitrag mit Pingback zu so etwas wie einer Diskussion kommt.

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Didacta 2013 – Eine subjektive Nachlese oder: Der Exot aus Digitalien

Als ich auf der Didacta in Köln ankomme, bin ich über einen Teil der Besucher dieser Bildungsmesse amüsiert. Hatte ich es zunächst für ein Gerücht gehalten, dass viele Besucher Koffer auf Rollen dabei haben, um das einzusammelnde Material transportieren zu können, sehe ich nun, dass dieses Gerücht stimmt. Aus dem Zug, mit dem ich zur größten Bildungsmesse Europas angereist bin, steigen an der Messe Dutzende von Besuchern mit leeren großen Rucksäcken, Trolleys und Reisekoffern. Viele, die ohne diese Utensilien angereist sind, finden später auf der Messe Aussteller, die Pappkartons auf Rollen verschenken. Man kennt eben die Bedürfnisse der Besucher. Mein Bedürfnis ist es nicht, mich an den Ständen von Schulbuchverlagen mit Büchern einzudecken, obwohl sie zu Preisen angeboten werden, die zum Teil sehr günstig sind. Mein Bedürfnis ist es zu erfahren, wo ich diese Schulbücher als E-Books erwerben kann, wie ich sie auf mein digitales Lesegerät bekomme und nutzen kann, ohne dass ich einen Laptop brauche oder mit dem Tablet online sein muss, wie es momentan beim Angebot digitale-schulbuecher.de der Schubuchbranche noch der Fall ist.

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Im Übergang: Das Buch in Vergangenheit und Zukunft

In diesem Beitrag gehe ich der Frage nach, warum ich vielleicht doch nicht in zwei Welten lebt, wenn ich Bücher in gedruckter und digitaler Form schätze und nutze. Weiterlesen

Über Bücher aus Papier und EBooks aus digitalen Zeichen – Vermarktung und Infrastruktur

Bücher aus Papier sind in sich geschlossene, analoge Einheiten. Der Datenträger Papier wird einmal bedruckt und dann kann, genügend Licht vorausgesetzt, der Text unbegrenzt häufig gelesen werden, es können Anstreichungen hinzugefügt, Anmerkungen notiert werden. Den Datenträger kann man als Ganzheit weitergeben, also auch verleihen oder verschenken. Die Lesespuren bleiben dabei erhalten. Die Haltbarkeit des Datenträgers – und somit der mit ihm fest verbundenen Information – beläuft sich auf einige Jahrzehnte bei schlechter Papierqualität bis hin zu mehreren Jahrhunderten bei guter Papierqualität, das Papier nicht zerstörender Tinte und trockener sowie lichtgeschützter Lagerung.

EBooks bestehen aus digitalen Zeichen in elektrischer Form, die als reine Datenpakete zunächst einmal nicht gelesen werden können. Anders als Bücher aus Papier werden EBooks ohne einen Datenträger ausgeliefert, an den das jeweilige „Exemplar“ gebunden wäre. Als Datenträger und Übersetzer in lesbare Schrift bedarf es entsprechender Programme, die entweder als Einzelprogramme vorliegen, die dann als App zum Beispiel auf einem Tablet oder dem Smartphone das Lesen erlauben, oder als eine Koppelung von Hard- und Software in Form eines speziell zum Lesen dieser Bücher gedachten EBook-Lesegerätes (EBook-Readers).

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Herrn Larbigs Bibliothek 17 – Jonas Jonasson: Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand

Es gibt Bücher, da leuchtet unvermittelt ein, warum sie gerne gelesen werden. Jonas Jonassons „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ ist genau so ein Buch, auch wenn das deutsche Feuilleton sich selbst an die Nase griff und sich eingestehen musste, diesen Roman übersehen zu haben.

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Herrn Larbigs Bibliothek 16 – David Foster Wallace: Das hier ist Wasser / This is Water

Ohne Buchhändlerin hätte ich dieses Büchlein wahrscheinlich einfach übersehen, es nicht in meine Bibliothek aufgenommen, finde ich es doch manches Mal auffällig, wie es Verlagen gelingt, kleine Prosawerke aufzupumpen und dann als Bücher zu verkaufen.

Ok, fünf Euro sind zu verschmerzen, aber normalerweise sperrt sich in mir etwas, wenn ich solche Kleinigkeiten von Verlagen angeboten bekomme, die dann, was eigentlich lobenswert ist, auch noch das amerikanische Original des Textes enthalten und so statt 35 plötzlich 64 Seiten »dick« sind.

Nach der Lektüre dieser Rede, die der 2008 verstorbene Foster Wallace 2005 vor College-Absolventen gehalten hatte, im gleichen Jahr hielt übrigens Steve Jobs seine berühmt gewordene »Stay hungry, stay foolish«-Rede in Stanford, weiß ich, dass ich so frei sein kann, meinem Ärger über die Verkaufspolitik von Verlagen zu folgen und den Kauf des Buchs zu verweigern – oder mir die Offenheit zu gönnen, der Empfehlung der Buchhändlerin zu folgen.

Nach der Lektüre weiß ich, dass es sogar ein Zeichen von Freiheit ist, wenn ich in diesem Fall gegen meine »Standardkonfiguration« (»default settings« – D. Foster Wallace) verstoßen habe und das Buch trotz allem kaufte, weil die Buchhändlerin es mir empfahl und damit meine Sperren gegen die aufgeblasene Vermarktung solcher kleinen Texte in Frage gestellt hatte. Ich ließ diese Infragestellung zu.

Und dann las ich den Text. Dann begann ich, mir Anstreichungen zu machen, mir wichtige Zitate hervorzuheben. Ich begann, den Text mitdenkend zu kommentieren.

Ich staunte über die spielerische Leichtigkeit, mit der Wallace – von zwei didaktischen Fabeln ausgehend – hier einen Bildungs- und den mit ihm eng verbundenen Freiheitsbegriff entwirft. Gleichzeitig führt der Verfasser des Romans »Unendlicher Spaß« auch noch vor, dass Atheisten und religiöse Menschen gar nicht sonderlich weit voneinander entfernt sind.

Freiheit hat für Wallace mit Aufmerksamkeit, Offenheit, Disziplin, Mühe und Empathie zu tun. Wirkliche Freiheit nimmt andere Menschen auf ernsthafte Weise ernst. Und damit ist eben keine moralische Forderung gemeint, dass der Mensch so sein müsse und genau so zu handeln habe, sondern es handelt sich um eine Beschreibung von Kriterien, anhand derer man sich selbst beobachten und sich der Frage stellen kann, wie und ob man wirklich Denken gelernt hat. Denn, darauf weist Wallace ausdrücklich zu einem sehr frühen Zeitpunkt der Rede hin: »Die wirklich wichtige Ausbildung im Denken […] betrifft gar nicht die Fähigkeit zu denken«, denn es wäre banal zu unterstellen, dass das Denken keine selbstverständliche dem Menschen mitgegebene Kompetenz ist, »sondern die Entscheidung für das, worüber sich nachzudenken lohnt« (S. 11).

Wallaces »Das hier ist Wasser« ist ein nachdenklicher Text, der zum Nachdenken anregt. Ich werde ihn mit Sicherheit nicht zum letzten Mal als »Anstiftung zum Denken« (so bewirbt der Verlag das Buch) genommen haben.

Und ganz nebenbei: Für den Ethik- und Religionsunterricht, aufgrund der zweisprachigen Ausgabe auch für den Englischunterricht, ist diese Rede in der Oberstufe sicherlich ein lohnender Text.

David Foster Wallace: Das hier ist Wasser / This is Water
Anstiftung zum Denken Zweisprachige Ausgabe (Engl. / Dt.)
ISBN: 978-3-462-04418-8
Erscheinungsdatum: 14. Mai 2012
Erscheinungsort: Köln
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
64 Seiten, Paperback
Titel der Originalausgabe: This Is Water
Aus dem amerikanischen Englisch von Ulrich Blumenbach
KiWi 1272
Euro (D) 4,99 | sFr 8,50 | Euro (A) 5,20

Herrn Larbigs Bibliothek 15 – Jonathan Franzen: Freiheit. Roman.

Wenn ein Familienroman während einer bestimmten Zeit spielt und die Familie einigermaßen geschickt gestaltet wird, dann wird aus dem Familienroman ein Zeitroman.

Jonathan Franzen kann das gut: Mehr als 700 Seiten umfasst sein Roman „Freiheit“, der 2010 erschien und nach „Die Korrekturen“ intensiv erwartet wurde. Mehr als 700 Seiten, auf denen er den Überblick über sein Personal behält, immer wieder souverän Handlungsfäden aufgreift, weiterführt und wieder mit anderen Handlungsfäden verbindet, die dann wieder … Ein gut gearbeiteter Familienroman, der gut 30 Jahre USA-Geschichte – mit zugegebener Maßen recht konventionellen Mitteln und künstlerisch wenig originell – reflektiert, den Schwerpunkt aber auf die Zeit George W. Bushs und die „Freiheiten“ legt, die im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts, vor allem im Schatten des 11. Septembers 2001, in den USA möglich waren.

Dieser Roman ist eine echte Fleißarbeit. Und es nötigt mir schon einiges an Bewunderung ab, dass es einem Autor gelingt, in einer solchen Konsequenz eine solche Handlung weiter zu schreiben und nicht irgendwo, angesichts des Fülle der Personen, die auftreten, und der Konventionalität der eingesetzten erzählerischen MIttel, einfach das Handtuch zu werfen, weil er sich mit dem Roman selbst langweilt.

Entsprechend habe ich bei mir als Leser beobachtet, dass ich mit zunehmendem Fortschreiten des Romans immer häufiger sehr schnell und über ganze Absätze hinweg gelesen habe. Ja, zum Schluss entwickelte ich gar den Ehrgeiz, dass ich diesen Roman zu Ende lesen will.

Es ging mir nicht, wie ich das bei anderen Romanen bereits erlebt habe, so, dass es mich dazu gedrängt hätte, diese Geschichte bis zum Schluss zu lesen.

Zum Schluss waren es vor allem das Wollen und der Respekt vor der intellektuellen und disziplinierten Leistung des Autors, was mich an dem Buch dran gehalten hat. Das mag daran gelegen haben, dass hier wirklich nur die Geschichte einer amerikanischen Mittelstandsfamilie erzählt wird. Das ist keine glückliche Familie. Das ist keine schöne Geschichte. Aber es ist eine Mittelstandsgeschichte – und somit eine mittelmäßig spannende Geschichte, die dann auch noch ein fast schon kitschiges „Happy End“ bekommt.

Ich kann durchaus den Kunstcharakter langweiliger Figuren in langweiligen Handlungssituationen nachvollziehen, so diese Figuren in einer Romanhandlung auftreten und angemessen in diese integriert sind. – Vor diesem Hintergrund sei es noch einmal betont: Der Roman ist gut geschrieben.– Dennoch empfand ich ihn zum Ende hin zunehmend als eine Herausforderung für mich als Leser.

Ich weiß durchaus, dass es für solche Familienromane ein leicht zu begeisterndes Publikum gibt, nicht zuletzt in den Feuilletonredaktionen der deutschen Presse. Ich bin aber auch zu dem Schluss gekommen, dass ich diese Art von Romanen nur in kleinen Dosen zu mir nehmen will. Nach drei Wochen, die ich mit diesem Buch verbracht habe, bin ich nun mit dem Lesen fertig. Und ich kann es nicht leugnen, dass ich mich sehr auf die in meinem Regalfach mit den zu lesenden Büchern liegenden Exemplare freue. Darunter ist auf absehbare Zeit kein weiterer großer Familienroman.

Jonathan Franzen: Freiheit Roman; aus dem Engl. von Bettina Abarbanell und Eike Schönfeld; Rowohlt Verlag, Reinbek 2010; 730 S., 24,95 € (Taschenbuchausgabe 2012: 9,99 €)  


Nachtrag: Mitbloggerin @mons7 (Monika E. König) hat, wie ich nach Veröffentlichung dieses Beitrages via Twitter erfahren habe, ähnliche Erfahrungen in einem Beitrag benannt, wie ich sie mit dem Roman gemacht habe. Deshalb und weil Monika intensiver auf den Inhalt eingeht, als ich das hier tue, sei ihr Beitrag hier explizit angeführt und verlinkt.

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