Gedichtinterpretation: Joseph von Eichendorff, Die zwei Gesellen (1818)

Joseph von Eichendorff

Die zwei Gesellen (1818)

Es zogen zwei rüstge Gesellen
Zum erstenmal von Haus,
So jubelnd recht in die hellen,
Klingenden, singenden Wellen
Des vollen Frühlings hinaus.

Die strebten nach hohen Dingen,
Die wollten, trotz Lust und Schmerz,
Was Rechts in der Welt vollbringen,
Und wem sie vorübergingen,
Dem lachten Sinn und Herz. –

Der erste, der fand ein Liebchen,
Die Schwieger kauft’ Hof und Haus;
Der wiegte gar bald ein Bübchen,
Und sah aus heimlichem Stübchen
Behaglich ins Feld hinaus.

Dem zweiten sangen und logen
Die tausend Stimmen im Grund,
Verlockend’ Sirenen, und zogen
Ihn in der buhlenden Wogen
Farbig klingenden Schlund.

Und wie er auftaucht’ vom Schlunde,
Da war er müde und alt,
Sein Schifflein das lag im Grunde,
So still war’s rings in die Runde,
Und über die Wasser weht’s kalt.

Es singen und klingen die Wellen
Des Frühlings wohl über mir;
Und seh ich so kecke Gesellen,
Die Tränen im Auge mir schwellen –
Ach Gott, führ uns liebreich zu dir!

Los geht’s

Diese Interpretation hat nicht den Anspruch einer wissenschaftlichen Annäherung an Eichendorffs Gedicht »Die zwei Gesellen«. Hier lege ich nicht mehr und nicht weniger als eine Art »Protokoll« meines Lesens solcher Gedichte vor. Dahinter steht die Überzeugung, dass Gedichte diesseits von literaturwissenschaftlichen Herangehensweisen für Leser gedacht sind, die sich vom Gedicht einladen lassen, es genau zu lesen. Genaues Lesen aber bedeutet für mich, dass ich mit dem Gedicht ins Gespräch komme und es auf diesem Wege wirklich (für mich wirksam) lese.

Gedichte beginnen mit dem Titel (wenn es einen gibt)

So banal es ist, so oft wird es übergangen: Wenn Gedichte einen Titel haben, dann gehört dieser Titel zum Gedicht, dann beginnt das Gedicht mit dieser Überschrift und nicht etwa mit der ersten Strophe. Das gilt dann natürlich auch für Joseph von Eichendorffs »Die zwei Gesellen«.

Klar, ich könnte das Erscheinungsjahr 1818 in den Blick nehmen, mich fragen, in welchem Zusammenhang das Gedicht mit den Folgen des Wiener Kongress steht, falls es einen solchen gibt. Aber mehr als die zeithistorischen Hintergründe spricht das Bild zu mir, das die Überschrift anbietet: Es ist ein Bild das doppelt verstanden werden kann. Zum einen nennen wir Handwerker am Ende ihrer ersten Ausbildung »Gesellen«. Zum andern kann das Wort umgangssprachlich auch für Personen genommen werden, die einfach nur etwas zusammen tun.

Ich weiß, dass Eichendorff das Gedicht zunächst unter dem Titel »Frühlingsfahrt« veröffentlicht hatte. Später erhielt es dann den heute verbreiteten Titel. Und das, obwohl Robert Schuhmann es unter dem Titel »Frühlingsfahrt« vertont hat, sodass dieser Name eigentlich recht populär gesetzt war. Vielleicht hat sich »Die zwei Gesellen« aber durchgesetzt, weil es der passendere Titel ist?!

Zwei Gesellen: Das können also zwei Handwerker sein oder zwei gemeinsam Reisende ohne beruflichen Hintergrund. Aber warum zwei Gesellen, warum nicht drei oder fünfzehn? Auf diese Frage will ich von dem Gedicht eine Antwort. Steht dahinter so etwas wie »die zwei Seiten einer Medaille« oder werden die Möglichkeiten der Lebensgestaltung dualistisch gedacht? Bei dieser Konkretisierung mit der Zahl Zwei, das Gedicht könnte ja auch »Die Gesellen« heißen, kommt mir zudem alles in den Sinn, was »schwarz-weiß« gedacht wird, ohne dass ein Dazwischen oder ein Darüber hinaus in Betracht gezogen würde. – Nun, wir werden sehen.

1. Strophe: Frühlingsgefühle

Die erste Strophe löst die Frage nicht auf, ob es sich um Handwerksgesellen handelt oder um Gesellen im umgangssprachlichen Sinne.

Es wird erzählt, dass »zwei rüst’ge Gesellen« (V1) erstmals das (Eltern)Haus verlassen. Die Zeichen stehen auf Aufbruch. Körperlich ist man »rüstig«, heute würde man an dieser Stelle wohl »fit« sagen. Die Stimmung ist gut, sehr gut sogar, denn der Weg wird »jubelnd« (V3) angetreten, was auch an den äußeren Bedingungen liegen mag: Es ist Frühling. Es ist die Zeit, in der alles blüht und sprießt und wächst und aufbricht. Die Vögel singen, die Tage werden länger. Alles ist hell. Und siehe da, Eichendorff verwendet dann auch tatsächlich helle Vokale, wenn er von den »hellen, / Klingenden, singenden Wellen« (V4) spricht. Alles ist gut.

Das Leben scheint es gut mit den zwei Gesellen zu meinen. Wie anders klänge das Gedicht, müssten diese Gesellen im November aufbrechen oder im schwülen Hochsommer, mit seiner Hitze und den regelmäßigen Gewittern.

Oh nein, es ist kein Zufall, dass Eichendorff die Gesellen im Frühling aufbrechen lässt. Sie sind jung, sind voller Tatendrang und brechen in der heiteren Jahreszeit auf. Sie sind im Frühling ihres Lebens, mehr als je zuvor, als sie sich an die Regeln des Elternhauses zu halten hatten, ihre Ausbildung bekamen und ständig von anderen hörten, was sie tun und lassen sollten.

Ich sehe Schüler vor mir, die ihr Abitur gerade gemacht haben. Wie oft höre ich da, dass man nach dem Abitur und vor der Ausbildung oder dem Studium erst noch einmal reisen wolle. Das ist nicht nur Fernweh, sagt Eichendorff, dass ist ein existentieller Aufbruch, »zum erstenmal von Haus« (V2).

2. Strophe: Hoch hinaus

Entsprechend idealistisch sind diese Wanderer dann auch unterwegs. Sie wollen etwas! Sie haben großartige Vorstellungen von ihrem Leben und was sie mit / in ihm alles anstellen können. Sie »streben nach hohen Dingen« (V6) und wer ihnen auch begegnet wird von ihrer Begeisterung und Begeisterungsfähigkeit mitgerissen. Die zwei Gesellen strahlen positiv auf ihre Umwelt aus, denn »wem sie vorübergingen, / Dem lachten Sinn und Herz.« (V10) Dann aber, am Ende des zehnten Verses ein Gedankenstrich, wie ein Zäsur, ein (Zeit?)Sprung, ein Schnitt.

3. Strophe: Gemütlich

Und tatsächlich: Ab der dritten Strophe trennen sich die Wege der beiden. Der erste beendet die Reise und lässt sich häuslich nieder: Er heiratet, die Schwiegereltern sorgen dafür, dass das junge Paar ein eigenes Haus hat; ein Kind wird geboren. Es ist 1818 nicht unbedeutend, dass es ein »Bübchen« (V13) ist, denn damit ist der »Stammhalter« geboren. Es ist aus der Sicht der Zeit alles in Ordnung, es läuft alles perfekt. Die Wohnung ist heimelig eingerichtet. Oder lese ich das »Und sah aus heimlichem Stübchen / Behaglich ins Feld hinaus« als ambivalente, doppeldeutige Aussage?

»Heimlich« steht natürlich für so etwas wie »gemütlich«, was vom »behaglich« in V15 auch noch unterstützt wird. Aber der Blick vom Fenster über das Feld, das ist auch der Blick des Romantikers, der (heimliche?) Blick der Sehnsucht, vielleicht auch der Erinnerung an jene Tage, die in den Strophen eins und zwei besungen werden. Ob dieser erste Geselle glücklich ist? Äußerlich wirkt das so, doch in der Bilderwelt der Romantik steht dieser Blick aus dem Fenster auch für die Sehnsucht nach etwas anderem, nach Aufbruch und Bewegung. Vielleicht ist der erste Geselle ganz so glücklich dann doch nicht, obwohl alles gut läuft.

Wie dieser Geselle einst »Zum ersten Mal von Haus« (V2), also von Zuhause wegging, so ist er nun der Besitzer des Zuhauses, in dem ein Kind aufwächst, das einmal genau wie sein Vater aufbrechen wird. Hier wird schon der Kreislauf des immer Gleichen angedeutet. Ob es Eichendorff darum geht?

4. Strophe: Sirenengesänge

Bevor diese Frage beantwortet werden kann, muss geklärt werden, was eigentlich mit dem zweiten Gesellen passiert.

Die eingerückten Strophen 4 und 5 sind ihm gewidmet. Er bekommt doppelt soviel Platz wie der erste Geselle; ob da also jemand diese Energie des Aufbruchs bewahren konnte und wirklich »Was Rechts in der Welt« (V7) vollbracht hat? Man könnte es meinen, wenn Eichendorff die vierte Strophe mit »Dem zweiten sangen« beginnt. Hier wird das helle, klingende aus Strophe 1 wieder aufgegriffen – und sofort dekonstruiert, indem ein »und logen« hinzugefügt wird. Aber das merkt dieser zweite Geselle gar nicht, denn er lässt sich von den »Sirenen« (V18) verlocken, jenen mythischen Gestalten, die vorbeifahrende Schiffer mit ihrem Gesang anlockten, um sie dann zu töten. Dem zweiten Gesellen scheint dies alles farbig klingend, aber wenn die Verlockungen auch mehrere Sinne ansprechen – hier wird das Stilmittel der Synästhesie passend verwendet –, wenn die Verlockungen des anscheinend ungebundenen, freien Lebens auch wunderbar zu sein scheinen: Sie führen doch in den »farbig klingenden Schlund«, in den Untergang, in die Erkenntnis, dass das Leben so nicht weiter gehen kann.

5. Strophe: Wrack

Genau dies passiert dem zweiten Gesellen. Dafür braucht es dann eine zweite Strophe, denn irgendwann ist das Leben, das der zweite Geselle wohl in vollen Zügen genossen hat, vorbei. Es war ein anstrengender Weg, den er gewählt hat, denn am Ende ist er »müde und alt« (V22), sein »Schifflein«, womit wohl der Körper gemeint ist »lag am Grunde« (V23).

Interessant ist hier, dass das anfängliche Motiv des Wanderns in den Strophen 4 und 5 durch das Motiv der Seefahrt ersetzt wird. Da geht eine Reise viel weiter, als ursprünglich beim Aufbruch zu Fuß gedacht war. Und deshalb wechselt die Bildebene des Gedichts von der Wanderschaft zur Bildebene der Schiffsreise.

Während also der erste Geselle »aus heimlichem Stübchen / Behaglich ins Feld hinaus« sieht (V14f) und seine Sehnsucht nicht wirklich als erfüllt betrachtet, kommt auch der zweite Geselle, der das Leben voll auskostet, nirgends wirklich an. Am Ende ist es »still« (V24) »Und über die Wasser weht’s kalt« (V25).

Strophe 6: Keine Hoffnung oder Gott

Und jetzt? In der letzten Strophe des Gedichts wechselt die Zeit vom Präteritum ins Präsens. Es werden die Motive der ersten Strophe wieder aufgenommen. Zwei Rahmenstrophen, die sich aber an einem Punkt deutlich unterscheiden: In Strophe 6 tritt zum ersten Mal das lyrische Ich auf.

Dieses lyrische Ich sieht im Frühling wiederum Gesellen aufbrechen, die dieses Mal aber nicht »rüstig«, sondern »keck« (V28), also irgendwie unbekümmert und vielleicht auch ein wenig frech sind.

Während die körperliche Verfassung in der ersten Strophe im Zentrum steht, steht für das lyrische Ich in der sechsten Strophe eher die Geisteshaltung im Mittelpunkt.

Dem lyrischen Ich treibt diese die Tränen in die Augen (V29).

Offensichtlich handelt es sich bei diesem lyrischen Ich um jemanden, der das Leben genau beobachtet und im Rückblick, von daher das Präteritum in den Strophen 1-5, zu dem Schluss kommt, dass es diese zwei im Gedicht gezeigten Wege gibt, für die sich Menschen immer wieder entscheiden, so sie sich denn überhaupt entscheiden können.

Und sollte es auch mehr Möglichkeiten geben: Gibt es einen Weg, der wirklich dahin führt, dass die Menschen einen Ort erreichen, an dem sie zu echter Ruhe kommen, an dem sie weder den Blick über das Feld werfen, im romantischen Sinne also eine unerfüllte Sehnsucht in sich tragen, noch dem Drang des unermüdlichen Unterwegsseins nachgeben müssen, bis am Ende nur noch Stille und Kälte (Einsamkeit?) herrschen?

An dieser Stelle, am Ende von Vers 29, taucht zum zweiten Mal in diesem Gedicht ein Gedankenstrich auf. Dieser Gedankenstrich setzt einen Strich unter das Leben in dieser Welt und leitet zu der Antwort des lyrischen Ichs über, die mit der Interjektion »Ach« (V30) beginnt.

Dieser Ausruf »ach« ist sowohl ein Ausdruck der Verwunderung als auch des (seelischen) Schmerzes. Es ist die Verwunderung des lyrischen Ichs, dass das Leben anscheinend zu keinem Ziel führt, sodass das Leben insgesamt als unbefriedigend, je nach Lebensgestaltung und Schicksal auch auch als schmerzhaft empfunden wird.

Diese Verwunderung, dieser Schmerz öffnet dem lyrischen Ich den Weg in die Religion, zu Gott. »Ach Gott, führ uns liebreich zu dir!« (V30) steht entsprechend als letzter Vers dieses Gedichtes.

Noch einmal wird ein Perspektivenwechsel vorgenommen: Während die zwei Gesellen im Gedicht zunächst hochgradig aktiv sind, um »Was Rechts in der Welt [zu] vollbringen« (V8), bleibt für das lyrische Ich als Antwort nur die Passivität, das Hoffen, dass eine dritte Instanz, die nicht von dieser Welt ist, dass Gott ihn zu sich führe, wobei Gott hier für eine Vollkommenheit und Erfülltheit stehen dürfte, die das lyrische Ich in der Welt nicht erkennen und nicht finden kann.

Das war’s. Oder: Was jetzt noch möglich ist

Nun könnte man weitermachen, als ob die Interpretation nicht schon lang genug wäre, indem man den zeithistorischen Kontext aufgreift, die letztlich im Wiener Kongress vorläufig ad acta gelegte Französische Revolution und Napoleon als Folge von dieser in den Blick nimmt und fragt, ob es in diesem Gedicht auch um den Aufbruch der Revolutionäre geht, die entweder im Schlund des nicht enden wollenden Aufbruchs versunken oder am Ende friedlich als passive Bürger zuhause alt geworden sind.

Man könnte den letzten Vers aufgreifen und ihn in den Kontext des 19. Jahrhunderts stellen, in dem mit Feuerbach, Marx und Nietzsche später deutliche Kritik an der Religion laut wurde. Hat das lyrische Ich zu früh seine Schlüsse gezogen? Kann es sein, dass die Erfüllung sowohl beim ersten als auch beim zweiten Gesellen so weit es möglich ist erreicht wurde? Hier könnte man Sartres Existentialismus mit ins Gespräch bringen, der dem Menschen als ins Nichts geworfenes Wesen die Entscheidung über die Gestaltung und damit über das Gelingen und Scheitern seines Lebens selbst aufbürdet und Gott ad acta legt.

Kurz: Neben dem genauen Lesen, das ich hier im engen »Gespräch« mit dem Gedicht praktiziert habe, kann man nun alles, was zu diesem Gedicht passt – und daraufhin ist es jeweils zu überprüfen: Ob es wirklich passt – nehmen und mit dem Gedicht ins Gespräch bringen.

Gedichte sind Gesprächsangebote, sie fordern die Aktivität des Lesers. Und so gewinnen Gedichte für mich eine Tiefe und eine Relevanz, die ich in Romanen in dieser Form kaum je einmal finde. Romane kann man »konsumieren«, Gedichte hingegen muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, um auch nur einen Teil der Nuancen »schmecken« zu können, die – zumindest in guten Gedichten – sich im Leser entfalten wollen.

Über Tabletklassen

Am Anfang des Denkprozesses zu diesem Beitrag, stand, wie schon häufiger, ein Tweet:

Hier nun etwas ausführlicher, was damit gemeint ist:

1 »Tabletklassen« als die Behauptung von Modernität

»Laptop-« oder »Tabletklassen« werden gerne und oft angeführt, wenn nach zeitgemäßem Unterricht gefragt wird, der auf (nicht) absehbare Herausforderungen des 21. Jahrhunderts Antworten gibt. – Es werden Klassen nach der in ihnen verwendeten Technologie benannt, nicht nach Schwerpunkten des Lernens, wie man sie in Schulprofilen finden kann. Und das wird im Prinzip kaum hinterfragt.1

Zwar sprach nie jemand jemals von »Stift-und-Papier-Klassen«, es wurde nie zwischen »Schulheft-« und »Collegeblock-Klassen« unterschieden, obwohl es doch ein Unterschied gibt zwischen der starren Seitenfolge im Schulheft und der dynamischeren Einsetzbarkeit von Collegeblöcken, aber werden »Laptop-« oder »Tabletklassen« an Schulen eingeführt2, welche Bezeichnung nutzen wir denn dann für die Klassen, die keine »Tabletklassen« sind? Oder basteln wir jetzt noch »Smartwatch-Klassen«, um mithilfe eines Bezugs zu einer Technologie den Eindruck zu erwecken, dass man »modern« sei?

Zugegeben, hätte mir vor zwei oder drei Jahren jemand die Möglichkeit eröffnet, eine »Tabletklasse« zu unterrichten, ich hätte das Angebot freudig angenommen. Diese Möglichkeit hatte ich nicht – und heute würde ich sie kritisch hinterfragen.

2 Das Konstrukt und die Kritik

Damit kein Missverständnis aufkommt: Ich meine mit »Tabletklasse« nicht, dass man einen Wagen mit einem Klassensatz Tablets hat, welche man gezielt mit in den Unterricht nimmt und dort didaktisch reflektiert im Kontext von Lernszenarien einsetzt, in denen deren didaktischer Mehrwert tatsächlich begründet ist.

Spreche ich von »Tabletklassen«, so meine ich jene Konstrukte, die im Rahmen der Neuzusammensetzung von Klassen (z. B. in Jahrgangsstufe 7) ein oder zwei Klassen anbieten, die als »Tabletklassen« firmieren, weil in ihnen jede Schülerin und jeder Schüler ein eigenes Tablet verfügbar hat, mit dem im Unterricht (schwerpunktmäßig) gearbeitet wird.

Ich würde heute an keiner nicht mehr ohne kritische Rückfragen zu stellen an einer Schule arbeiten wollen, an der ein Teil der Schülerinnen und Schüler mit dem Tablet unterrichtet wird, dies als großartig dargestellt wird, aber die Frage offen bleibt, warum man eigentlich, wenn es doch so großartig ist, verantworten kann, dass (in der Regel) der Großteil der Schülerschaft an den jeweiligen Schulen von dieser Option nicht profitiert, weil er nicht in der Tablet-Klasse gelandet ist.

Das gilt auch für Schulen, deren Schulleiter so wunderbar entspannt, pragmatisch und didaktisch reflektiert an das Thema heran gehen wie Markus Bölling, dem ich inhaltlich an sehr vielen Punkten beipflichte. Aber: Auch hier sind es acht »iPad-Klassen« an der Schule. (ca. Sekunde 50ff.) Wie viele Schülerinnen und Schüler profitieren also nicht von den Möglichkeiten?

3 Technologie als Reduktion statt als Erweiterung des Lernangebots

»Tabletklassen« vermitteln den Eindruck, dass eine Technologie, die zum Lernen genutzt werden kann, im Zentrum steht. Es entsteht der Eindruck, dass die Chance der Digitalisierung, nämlich ein didaktisch interessantes Medium mehr zu haben, welches im Reigen dessen, was dem Lernen dient, eingesetzt werden kann, vertan wird. – Konkret würde mich interessieren: Werden die Schulbücher in »Tabletklassen« als digitale Schulbücher derart genutzt, dass die Druckwerke nun als PDF verfügbar sind? (Was wäre da der Mehrwert?) Wird neues Lernmaterial genutzt? Woher kommt dieses Lernmaterial, welchen didaktischen Grundsätzen folgt es? Welche Mehrwerte kann man wie darlegen? Werden zusätzlich analoge Materialien genutzt? In welchem Ausmaß? Wie ist die Koppelung von analogen und digitalen Materialien? Warum gibt es so wenig Beiträge aus Tabletklassen im konkreten didaktischen Diskurs? Wo reflektieren die Praktiker (Lehrer!) didaktisch, was sie in den Tabletklassen tun? (Gerne Links in die Kommentare unten.)

»Tabletklassen« als einzelne Klassen an einer Schule sind eine Engführung, sie reduzieren die Komplexität dessen, was Lernen ausmacht, weil sie exklusiv sind. Exklusivität aber ist immer eine Reduktion von Partizipationsmöglichkeiten.3

Eine solche Reduktion spiegelt nur die Krise wider, in der wir uns – nicht nur im Bildungskontext – befinden. Wir suchen einfache Antworten, statt von Heinz von Försters »ethischem Imperativ«4 ausgehend nach Lösungen zu suchen. Förster formuliert: »Handle stets so, dass die Anzahl der Wahlmöglichkeiten größer wird.« Diese größeren Wahlmöglichkeiten sollen für einen selbst und für andere erreicht werden.5

Die Digitalisierung bringt solche Wahlmöglichkeiten mit sich, sie erweitert die didaktischen Möglichkeiten enorm. Als Lehrer habe ich mehr Möglichkeiten, die ich Lernenden anbieten kann, damit sie lernen können. Als Lehrer ist es Teil meiner Professionalität, um diese Möglichkeiten (und auch deren Grenzen) zu wissen und sie gezielt einsetzen zu können.

So, wie Autowerkstätten in der Lage sein müssen, mit rein mechanisch arbeitenden Automodellen genauso professionell umzugehen wie mit mit digitaler Technologie ausgestatten Wagen, bei denen man für die Fehlerdiagnostik die entsprechende Software bedienen können muss, so müssen Schulen in der Lage sein, für jeden Lerntyp möglichst optimale Angebote anbieten zu können. – Und so sehr solche Beispiele auch hinken mögen, so sehr sollte deutlich werden, was gemeint ist.

Wenn es Erweiterungen der Möglichkeiten des Lernens gibt, dann muss ich mich als Lehrer selbstverständlich damit vertraut machen und diese Erweiterungen überall, wo sie hilfreich sind, nutzen können.

»Tabletklassen« erwecken nicht den Eindruck, dass eine solche Erweiterung der Wahlmöglicheiten für möglichst alle erreicht wird oder werden soll. Ebenso bleibt die Frage, ob denn die Möglichkeiten des Lernens mit Tablet und Co den Schülerinnen und Schülern der Nicht-Tablet-Klassen (gezielt und systematisch) vorenthalten werden sollen? Aus welchen Gründen?

Nach wie vor stehen wir in den Schulen vor der Digitalisierung und sind ratlos, sehen oft nur Gefahren oder nur Chancen, verdrücken uns in anscheinend einfache Lösungen. Statt mit der höheren Komplexität dessen umzugehen, was uns die Digitalisierung an Lernoptionen bietet, schließen wir diese zu oft aus.

4 Das einfache Vereinfachen – Dialektik der analogen und digitalen Radikalismen

Es ist die Zeit der Vereinfacher, der Radikalismen angesichts von Komplexität. Im Bildungskontext sind es einerseits die radikalen Skeptiker, die eher mit Verboten und Restriktionen arbeiten, und andererseits die radikalen Digitalisierungseuphoriker, die zwar auf den ersten Blick für digital affine Menschen moderner wirken, die aber im Grunde genau so vereinfachende Antworten suchen und geben, wie die Skeptiker.

Schwer haben es in diesem Kontext jene, die reflexiv mit den Möglichkeiten und Grenzen der Digitalsierung umgehen. Von den Skeptikern werden sie oft in die Ecke der Euphoriker gestellt und umgekehrt. Es kommt mir manches Mal so vor, als greife hier Heinz von Försters Theorem Nr. 1: »Je tiefer das Problem, das ignoriert wird, desto größer die Chancen für Ruhm und Erfolg«6 , denn im öffentlichen, von einer breiten Masse wahrgenommenen Diskurs treten allzu oft die Vertreter der einfachen Lösungen, der Radikalismen auf, weil sie so schön die Herausforderungen über ihre einfachen Antworten ignorieren und so einen lebendigen Streit (nicht Diskurs!) erwarten lassen.

Als Didaktiker geht es mir als Lehrer zunächst darum, dass ich alle zur Verfügung stehenden Mittel und Methoden anschaue und untersuche, was welchem Lernen dient und was nicht. Alles aber, was dem Lernen dient, will ich, wenn die Verfügbarkeit nicht gerade allzu illusionär ist, nutzen können.

5 Nein zu »Tabletklassen« als Leuchttürme, die gar nicht leuchten

Nein, ich will keine »Tabletklasse«. Ich will einen Unterricht, in dem ich zur Verfügung stehende Lern- und Lehrmedien didaktisch reflektiert einsetzen kann, und zwar in jeder Klasse.

Manches kann mit Stift und Papier besser gelernt werden als mit dem Tablet oder dem Laptop; manche Unterrichtssequenz bekommt einen didaktischen Mehrwert, wenn z. B. ein Video genutzt werden kann7, der Umgang mit Büchern und die Möglichkeiten der digital basierten Wissensgenerierung zum Zwecke der Entwicklung einer Kompetenz schließen einander nicht aus.

Vermutlich ist, ich kann es nicht beschwören, weil ich noch keine Möglichkeit der längeren Hospitation hatte, der faktische Unterricht in den »Tabletklassen« bei weitem nicht so heroisch, wie man bei manchem Bericht den Eindruck bekommt. In Wirklichkeit ist die Einrichtung von »Tabletklassen« der eher einfache Weg, auf dem die didaktische Komplexität angsichts der Digitalisierung eben nicht erweitert, sondern verschoben und an anderer (analoger) Stelle reduziert wird.

Ich will keine »Tabletklasse«, sondern die Möglichkeit, bei meiner Arbeit ein möglichst breites Spektrum didaktischer Möglichkeiten nutzen zu können.

Dort, wo digitales Lernen einen Mehrwert hat, möchte ich diesen generieren können, ohne mir groß Gedanken um verfügbare Technik machen zu müssen.

Dort, wo analoges Lernen einen Mehrwert hat, möchte ich diesen nutzen, ohne mich rechtfertigen zu müssen, warum jetzt gerade kein Tablet eingesetzt wird.

Dort, wo ein Schüler ein Buch aus Papier braucht, um seinem Lesestil entsprechend arbeiten zu können, soll er/sie diese Möglichkeit genauso haben, wie Schüler auf das EBook zurückgreifen können sollen, die digital lesend besser zurecht kommen.

Ich will an den Punkt kommen, an dem die Differenzierungsmöglichkeiten nicht an der Bezeichnung »Tabletklasse« oder »Analogklasse« enden.

Ich will keine »Tabletklasse«, sondern den Mut, so zu handeln, »dass die Anzahl der Wahlmöglichkeiten größer wird«, die für das erfolgreiche Lernen eines jeden Schülers und einer jeden Schülerin zur Verfügung stehen. Und das in jeder Klasse. Dazu müssen dann natürlich auch die (finanziellen, technischen, rechtlichen…) Anstrengungen (von Schulen, Schulträgern, Kultusministerien…) unternommen werden, die eine solche größere Wahlmöglichkeit erst für alle ermöglichen. Das ist keine kleine Herausforderung, aber sicher ein lohnender Weg für die Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft.

  1. Mir ist natürlich bewusst, dass bei allem, was ich hier kritisiere als Antwort angeführt werden kann, dass man ja mal wo anfangen müsse, dass man Pilotprojekte brauche, dass Leuchtturmprojekte wichtig seien, damit man wissenschaftliche Begleitforschung betreiben könne etc. Das mag so sein. Deshalb fand ich Tabletklassen vor 2 Jahren auch noch gut. Aber die Zeitläufte gehen ja weiter – und so erlaube ich mir hier dann also im Rahmen dialektischen Denkens diesen kritischen Beitrag. []
  2. Im Folgenden spreche ich nur noch von »Tabletklassen«, meine damit aber »Laptopklassen« natürlich weiter mit, aber auch »Smartphoneklassen«, falls es solche jemals geben sollte, etc. []
  3. Wie weit eine solche Exklusivität gehen kann, kann man in einem Artikel über die oben verlinkte Freiherr-vom-Stein-Schule vom 11.12.2014 nachlesen, in dem darauf hingewiesen wird, dass die »iPad-Klassen« in ihren Räumen in Eigenregie ihr Logo angebracht haben, um ihre »Corporate Identity« zu pflegen. Da geht es dann nicht mehr ums Lernen, sondern um soziale Rollen, um Abgrenzung. Da ist man dann sehr weit von der Frage nach dem Mehrwert und den Grenzen entfernt. []
  4. vgl. Heinz von Foerster (1973), Über das Konstruieren von Möglichkeiten. S. 49. []
  5. Vgl. hierzu Brand Eins. Wirtschaftsmagazin, Ausgabe 05.2015 (Mai 2015), S. 40–48, besonders 48. []
  6. http://www.heise.de/tp/artikel/13/13359/1.html []
  7. z. B. Versuchsaufbauten in den Naturwissenschaften etc. []

Konzept eines mediendidaktischen Seminars

Zum Sommersemester 2015 habe ich einen Lehrauftrag im Rahmen der Medienpädagogik an der TU Darmstadt erhalten. Zielgruppe des Seminars »Neue Medien in der (schulischen) Bildung« sind Lehramtsstudierende und Kommilitoninnen und Kommilitonen im Rahmen von Bachelor und Masterstudiengängen (Education). Anlass, mir über die Konzeption des Seminars, die weitgehend abgeschlossen ist, zusammenfassend einige Gedanken zu machen.

Situationen, Gegebenheiten, Dinge benennen zu können, kann helfen, diese »richtig« zu sehen, zumindest aber hilft Sprache dabei, etwas besser »sehen« zu können.

So, wie Rumpelstielzchen nur Macht hat, bis es bei seinem Namen genannt wird, so reagieren Menschen auf ihnen unbekannte Situationen oft, indem sie sich die Sprache aneignen, die helfen kann, eine unbekannte Situation zu durchschauen, zu verstehen. Sprache soll hier die Macht geben, mit der Situation umgehen zu können.

Genau deshalb besteht die Aufgabe von Lernprozessen im Rahmen der formalen Bildung neben der Vermittlung von Fertigkeiten darin, einen Wortschatz zu entwickeln, der dabei hilft, differenzierter »sehen« zu können.

Eine wesentliche Sehhilfe für den Beruf des Lehrers bietet die Didaktik, so man diese nicht allzu schnell an die Seite der (rein praktisch gesehenen) Methodik stellt und die Theorie so einmal mehr von der Praxis aufgefressen wird. – Eine blinde Methodik führt zu einem Unterrichtshandeln, das vielleicht als »aktiv« erlebt wird, das aber letztlich blind für die Frage bleibt, ob gerade eigentlich überhaupt etwas gelernt wird und ob das gelernt wird, was der Lernende sich als Gegenstand seines Lernens vorgenommen hat.

Wenn wir uns also mit Mediendidaktik befassen, kann die zentrale Fragestellung mithilfe z. B. dieser Definition erfasst werden:

»Im Mittelpunkt von Mediendidaktik steht allgemein die Fragestellung, wie Medien sinnvoll eingesetzt werden können, um Lehr- und Lernziele effektiv und effizient zu vermitteln. Mediendidaktik hat organisierte Lehr- und Lern-Prozesse mit und durch Medien zum Gegenstand, sie ist die Wissenschaft und Praxis vom Lehren und Lernen mit und über Medien.« [Hervorhebung TL] (Claudia de Witt, Thomas Czerwionka: Mediendidaktik, Bielefeld 2007 (Studientexte für Erwachsenenbildung), S. 11. Online als PDF.)

Oder wie das Lars Qvortrup, Rektor Danmarks Biblioteksskole, formuliert:

Didactics can be defined as reflection of practice, i.e. reflection concerning the way in which the teacher can realise his or her educational objective. Thus, didactics is the theory of the teacher as reflective practitioner [cf. Donald A. Schön: The Reflective Practitioner. Ashgate, Aldershot 1991 [1983]] () specialised in education, while pedagogy is the theory of second order educational reflection, i.e. reflection concerning the unity of education and reflection of education. The subject of pedagogy is educational theory, while the subject of didactics is educational methodology. – via seminar.net

Wann immer es um das Lernen geht, stellt sich für den Lehrenden (und auch für den Lernenden) die Frage, wie das Lernen sinnvoll gelingen kann.

Sinnvoll meint hier u. a., dass überhaupt gelernt wird, dass nachhaltig gelernt wird, dass geklärt ist, welche Fakten gelernt werden müssen und welche auch nachgeschlagen werden können, wenn sie gebraucht werden, dass beim Lernen Fertigkeiten entwickelt werden1 und noch einiges andere mehr. Sinnvolles Lernen meint darüber hinaus, dass altersangemessene Lernangebote gemacht werden. Didaktiker stellen sich also immer auch die Frage, welche Inhalte sinnvoll an welcher Stelle in einem Lernprozess eine Rolle spielen sollen.

In einem mediendidaktischen Seminar werden diese Fragen nun auf solche fokussiert, die mit Medien zu tun haben. Das klingt banal, sei aber zur Klärung dessen, worum es einem von mir verantworteten medienpädagogischen Seminar geht, an dieser Stelle gesagt. Allerdings geht die Begrenzung der Fragestellung noch weiter, ist die Frage nach Medien im Unterricht doch nicht gerade eine neue Frage:

In dem Seminar wird es nicht um »neue Medien« gehen, diesen Lapsus im Titel der Ankündigung im Vorlesungsverzeichnis bitte ich zu entschuldigen. In dem Seminar wird es um digitale Medien in der (schulischen) Bildung gehen. Wie können digitale Medien sinnvoll eingesetzt werden, um dem Lernen zu dienen? Was können digitale Medien? Was können sie nicht? Wann ist es sinnvoll, sich digitaler Medien zu bedienen, und wann sollte man Bücher, Papier und Stift etc. nehmen (oder können diese analogen Medien aufgrund der hohen Integrationsfähigkeit digitaler Medien durch diese ersetzt werden?).

Entsprechend ist das Seminar aufgebaut. Es beginnt mit einer Einführung, die als erste Motivation dient und eine Übersicht über Inhalte und Formalia gibt.

Der erste Schritt ist dann tatsächlich Arbeit an der Sprache und am verfügbaren Vokabular.

Will man mediendidaktisch arbeiten, ist es sinnvoll, die entsprechende Fachsprache kennenzulernen und deren Anwendung zu üben.

Nicht nur im universitären Kontext hilft dieses weiter, sondern vor allem auch im späteren Beruf, wenn man bei der Reflexion über den sinnvollen Einsatz von (digitalen) Medien im Unterricht selbständig reflektieren und entscheiden muss.

Dabei hat »Theorie«, wie sie zu Beginn des Seminars eine Rolle spielt, den Anspruch, Kompetenzen für den Kontext der Berufspraxis aufzubauen. Für Lehrer gilt, wie für viele andere Berufe übrigens auch: Ohne Theorie ist eine gelingende Berufspraxis Zufall.

Für die Teilnehmenden am Seminar bestand bereits die Möglichkeit an der zum Modul gehörenden Vorlesung teilzunehmen und dort theoretisches (sprachliches) Wissen aufzubauen. Es wird aber auch Studierende im Seminar geben, die diese Vorlesung nicht besucht haben. Um in Bezug auf das verfügbare Vokabular und die damit verbundenen Theorien eine gemeinsame Basis zu haben, wird die Lektüre von Claudia de Witt, Thomas Czerwionka: Mediendidaktik, Bielefeld 2007 (Studientexte für Erwachsenenbildung) (Online als PDF verfügbar!) vorausgesetzt.

Nach der Einführungsveranstaltung wird es drei Blockveranstaltungen geben.

Der erste Block baut auf der vorgelagerten Lektüre des vorausgesetzten Buches auf. Flipped oder auch Inverted Classroom bedeutet in diesem Seminar, dass die Begriffe im ersten Block nicht eingeführt, sondern vorausgesetzt werden. Wir werden die Zeit des Seminars nutzen, um Fragen zu den Begriffen und Theorien zu klären und diese praktisch (!) anzuwenden.

In diesem ersten Block werden wir beginnen, uns Medien anzuschauen, die der Vermittlung von Wissen / Kompetenzen dienen. Und da man Fachvokabular und damit verbundene didaktische Theorien nicht durch Auswendiglernen sondern durch deren Anwendug lernt, ist der zweite Schritt, diese Sprache zur Beschreibung der aufgefunden digitalen Lern- / Lehr- / Unterrichts- / BIldungsmedien zu nutzen. – Und schon sind wir mitten im Thema, denn die Differenzierung in Lern- / Lehr- / Unterrichts- / BIldungsmedien setzt voraus, dass die mit den Wörtern gemeinten Unterschiede verstanden werden.

Das Seminar wird also in dem Teil, in dem die Studierenden sich Basiskenntnisse aneignen müssen, in deren Eigenverantwortung übergeben.

Didaktisch ist das sinnvoll: Wer schon in der Vorlesung war, wird vieles überfliegen können, weil es Wiederholung, Vertiefung, vielleicht an der einen oder anderen Stelle eine Erweiterung bereits vorhandener Kenntnisse ist. Im konstruktivistischen Sinne gedacht: Die verfügbaren Anknüpfungspunkte sind umfangreicher, wenn die Vorlesung bereits besucht oder schon didaktische Literatur gelesen wurde. Andere Studierende haben weniger Kenntnisse (Anknüpfungspunkte) und brauchen für die Erarbeitung des Grundvokabulars und der damit verbundenen Bedeutungen der Wörter im Kontext der jeweiligen didaktischen Theorien mehr Zeit.

Im Seminar wird dann die didaktische Praxis im Zentrum stehen, in deren Rahmen natürlich auch digitale Werkzeuge (Medien) eingesetzt werden.

Der erste Schritt dieser Praxis ist im Kontext der Mediendidaktik die Analyse der Ansätze, Möglichkeiten und Grenzen, die Medien für Lernzwecke bieten, wobei wir uns auf digitale Medien fokussieren werden. Dabei wird das Wissen, das durch Lektüre gewonnen wurde, stabilisiert und mit Hilfe seiner praktischen Anwendung nachhaltig verfügbar.

Sind dann die (gewählten) digitalen Medien beschrieben, sind deren Möglichkeiten und Grenzen verdeutlicht worden und ist geklärt, in welchen Unterrichts- / Lernszenarien sie sinnvollerweise eingesetzt werden können, gehen wir am Ende des zweiten Blocks dieses Seminars noch einen Schritt weiter.

Der letzte inhaltliche Schritt des Seminars besteht darin, von der didaktischen Analyse vorhandener Angebote, die Lehrkräfte ständig vornehmen müssen, es handelt sich hier also um eine zentrale Kompetenz, die im Lehrberuf unabdingbar ist, zur didaktisch begründeten Konzeption von Lern- / Lehr- / Unterrichts- / BIldungsmedien zu gelangen. Dazu wird es zwei Möglichkeiten geben: 1. Die Studierenden können überlegen, wie vorhandene Angebote didaktisch begründet weiterentwickelt werden können oder aber 2. die Studierenden entscheiden sich, das Konzept für ein neues, nicht schon vorhandenes Angebot didaktisch begründet zu erstellen.

Die Ergebnisse dieser Arbeit werden im Rahmen einer »Tagung«, als die der dritte Block gestaltet werden soll, vorgestellt und diskutiert.

Ziel des Seminars ist nicht nur, zum didaktisch reflektierten Arbeiten in Bildungskontexten zu befähigen, sondern darüber hinaus auch transparent zu machen, wie didaktische Überlegungen das Seminar selbst prägen, um so zu jedem Zeitpunkt die Bedeutung des Theorie-Praxiszusammenhangs zu zeigen, transparent zu machen und die Lust auch an theoretischer Arbeit zu fördern.

  1. Der Autor nutzt an dieser Stelle den Begriff »Kompetenzen« bewusst nicht, da dieser in der aktuellen Diskussion semantisch etwas anders konfiguriert ist, als es an dieser Stelle gemeint ist. []

Vom Interpretieren literarischer Texte

Beim Interpretieren literarischer Texte steht die Vermittlung des individuellen Leseeindrucks im Zentrum.

Das, was ich beim Lesen entdecke, soll anderen transparent werden.

Es geht nicht zuerst darum, was der Autor sagen wollte; das ist eine nachgelagerten Frage, die literaturwissenschaftlich interessant sein mag, aber beim literarischen Lesen den Fokus verschiebt.

Wenn ich lese, dann geht es um niemanden anderen als um mich als Leser.

Für nichts, was ich als Leser mit einem Text erlebe, muss ich mich irgendwo rechtfertigen. Sogar die Erfahrung, einem Text die Rezeption zu verweigern, muss ich als Leser nicht rechtfertigen. Ich darf natürlich auch nicht lesen. – Es ist allerdings ein Unterschied, ob ein Leser nicht liest oder jemand so grundsätzlich nicht liest, dass er oder sie nicht als Leser oder Leserin bezeichnet werden kann.

Zurück aber zu dem, was es mit der Interpretation eines Textes auf sich hat.

Natürlich bin ich diesem Thema auch in meiner Rolle als Lehrer begegnet: Immer dann, wenn ich Schülerinnen und Schülern nahezulegen versuche, die je eigenen Leseeindrücke als Zugang zu einem Text zu nutzen.

Es ist fast in jeder Klasse das gleiche Phänomen: Frage ich, was beim Lesen der erste Zugang zum Text sei, bekomme ich in unterschiedlicher Reihenfolge doch immer die gleichen Antworten.

  • Man müsse zunächst den Text verstehen.

Damit ist oft nicht gemeint, dass der Text in schwieriger Sprache verfasst ist, gemeint ist wirklich nur das rein inhaltliche Verstehen. Das ist zwar wichtig, aber einen Eindruck von einem Text kann ich schon haben, wenn ich den Text noch nicht »verstanden« habe.

  • Man müsse den Text vor einem Epochenhintergrund sehen und ihn vor diesem zu verstehen versuchen.

Dagegen habe ich, das gilt übrigens für jede hier genannte Antwort, gar nichts einzuwenden. Aber sorry, wenn ich lese, dann passiert etwas zwischen dem Text und mir. Hier. Heute. In der Gegenwart. Die Epoche, aus der ein literarischer Text stammt, ist mir als Leser beim Lesen bis auf Weiteres egal. – Ich halte es entsprechend für keinen Zufall, dass eines meiner Lieblingswerke, Goethes Faust, sich ebenso jeder klaren Epochenzuweisung entzieht, wie das auch bei Shakespeare, Dante, Kleist, Kafka und anderen Giganten der Literatur der Fall ist.

Die ganz große Literatur ist kein Epochenphänomen, sondern entfaltet sich in ihrem Reichtum erst in den Erfahrungen, die Leser unterschiedlichster Epochen mit diesen Werken machen. Entsprechend emanzipieren sich solche Werke auch von ihren Autoren, sodass die Frage, was die Autoren mit Ihnen wollten, wirklich nur noch literaturhistorischer Natur ist. – Mich als Leser interessiert sie nicht. (Als Literaturwissenschaftler hingegen finde ich die Frage durchaus interessant, aber hier geht es um den Leser, der Literatur als Gegenstand persönlicher Begegnung mit dem Werk betrachtet.)

  • Man müsse den Text analysieren, um einen Zugang zu bekommen.

Vor allem, wenn ich mit Schülern und Schülerinnen Gedichte lese, bekomme ich diese Antwort. Vielleicht fällt die Beschäftigung mit Gedichten vielen Schülerinnen und vor allem Schülern deshalb so schwer, weil man die Gedichte gleich verstehen will, statt sie erst einmal auf sich wirken zu lassen und darauf zu achten, was zwischen dem Gedicht und mir als Leser so passiert, zunächst völlig unabhängig von irgendeinem »Veratehen« des Gedichts. Erst, wenn ich mich auf die Suche nach den Gründen mache, was das, was ich mit einem Gedicht (nicht) erlebe, verursachen könnte, kann eine formale Analyse sinnvoll sein. Aber erst dann und wirklich in Bezug auf den Inhalt.

Formale Analysen mögen zeigen, dass jemand Stilmittel zu erkennen gelernt hat, aber zum Veratehen eines Texte tragen sie nur etwas bei, wenn sie auf den Inhalt bezogen werden und möglicherweise Schichten des Verstehens freilegen, die der erste Leseeindruck nicht wahrgenommen hat, die den Leseeindruck vertiefen oder völlig verändern. – So ernst ich den ersten Leseeindruck auch nehme, so bedeutet das nicht, dass dieser sich bei der Beschäftigung mit einem literarischen Text nicht noch verändern kann. Es ist sogar möglich, dass ein erster Leseeindruck bei genauerem Hinsehen an einem literarischen Text nicht belegt werden kann, entsprechend falsch war und korrigiert werden muss.

Es ist eine Herausforderung, Schülern, Schülerinnen und auch anderen Lesenden, die sich interpretierend mit Texten befassen, nahezubringen, dass sie nicht gleich mit den oben skizzierten Antworten an einen Text herangehen, sondern zunächst wirklich darauf zu achten, was zwischen ihnen als individuell Lesenden und einem literarischen Text passiert. Einen Text schriftlich zu interpretieren ist dann nichts anderes, als den eigenen Leseeindruck für andere zugänglich, verständlich, nachvollziehbar zu machen, indem ich ihn verschriftliche.

Dabei überprüfe ich meinen Leseeindruck auch, den ich zu diesem Zwecke in eine Interpretationshypothese gefasst habe, um am Ende mein Leseverständnis nachvollziehbar dargelegt zu haben, um es für mich selbst und gegebenenfalls andere vertieft oder vielleicht auch verworfen zu haben, um zu einem anderen Verstehen des Textes zu gelangen.

Aber auch hier gilt: Wenn nicht literaturwissenschftliche Perspektiven andere Zugangsweisen fordern, fahre ich in der interpretierenden (schriftlichen) Auseinandersetzung mit einem Text immer gut, wenn ich meinen individuellen Leseeindruck solange wie möglich ernst nehme und diesen transparent zu machen versuche. In den meisten Fällen führt dieser Zugang zum Text weiter, als nach Intentionen von Autoren oder epochetypischen Anliegen von Literatur zu fragen. Und für Leser solcher Interpretationen führt dieser Zugang oft auch zu interessanteren Texten.

Die Bedeutung von Literatur liegt unter anderem in den unterschiedlichen Formen ihrer Wahrnehmung durch einzelne Lesende in Epochen und über Epochen hinweg. Vor diesem Hintergrund ist dann meine schriftliche Auseinandersetzung mit einem literarischen Text, die von meinem Leseeindruck ausgeht, für die Bedeutung eines Textes relevant. So übersteigt die schriftliche Fassung meines Leseeindrucks dann mich als Individuum und geht in den Fluss des Verstehens eines Textes über Raum und Zeit hinweg mit ein. Und das ist ja auch keine schlechte Perspektive.

Gefunden: Jeremy Rifkin über die Wirtschaft der Zukunft. ==> Und da soll noch Platz für Schulbücher sein?

Ich bin auf ein Interview mit dem Zukunftsforscher Jeremy Rifkin gestoßen. in diesem wird die These vertreten, dass wir den größten wirtschaftlichen und damit auch gesellschaftlich relevanten Umbruch seit Beginn des [an der Industrie orientierten] Kapitalismus erleben. – Ich erinnerte mich direkt an eine Tagung, in deren Zentrum die Frage stand, wer bestimmt, was an Schulen gelernt wird und welche Rolle Schulbücher in diesem Kontext spielen. Diese beiden Aspekte (Rifkin und meine noch immer nicht abgeschlossene Reflexion der Erkenntnisse dieser Tagung) versuchte ich für mich ein wenig zu reflektieren und lasse die Lesenden dieses Blogs jetzt daran teilhaben. Freue mich, wenn diese Teilhabe zur Teilgabe wird, z. B. mittels der Kommentarmöglichkeit am Ende des Beitrags.

Schulbücher? Schulbuchverlage? Das Schulbuch (auch weiterhin) als Leitmedium mit Medien drum herum. – Schwer vorstellbar.

Doch gerade das hörte ich vor kurzem auf einer Tagung, die sich um die Frage des Schulbuchs und dessen Zukunft drehte. Im Zentrum stehe das Schulbuch und um dieses herum siedelten sich unterschiedlichste Medien an, die auch digitaler Natur seien. Und natürlich werde das alles aus Bildungsmedienbetrieben kommen. OER (Open Educational Resources) und cloudbasierte Projekte wurden in diesem Rahmen nicht wirklich als zukunftsfähige Alternativen betrachtet, die das bislang übliche Niveau erreichen und konstant halten könnten, das bisherige Bildungsmedienanbieter professionell seit Jahrzehnten sicherstellten.

Als ich im Rahmen einer Podiumsdiskussion bei dieser Tagung die Position einnahm, dass Professionalität in Bezug auf Lernmedien in Zukunft nicht mehr auf der heute bekannten Professionalität der Erstellung von Schulbüchern basieren, sondern anderer Art sein werde, spürte ich die deutlich wahrnehmbare Skepsis derer, die sich auf das KnowHow des Schulbuchmachens (im Medienverbund) verlassen und sich kaum vorstellen können, vielleicht teilweise aber irgendwie ahnen, dass dieses Wissen, diese Professionalität vor einem völligen Umbruch hin zu einer anderen Professionalität in Sachen Bildungsmedienerstellung steht.

Wie diese Professionalität en detail aussehen wird, wissen wir noch nicht. Sie wird aber etwas mit Vernetzung, Mobilität etc. zu tun haben. Jeremy Rifkin prognostiziert da manches, was auch für Bildung und Schule relevant sein wird. Ob dabei OER eine Rolle spielen werden, ist natürlich offen, denn auch die Inhalte werden sich wohl  in Richtungen weiter entwickeln, bei denen die Frage der Lizenzen möglicherweise nicht mehr so im Vordergrund stehen wird, wie das heute noch der Fall ist. Wie wird sich das, was Jeremy Rifkin als das  Null-Grenzkosten-Phänomen bezeichnet, im Bildungssektor auswirken? Wie werden sich Schulen als Gebäude und Schule als Institution vor diesem Hintergrund verändern?

Wer Antworten von mir erwartet, muss sich da noch gedulden, denn momentan versuche ich vor allem zunächst einmal die richtigen Fragen zu finden. Aber man kann ja auch eigene Fragen teilen und sich darüber austauschen. Vielleicht hat der eine oder die andere dazu ja Lust. Die Kommentarfunktion freut sich auf konstruktive Nutzung. http://www.zeit.de/2014/50/jeremy-rifkin-kapitalismus-revolution/komplettansicht